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aus Heft 42/2015 Tiere/Pflanzen

Zur Natur zurück

Von Kerstin Greiner  Fotos: Tanja Kernweiss und Ulrike Merzyk

Können Tiere aus der Massentierhaltung je wieder ein normales Leben in Freiheit führen? Ein Experiment mit fünf Schweinen.




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1. Juni

Die Sau liegt in einem Gitterverschlag, die Ohren über die Augen geklappt, ein müder Fleischberg von 200 Kilo. Ein Lichtstrahl schimmert durch eine milchige Glasluke auf das Tier. Für eine Schweinezucht- und Mastanlage mit mehr als 800 Tieren ist es in diesem Raum erstaunlich leise. Hier warten die ausgesonderten Zuchtsauen auf ihre letzte Reise zum Schlachter. So wie Svenja heute.

Svenja ist zweieinhalb Jahre alt, eine »Large Black«, so nennt man ihre britische Rasse; sie heißt eigentlich nicht Svenja, kein Schwein in dieser Anlage nördlich von München trägt einen Namen, ich habe sie nur so getauft. Svenja lebte hier, um zu gebären, einen Wurf nach dem andern: Drei Monate, drei Wochen und drei Tage trägt eine Sau, dann wirft sie zwölf bis 14 Ferkel. 28 Tage liegt sie mit ihnen in ihrem Käfig, einem »Kastenstand«, in dem sie sich nicht drehen und nicht laufen kann, damit sie keines aus Versehen zertritt.

Dann kommen die Ferkel mit vielen anderen in eine Mastanlage, wo sie aus computergesteuerten Fressautomaten ihr Hochleistungsfutter bekommen, um in sieben Monaten auf 110 Kilo Schlachtreife zu wachsen. Die Zuchtsau wird fünf bis sechs Tage nach dem Absetzen der Ferkel »rauschig« und wieder künstlich besamt. Zwei- bis dreimal wirft eine Sau im Jahr. 99,3 Prozent des Schweinefleisches in Deutschland entsteht auf diese Art.

Mit Svenjas Hilfe aber nicht mehr: Zweimal hat sie nicht »aufgenommen«, wie es heißt, sie ist also nicht mehr schwanger geworden trotz künstlicher Befruchtung. Und welchen Zweck sollte eine Zuchtsau, die nicht mehr gebiert, für Menschen haben, als in der Wurst zu landen? Heute wäre Svenjas Todestag. Doch es wird ihr Glückstag. Denn ab heute soll sie resozialisiert werden.

Vor 15 Jahren hat das SZ-Magazin schon einmal eine Tier-Resozialisierung unternommen: Damals schenkten wir drei Hühnern aus der Legebatterie auf einem Biobauernhof ein neues Leben (sz.de/magazin/endlichfrei). Jetzt wollen wir wissen, wie sich Schweine nach der Intensivhaltung auf einem Bauernhof im Freigehege verhalten, bei Licht, Luft, Gras, Erde und Wasser – und was sie für Auffälligkeiten zeigen.

»Aber Vorsicht: Schweine sind kreislaufsensible Tiere mit schwachen Herzen. Wir sollten nicht nur eins aus der Mastanlage holen«, hatte Hans Hinrich Sambraus, 80, vorweg schon gewarnt. Sambraus ist Professor Doktor Doktor, doppelt promoviert in Tiermedizin und Zoologie; die Tierverhaltensforschung hat er noch bei Konrad Lorenz gelernt. In Deutschland gilt Sambraus als Koryphäe für Nutztierrassen, und er wird wie schon damals bei den Hühnern den Versuch begleiten. »Früher, als der Hauptgewinn bei einer Landlotterie oft ein Ferkel mit roter Schleife um den Bauch war, musste dem Gewinner manchmal ein totes Tier übergeben werden, so sehr regen sich manche Schweine auf«, erklärt er. »Wegen ihrer schwachen Herzen werden Schweine auch besonders reizarm gehalten.« Sind sie allein, regen sie sich noch mehr auf. Also werden wir neben unserer Zuchtsau noch ein paar Mastschweine befreien, damit alle sich sicherer fühlen.

Öffnet man die Stahltüren zu den Mastanlagen, bewegen sich Hunderte von Schweinen wie eine Welle weg von den Eindringlingen, zur Wand hin, übereinander, untereinander, ein Schwein gewordener Schreck. Schweine in der Intensivhaltung haben wenig Kontakt zu Menschen. Es geht darum, unerhört große Mengen von Fleisch auf wenig Raum mit geringem Personalaufwand in kürzester Zeit zur Schlachtreife zu bringen. Die Pfleger, die in solchen Anlagen arbeiten, klopfen manchmal sogar höflich an, bevor sie eine der Schweinemasthallen betreten: damit der Schreck nicht zu groß ist. In Deutschland sollen Pfleger mindestens einmal am Tag bei den Schweinen vorbeischauen. In China existieren dagegen bereits Mastanlagen, in denen für 100 000 Schweine nur ein Pfleger zuständig ist: in Mastanlagen, groß wie Städte.

Die Ställe nördlich von München sind vollklimatisiert, von der Decke strahlt künstliches Licht. Ein Chip im Ohr steuert, welches und wie viel Futter die computergesteuerten Futterautomaten einem Schwein geben. Kot und Harn laufen über den »Vollspaltenboden« ab, Beton- oder Metallboden mit Spalten. Dadurch bleibt der Stall ohne großen Aufwand sauber. Aber: Laut einer neuen Studie der tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München haben 90 Prozent aller Mastschweine Gelenkentzündungen, die durch Dauerreizungen von den harten Böden entstehen, zum Teil blutend und begleitet von schweren Hautveränderungen. Außerdem verbringen die Schweine ihr Leben über ihren Exkrementen. Sonne kennen auf diese Weise gehaltene Mastschweine nicht, auch keinen Himmel, keinen Erdboden, kein Gras, kein Badewasser, keinen Regen, keinen Wind, kein Stroh.

