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Nackte Zahlen: Sexkolumne 05. Oktober 2015

Fuß-Bett-Fetisch

Von Till Raether  Illustration: Sammy Slabbinck

Suchbegriffe auf Erotik-Portalen sagen viel über den sexuellen Zeitgeist aus. Die Deutschen zum Beispiel lieben gerade Birkenstock ein bisschen zu doll. Drei Hypothesen, warum.

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Sandalen der Marke Birkenstock werden, seit Kate Moss sie Anfang der 90er auf Modefotos trug, alle paar Jahre aufs Neue zum Fashion-Item erklärt, zuletzt in Kombination mit Socken.

Was noch fehlte, war die Ausprägung eines verbreiteten Birkenstock-Fetischs. Jetzt haben ihn Statistiker nachgewiesen, jedenfalls jene der Webseite mydirtyhobby.de, laut Selbstauskunft »das weltweit größte Portal für private Erotik von zu Hause« (»Erotik von zu Hause« ist das neue »Futtern wie bei Muttern«). Sie bereinigten die häufigsten Suchanfragen auf der Seite um gängige Sexbegriffe, bis nur noch Kurioses übrigblieb, und da steht dann auf Platz 1 der Suchbegriffe »Birkenstock«.

Ganz direkt gefragt: Was ist so geil an Birkenstocks? Dazu ein paar Hypothesen:

1. Sex ist in der Birkenstock-DNS: Ihr Urvater Konrad Birkenstock war der Erfinder des seitdem so genannten »Fußbetts«: Die ersten Birkenstock-Kartons im 19. Jahrhundert zeigten einen Riesenfuß in einem Federbett. Vielleicht nicht purer Sex, aber wenn man so will, Softerotik für Birkenstock-Fans. Dennoch: Niemand außerhalb von Internet-Porno-Seiten denkt bei Birkenstock an Sex (im Magazin »The New Yorker« erschien im Frühjahr eine Analyse des Birkenstock-Erfolgs; der Text hat 5.000 Wörter, kein einziges davon ist »Sex« oder »sexy«).
 
2. »Birkenstock« ist umgangssprachlich für Dauererektion: Äh, nein. Der Imagewandels der Gesundheitssandalen wurde zwar vor allem durch Erfolge in den USA eingeleitet, und »wood« bezeichnet dort umgangssprachlich eine Erektion; im Internet-Slang-Lexikon urbandictionary.com jedoch findet sich unter sieben Definitionen von »Birkenstock« keine einzige explizit sexuelle, was absolut einzigartig für urbandictionary.com ist. »Birkenstock« wird dort in unterschiedlichen Varianten überwiegend als »bequemer, aber hässlicher Schuh« übersetzt.

3. Internet-Porno ist das neue Pantoffelkino: Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Die Birkenstock-Sandale ist vermutlich nur ein Symbol für etwas Vertrautes, Naheliegendes, durch und durch Unerotisches, und die abgehärteten Nutzerinnen und Nutzer von Amateur-Sex-Seiten haben inzwischen auf der Suche nach immer ausgefalleneren Kicks das Spektrum so weit zur extremen Seite verlassen, dass sie auf der anderen Seite des Spektrums wieder rausgekommen sind und ihnen wahre Erregung nur noch das absolut Banale verspricht.

»Birkenstock« als populärster non-sexueller Suchbegriff einer Sex-Website ist womöglich erst der Anfang: Immerhin gibt es hier noch die Verbindung zum Fuß, traditionell eine Kernkörperregion des Fetischismus. Für die Zukunft sind, wenn man den Birkenstock-Sex-Trend hochrechnet, vermutlich noch banalere, alltäglichere und darum aus der Sicht der Kenner noch versautere Top-Suchbegriffe zu erwarten: »Steuererklärung«, »Wochentag«, »Druckbleistift«, »Seehofer«, »Estrich«, um nur einige zu nennen.

Bis es jedoch so weit ist, darf man sich vorstellen oder versuchen, sich nicht vorzustellen, dass auch im aktuellen Birkenstock-Fall das Angebot der Nachfrage folgen wird, und dass die Produktion einschlägigen Materials derzeit auf Hochtouren läuft.

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Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Julia Rothhaas.