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aus Heft 39/2015 Design & Wohnen

»Ein Gebäude zu entwerfen ist kinderleicht«

Interview: Sven Michaelsen  Fotos: Julian Baumann, Jörg von Bruchhausen

Star-Architekt David Chipperfield erklärt, ob schöne Häuser uns zu besseren Menschen machen und wie es sich anfühlt, zur Hassfigur deutscher Wutbürger (und von Günther Jauch) zu werden.



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SZ-Magazin: Menschen, die meinen, Sie zu kennen, sagen, die entscheidende Figur Ihres Lebens sei Ihre Frau Evelyn Stern, eine deutschstämmige Jüdin.

David Chipperfield: Evelyns Familie floh vor den Nazis nach Argentinien. Als Evelyn 14 war, sagte ihr Großvater, er wolle zurück nach Hause. Mit zu Hause meinte er Köln. Die Familie entgegnete, das Köln, das er kenne, gebe es wegen des Bombenkrieges nicht mehr, und von seinem Stammtisch sei dank Hitler niemand mehr am Leben. Der Großvater aber blieb stur. So kam Evelyn mit 14 nach Köln, ohne Deutsch zu können. Nach ihrem Einser-Abitur studierte sie in Frankfurt, New York und London Germanistik. Wir lernten uns kennen, als sie in London für das Kunstmagazin FMR arbeitete.

Wie hat Ihre Frau Sie verändert?
Der bedingungslose Zusammenhalt einer jüdischen Familie war Neuland für mich. Man ist zwar regelrecht aufgefordert, sich nach Lust und Laune zu streiten, aber diese ständigen Reibereien beschädigen nicht das Gefühl der Zugehörigkeit und des Sich-aufeinander-verlassen-Könnens. Es ist ein bisschen wie bei einem Naturvolk: Egal wie alt du schon bist, du bleibst an deinen Stamm gebunden bis ans Ende aller Tage. In dieser Atmosphäre habe ich unter Evelyns sanftem Druck gelernt, dass es notwendig ist, Probleme selbst anzusprechen. Das war nicht einfach für einen verschlossenen und eher wortkargen angelsächsischen Mann. Unser sehr englischer Familienarzt sagt heute über uns, wir würden hyperkommunizieren.

Ihre Eltern gehörten zur Arbeiterklasse und wurden später Landwirte. Mochten Sie das Landleben?
Mein Vater verließ mit 14 die Schule und wurde wie sein Vater Polsterer. Als ich vier war, zogen wir von London auf einen abgelegenen Bauernhof in der Grafschaft Devon im Südwesten Englands. Auf eigene Faust als Landwirt zwischen Kühen und Hühnern zu leben war der Lebenstraum meines Vaters. Mich machte die Isolation zu einem schüchternen und gehemmten Jungen, der kaum Freunde hatte.

Warum kamen Sie mit 14 auf ein Internat?
Mein Vater wollte seinen Kindern die Bildung ermöglichen, die ihm versagt geblieben war. Da die Schulen in unserer Umgebung keinen guten Ruf hatten, schickte er uns unter großen finanziellen Opfern auf ein Internat in Somerset. Ich lernte schnell, dass Internate eine geschlossene Welt sind, in der es grausam zugehen kann. Eine fundamentale Regel hieß: Wenn du nicht zum Eckensteher werden willst, der von allen gepiesackt wird, musst du dich mit irgendetwas hervortun. Da ich im Unterricht keine guten Noten bekam, entschied ich mich für den Sportplatz. Ich wollte zum besten Läufer der Schule werden.

Wurden Sie es?
Ich bin nicht zum Läufer geboren, aber ich trainierte härter als jeder andere. Da man nach dem Unterricht nicht nach Hause geht, sind die Tage in einem Internat endlos. Ich hatte also jeden Tag vier, fünf Stunden Zeit, mich zu quälen. Nach einem Jahr war ich der beste Mittelstreckenläufer des Bezirks und Captain des Leichtathletik-Teams. Diese Erfahrung gehört zu den entscheidenden Lektionen meines Lebens: Obwohl dein Talent begrenzt ist, kannst du gewinnen, vorausgesetzt, dein Siegeswille ist stärker als der deiner Konkurrenten. Sport hat mir beigebracht, an mich selbst zu glauben.

Wann kamen Sie mit Architektur in Berührung?
Als ich 15 war, kaufte mein Vater in unserer Nachbarschaft einen Bauernhof, den er in Ferienwohnungen umwandeln wollte. Wenn ich Sommerferien hatte, half ich ihm. Es hieß dann ziemlich schnell, ich hätte ein Auge für Architektur. Ich konnte mich über dieses Lob nicht freuen, denn ich wollte Tierarzt werden, aber dafür reichten meine Noten nicht.

Als Sie 18 waren, wanderten Ihre Eltern nach Australien aus.
Sie sagten, es sei mir überlassen, mitzukommen oder zu bleiben. Da ich gerade einen Studienplatz in London bekommen hatte, blieb ich. Seither ist unser Verhältnis distanziert. Mein Vater besucht mich einmal im Jahr für eine Woche.

