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aus Heft 39/2015 Die Gewissensfrage

Bei Antwort Desinteresse

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Wer nicht fragt, bleibt dumm. Was aber, wenn einen die Antwort beim Zuhören schon gar nicht mehr interessiert?

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»Meine vierjährige Tochter hat mir heute eine Frage gestellt. Als ich etwas länger antwortete, sagte sie, das interessiere sie nicht. Ich gab zurück, dann hätte sie nicht fragen sollen, worauf sie meinte, sie könne nicht wissen, ob es sie interessiert, da sie die Antwort ja nicht gewusst habe. Muss sich ein Fragender nicht dennoch die Antwort anhören?« Anna S., Starnberg


Bei Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf kann man den schönen Satz lesen: »Na ja, eine höfliche Frage verlangt eine höfliche Antwort.« Diese kluge Erkenntnis möchte ich fortsetzen und sagen: »Na ja, eine höfliche Antwort verlangt ein höfliches Zuhören.« Im Grund scheint sich das aus der Wechselseitigkeit von Frage und Antwort zu ergeben. Und wenn der Antwortende schon so höflich war, auf eine Frage zu antworten, sollte der Fragende dann auch so höflich sein zuzuhören.

Der tiefere Grund dürfte wieder einmal bei Immanuel Kant liegen, genauer bei seinem Verbot, einen anderen Menschen »bloß als Mittel« zu gebrauchen. Wenn man von jemandem etwas wissen will, benutzt man ihn als Mittel zur Erlangung dieser Information. Aber derjenige bleibt eigenständig sowohl in der Entscheidung, ob er oder sie antwortet, als auch darin, was und wie umfangreich. Unterbricht man ihn jedoch, weil man das, was er antwortet, doch nicht wissen will, zeigt man, dass man nur an einer bestimmten Information interessiert ist, nicht aber an dem, was der andere zu diesem Thema sagen will. Man reduziert ihn tatsächlich auf ein Auskunftsmittel. Das ist es auch, was den unterbrochenen Antwortenden verletzt.

Andererseits kennt man das Problem, dass jemand eine harmlose Frage zum Anlass nimmt, endlose Monologe zu führen. Im Englischen gibt es dafür den schönen Ausdruck TMI. Er steht für »too much information« – zu viel Information. Was wie hier zu viele, aber auch zu genaue, im Sinne von zu intime oder abstoßende Details bedeuten kann. Nur, wo findet man die Grenze, ab der man nicht mehr zuhören muss? Auch die scheint mir Kant zu zeigen: Dann, wenn die Antwort nicht mehr für den Fragenden erfolgt, sondern umgekehrt der Antwortende den Fragesteller als bloßes Mittel für seine Selbstdarstellung gebraucht. Dann gilt: TMI.


Literatur:

Immanuel Kants Kategorischer Imperativ in der sogenannten Selbstzweckformel oder Zweck-Mittel-Formel lautet: »Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.«

Auf derselben Seite erläutert Kant noch einmal: »Der Mensch aber ist keine Sache, mithin nicht etwas, das bloß als Mittel gebraucht werden kann, sondern muß bei allen seinen Handlungen jederzeit als Zweck an sich selbst betrachtet werden.«

Zu finden in: Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie Ausgabe Band IV, S. 429; online abrufbar hier.

Einen guten Überblick über den Kategorischen Imperativ und seine Varianten bietet: Kant für Anfänger. Der kategorische Imperativ. Eine Lese-Einführung von Ralf Ludwig, dtv München 1999

Astrid Lindgren, Pippi Langstrumpf geht an Bord, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg, 1970, Zweites Kapitel, Pippi geht einkaufen, S. 23f.


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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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