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aus Heft 39/2015 Design & Wohnen

Ein Stuhl für alle Fälle

Von Patrick Bauer  Fotos: Charlotte Schreiber

In jedem Schlafzimmer steht ein Stuhl, auf dem sich Klamotten stapeln. Aber mit Chaos hat das nichts zu tun. Warum der Ablagestuhl eines der wichtigsten Möbelstücke ist.

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Der New Yorker Comedian Josh Ostrovsky, der auf Instagram unter dem Namen @thefatjewish mit Bildwitzen bekannt geworden ist, veröffentlichte dort kürzlich das Foto eines Bürostuhls, der von einem Haufen getragener Klamotten bedeckt ist. Dazu hatte er geschrieben: »JEDER KENNT ›DEN STUHL‹: Wir mögen unsere Differenzen haben, aber wir alle können uns darauf einigen, dass man im Schlafzimmer einen Stuhl braucht, auf dem wir diversen Scheiß abladen können.«

232 847 Menschen gefiel der Beitrag. Es war die denkbar schönste Ode auf ein viel zu selten gelobtes und wohl noch nie besungenes Möbelstück. Auf den Ablagestuhl.

232 847 Menschen erkannten in dem Bild den Stuhl in ihrem eigenen Schlafzimmer, und sie sahen: Es ist normal, einen Ablagestuhl zu haben. Damit hat Ostrovsky einen ausgesprochen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass der Ablagestuhl künftig die verdiente Wertschätzung erfährt. Denn das größte Problem des Ablagestuhls war bisher, dass man ihn für ein Problem hielt. Für eine Übergangslösung. Für einen Einrichtungsmakel. Für einen Möbeldefekt. Für eine Sitzgelegenheit, auf der man nicht sitzen kann.

Aber warum sollte man sitzen im Schlafzimmer? Man liegt im Schlafzimmer, und da dieses sich nicht im Krankenhaus befindet, muss niemand Platz nehmen neben dem Bett, wenn man darin liegt. Der Ablagestuhl ist überhaupt nicht zum Sitzen gedacht. Klar, man könnte einwenden, dass dann genauso gut eine Truhe auf dem Platz des Ablagestuhls stehen könnte, aber bitte, eine Truhe ist wuchtig, ein Stuhl dagegen unauffällig und formschön, ein Stuhl wirkt in keinem Raum deplatziert.

Es gibt keine Alternative zum Ablagestuhl. Oder soll man stattdessen Garderobenhaken an die Schlafzimmerwand hängen? Das ist doch keine Umkleidekabine. Soll man irgend so einen Kleiderständer aufstellen? Da passt kaum etwas dran. Soll man die Kleidungsstücke, die man vor dem Zubettgehen auszieht, auf den Boden werfen? Das wäre etwas arg pubertär. Oder soll man vielleicht einen geflochtenen Wäschekorb, so einen mit Deckel, am Bett stehen haben? Erstens: wieder viel hässlicher als ein guter Stuhl. Zweitens: Der Ablagestuhl ist nicht für Schmutzwäsche da, noch so ein Missverständnis.

Die Klamotten, die auf dem Ablagestuhl landen, befinden sich vielmehr in der Grauzone zwischen schmutzig und wiederanziehbar. Menschen, die den Ablagestuhl ernst nehmen, Ablagestuhlpuristen, legen keine schmutzigen Socken oder Unterhosen auf den Ablagestuhl. Oder sie sortieren sie wenigstens alle 24 Stunden aus dem Haufen heraus. Schmutzige Socken oder Unterhosen verbringen die erste Nacht ausnahmsweise doch auf dem Schlafzimmerboden, oder, wenn man das nicht erträgt, gleich in diesem hässlichen geflochtenen Wäschekorb mit Deckel, der aber im Bad zu stehen hat.

Die Klamotten auf dem Ablagestuhl müssen noch nicht gewaschen werden, höchstens gelüftet, wozu sich der Ablagestuhl gut eignet. Meistens handelt es sich um Pullover, Hosen, Sakkos, T-Shirts, die man nur kurz nach der Arbeit anhatte, oder T-Shirts, die man gestern Nacht beim Schlafen getragen hat, aber nun es ist zu warm, und man will unbekleidet schlafen. Man könnte manche der Ablagestuhlklamotten am nächsten Tag erneut tragen, tut das aber nicht, weil man dann die Sachen vom Vortrag anhätte, was auffallen könnte. Aber übermorgen dürfte man sie tragen. Oder am Wochenende. Bei der nächsten Dienstreise. Oder wenn man noch mal wandern geht.

Ja, zugegeben, vielleicht gehören die Zwitterklamotten vom Ablagestuhl eigentlich zurück in den Kleiderschrank sortiert, aber nicht immer steht der Kleiderschrank im Schlafzimmer, und selbst, wenn er dort steht und man nicht zu müde ist, ihn zu öffnen: Will man ein Neben- und Übereinander von Frischgewaschenem und Halbgetragenem? Will man, dass sich der Geruch von Feinwaschmittel mit dem von einem Abend im Biergarten vermengt?

Die Klamotten vom Ablagestuhl befinden sich in einer eigenen Dimension, und bis die Menschen aus Faulheit und Liebe zu simplen Lösungen begannen, sie über diesen Stuhl im Schlafzimmer zu werfen, war für sie kein Möbelstück vorgesehen. Im Gesamtkreislauf eines Haushalts ist für Anziehsachen, die weder an den Bügel noch in die Waschmaschine gehören, kein Platz. Und deswegen darf man die Bedeutung des Ablagestuhls nicht unterschätzen. Der Ablagestuhl sieht nach größtmöglichem Chaos aus. In Wahrheit hält er die Ordnung aufrecht.
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Patrick Bauer

teilt sich einen Rattan-Hocker mit seiner Frau. Viel zu klein für all die Kleidung. Deshalb freute sich Bauer, als seine Frau jüngst zusätzlich einen Schaukelstuhl neben das Bett stellte. Die Hose, die er darüberhängte, lag aber am Morgen auf dem Boden: Der Schaukelstuhl ist leider ausschließlich zum Stillen der Tochter gedacht.

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