Als Sie 1977 Ihr Architekturstudium beendeten, steckte England in einer katastrophalen Rezession.
Als der Käfig aufging, gab es für uns keine Arbeit. Margaret Thatcher hatte den sozialen Wohnungsbau gekillt, und in der Architektur gab Prince Charles den Ton an. Das war ein doppeltes Verhängnis für jeden, der anders bauen wollte.

Anfang der Achtzigerjahre war Ihr Chef Norman Foster, ein ehemaliger Türsteher, der es zum berühmtesten lebenden Architekten gebracht hat, 1200 Mitarbeiter beschäftigt und seit 1999 den Titel Baron Foster of Thames Bank trägt. Wie war es, für den jungen Foster zu arbeiten?
Norman hatte Anfang der Sechziger dank eines Stipendiums an der Yale School of Architecture in Connecticut studiert. Für ein Arbeiterkind aus Manchester muss das ungeheuer aufregend gewesen sein. Amerika und die amerikanische Architektur waren nie spannender als zu jener Zeit. Norman wurde geprägt durch aufstrebende Weltkonzerne wie IBM, die für den Bau ihrer Gebäude ein Vermögen ausgaben. Mit diesen superglamourösen Ideen im Kopf kam er zurück ins altmodische, provinzielle England, wo Architekten Krawatten trugen und sich mittags zum Lunch in ihrem Club trafen. Architekten glaubten, gesetzte Gentlemen sein zu müssen, aber Norman bewies ihnen, dass es auch ganz anders ging. Seine ostentative Hemdsärmeligkeit war seine Rache an der verzopften englischen Oberschicht. Als ich das erste Mal in sein Londoner Büro kam, betrat ich eine neue Welt. Schon die Luft war anders. Man spürte ein kreatives Vibrieren, als wollte da jemand die Welt aus den Angeln heben und neu zusammensetzen. Mein ältester Sohn arbeitet bei Apple für den Designchef Jonathan Ive. Wenn ich ihn in Cupertino besuche, denke ich, genauso war die Atmosphäre bei Norman Anfang der Achtziger. Man fühlt sich einem elitären Orden zugehörig, den man auch nicht verlässt, wenn man unglücklich ist.

Wie lange war Foster Ihr Chef?
Nach drei Jahren hatte ich genug gesehen und ging für vier Jahre nach Japan. Von der japanischen Kultur habe ich etwas Entscheidendes gelernt: Sich um die Gestaltung scheinbar belangloser Alltagsgegenstände zu kümmern, intensiviert das Leben. Das Normale wird besonders, wenn man es mit Sorgfalt und Achtsamkeit behandelt. Eine zweite Lektion hieß: Weglassen. Sich um die Bewegung der Luft in einem Raum zu kümmern kann wichtiger sein als die gesamte Inneneinrichtung.

Nach Ihrer Rückkehr machten Sie im Londoner Vorort Kingston-upon-Thames aus einem hässlichen Fünfzigerjahre-Bau ein minimalistisch-modernistisches Haus für den Fotografen Nick Knight. Die Anwohner liefen Sturm.
Die Proteste gipfelten in einer wutschäumenden Petition an Prince Charles. Moderne Architektur war für diese Menschen ein Anschlag auf ihre heile Vorstadtwelt, in der man sonntags sein Auto wusch und die Rosen im Vorgarten wässerte. Die Frau von gegenüber öffnete ihre Vorhänge ein Jahr lang nicht. Der Bau war für sie ein Frevel, der alles beleidigte, an das sie glaubte. Die Leidenschaft und der Hass schockierten mich, andererseits war ich fasziniert, dass Architektur solche Gefühlsstürme auslösen konnte. Ich fühlte mich wie jemand, der acht Jahre Medizin studiert hat und dann feststellen muss, dass die Menschen Ärzte hassen.

Dass Sie Anfang der Neunziger in Deutschland Fuß fassten, verdanken Sie einem Kunstberater, der zurzeit wegen Millionenbetruges eine sechsjährige Gefängnisstrafe verbüßt.
Was mit Helge Achenbach geschehen ist, tut mir sehr weh. Ich kann nur Gutes über ihn sagen. Er schlug vor, dass ich für den Maler Jörg Immendorff ein Studio im Düsseldorfer Hafen entwerfe, und als wir gut miteinander auskamen, machte er mich mit dem damaligen Bahn-Chef Heinz Dürr bekannt, der in Berlin ein Haus für seine Familie bauen wollte. So reihte sich ein Projekt ans nächste, aber Helge verlangte nie Geld von mir für seine Vermittlungsdienste. Ich kenne ihn als Zigarre rauchendes und vor Lebensfreude strotzendes Kraftpaket, deshalb fällt es mir schwer, ihn mir als Insassen einer Gefängniszelle vorzustellen.

Die frühen Theologen meinten, Architektur forme die Menschen nachhaltiger als die Heilige Schrift. Teilen Sie diese Meinung?
Lassen Sie mich statt über Gott lieber über Statistik sprechen. Wir gestalten weltweit die Boutiquen von Valentino. Als wir damit anfingen, erzählten Verkäufer, das Verhalten der Kunden habe sich auffällig verändert. Die Firmenleitung ließ dieses Phänomen untersuchen, und es stellte sich heraus, dass die Verweildauer der Kunden sich verdreifacht hatte. Für mich war daran wichtig, dass Architektur es schaffen kann, das Tempo der Menschen zu verlangsamen.

Kann uns gute Architektur zu besseren Menschen machen?
Jedes Gebäude suggeriert uns, eine ganz bestimmte Sorte Mensch zu sein. Gelungene Architektur bringt das Beste in uns zum Vorschein: Offenheit, Großzügigkeit, Sanftmut, Ruhe, Harmonie, Freundlichkeit. Umgekehrt kann ein Raum einen Kriechstrom aus Einsamkeit und Sinnlosigkeit in uns erzeugen.

Leiden Sie körperlich unter schlechter Architektur?
Nicht sehr. Ich finde interessant, wie gut geplante Städte hässliche Architektur wegstecken können. Nehmen Sie Stockholm. Da müssten Sie eine Menge hässlicher Bauten errichten, um das Gesamtbild zu verschandeln. Ich lebe zwei Monate im Jahr hier in meinem Ferienhaus in Galicien. In diesem Fischerdorf gibt es die schlimmste Architektur, die man sich vorstellen kann, brutal pragmatisch und rücksichtslos gegenüber der natürlichen Umgebung. Dennoch strahlen die Häuser eine Art Ehrlichkeit aus. Es gibt nur eins, was mich wirklich aufbringt, und das ist zynische Architektur.

Was verstehen Sie darunter?
Ein Gebäude ist zynisch, wenn der Architekt seinen ästhetischen Ehrgeiz und die Liebe zu seinem Beruf aufgegeben hat und nur noch an die Profitmaximierung seines Auftraggebers denkt. Nicht schlechter Geschmack ruiniert die Welt, sondern Architekten, die vergessen haben, dass sie als Berufsanfänger die Welt zu einem besseren Ort machen wollten. Ein Gebäude zu entwerfen ist kinderleicht und kostet nicht viel Zeit, eigentlich kann das jeder. Die Herausforderung beginnt, wenn Sie an die Menschen denken, die in diesem Gebäude leben sollen.

Die meisten Neubauten in den Stadtzentren sehen wie begehbare Anlagedepots aus. Doch statt zu fragen, wer für die Hässlichkeiten verantwortlich ist, reagieren die Menschen mit Apathie und Fatalismus. Wie erklären Sie das?
Die Menschen haben das Gefühl, Architektur sei etwas, was ihnen zustößt, was sie erleiden. Ein vernichtenderes Urteil über unseren Berufsstand kann es nicht geben. Dass die Menschen auf Bausünden so lethargisch reagieren, liegt auch an der Unsichtbarkeit der Verantwortlichen. Vor welcher Investmentbank soll man demonstrieren, wenn wieder einer dieser fratzenhaften Geldtürme entsteht?

In Ihrer Geburtsstadt London werden in den nächsten Jahren rund 250 neue Hochhäuser entstehen. Gibt es jemanden, der sich um das ästhetische Gesamtbild kümmert?
Nein. Thatcher hat die Stadtplanung zerschlagen. Sie verteufelte es als staatlichen Dirigismus, dass eine Behörde Einfluss auf das Gesicht einer Stadt nimmt. Es gibt deshalb niemanden mehr, der fragt, welchen Nutzen diese Flut neuer Hochhäuser haben soll. Der neue Götze heißt Investition. Investoren scheren sich aber einen Dreck um die Pläne eines Architekten. Er wird zum Komplizen des Kapitals. Es gibt in London Tonnen von Geld, das sich in den Boden bohren will wie ein gefräßiger Wurm, und zeigen Sie mir den Politiker, der den Mut hat zu sagen: Lieber Investor, wir wollen deine vielen Millionen nicht, weil dein Gebäudekomplex so trostlos hässlich ist, dass man lebensmüde wird. London ist dabei, eine Art Shanghai zu werden.

Sie haben ein Jahrzehnt an der Umgestaltung des Neuen Museums in Berlin gearbeitet. Welche Erfahrung haben Sie mit Berliner Stadtplanern gemacht?
Berlin hat gegenüber London einen gewichtigen Vorteil: Es gibt dort keine chinesischen Milliardäre, die Schlange stehen, um im Stadtzentrum sechzigstöckige Hochhäuser mit ultraluxuriösen Apartments in den Boden zu rammen. Das Problem ist: Berlin betreibt Stadtplanung, hat aber kaum Investoren. In London ist es genau umgekehrt.

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Sven Michaelsen

lernte in seinen zwei Tagen im Ferienhaus von David Chipperfield dessen Ruhe und Konzentration zu schätzen. Obwohl es galt, für zwanzig Gäste der Familie im Alleingang dreigängige Menüs zuzubereiten, zeigte der 61-Jährige stoische Gelassenheit am Herd. Die Abende beschloss er mit einem Glas Whisky und Liedern zur Gitarre. Auch über Chipperfields Singstimme lässt sich nur Gutes sagen.

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