Schweine in der Intensivhaltung tragen nicht selten Bisse, blutige Kratzer oder Fleischwunden am Körper: Weil Schweine soziale Tiere sind und Rangkämpfe austragen, verletzen sie sich gegenseitig, wenn sie nicht genug Platz haben. »Sie können dem Rivalen nicht ausweichen«, erklärt Hans Hinrich Sambraus. Einem Mastschwein von fünfzig bis 110 Kilo steht in der Intensivhaltung ein Platz von 0,75 Quadratmetern zu. Außerdem trägt kein Mastschwein mehr seinen Ringelschwanz: Der wird gleich nach der Geburt ohne Betäubung abgeschnitten, damit ihn die Artgenossen in der Enge nicht abbeißen – es könnte dann zu Infektionen kommen. Viele der Schweine leiden so sehr unter dem Platzmangel und der Langeweile, dass sie Verhaltensstörungen entwickeln, Hospitalismus, der sich zum Beispiel in Kannibalismus ausdrückt.

Die Pfleger haben für unser Experiment drei der etwa drei Monate alten Mastschweine ausgesucht und sie von der Masse getrennt. Eng aneinandergedrängt kauern die Schweinchen am Ende eines Ganges. Alt werden Mastschweine in solchen Anlagen nicht, maximal sieben Monate, dann haben sie ihre 100 bis 110 Kilo erreicht. Diese drei wären also fast an der Hälfte ihres Lebens angelangt, würden wir sie nicht holen.

Unsere Mastschweine gehören zu keiner Rasse, es sind Hochleistungs-Hybriden, die pro Tag mit nur zwei Kilo Kraftfutter bis zu 900 Gramm zulegen können. Man kreuzt sie aus verschiedenen Rassen. Ihre Haut ist dünn und hell, weil Menschen lieber dünne und helle Haut auf ihrem Schweinebraten sehen (sowie helle Borsten, falls an der Schweinshaxe doch mal eine dran ist). Weiße Haut lässt sich außerdem besser zu farbigem Leder verarbeiten. Hybriden wachsen rasant, leben kurz und brauchen wenig Futter: Das heißt, ihr Fleisch ist billig, nur 1,50 Euro bekommen Schweinebauern pro Kilo, man wird es später im Supermarkt in einer Plastikschale mit Folie darüber finden. Die dunkelhäutige Svenja dagegen ist eine spezielle Rasse und wertvoller, ihr Nachwuchs steht für hochwertiges Fleisch, besonders die Schinken – ähnlich wie der jamón de pata negra des iberischen Schweins.

»Was haben wir denn da, Männchen, Weibchen?«, will Sambraus wissen. »Nur Weibchen«, sagt der Pfleger. »Einen der Kastraten sollten wir schon auch mitnehmen, sonst machen wir ja einen rein weiblichen Versuch«, sagt Sambraus. Eber werden in der Intensivhaltung ein paar Tage nach der Geburt oft ohne Betäubung kastriert, was in vielen europäischen Ländern verboten ist, in Deutschland erst ab 2019. »Dann wählen Sie von den Weibchen eins aus, das wieder zurückkommt«, sagt der Pfleger. Doch das bringen wir nicht übers Herz. Am Ende nehmen wir vier von den Mastschweinen mit. Wir taufen sie Stella, Saskia, Sweetie und Sebastian, den wir aber von Anfang an nur Schweini nennen.

Der Hof von Volker Zahn, 74, eremitierter Professor für Frauenheilkunde, schmiegt sich im oberbayerischen Pfaffenwinkel bei Weilheim nahe der Lechschleife in eine Landschaft, die als Vorlage für ein kitschiges Ölbild dienen könnte: sanft hügelig, waldig und grün, mit Weiden, Feldern und bunt getupften Blumenwiesen. Der fast 300 Jahre alte Hof liegt am Rande des Weilers Kreut bei Peiting, der aus einer Kapelle und einer Handvoll alter Bauernhöfe besteht, vor denen Katzen in der Sonne lungern und Hunde ihr Terrain abkläffen. Bauern kennen diese Gegend, weil hier die bayerische Braunvieh/Fleckvieh-Grenze verläuft – im Allgäu und in Schwaben wird Braunvieh gehalten, in Oberbayern Fleckvieh.

Vor dem Hof der Zahns patrouillieren drei weiße Spitze: Zahn hat sich auf vom Aussterben bedrohte Tierrassen spezialisiert, um Erb- und Kulturgut zu erhalten. Die bayerische Regierung unterstützt solche Höfe. Mehr als hundert Namen stehen in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen.

Zahn hat vor seiner Rente als Arzt die Straubinger Frauenklinik geleitet, in seiner Zeit kamen dort etwa 25 000 Kinder zur Welt. Auf dem Hof lebt er mit seiner Frau Brigitte, 65, und mit Rindern, Hühnern, Pferden, Ziegen, Schafen, Schweinen und den Spitzen – auch sie sind vom Aussterben bedroht. Zahns Rinder der alten Rasse »Murnauer Werdenfelser« leben auf der Weide mit ihrem Stier, der groß und schwer wie ein Panzer ist. Ihre Augen strahlen schwarz aus dem cappuccinofarbenen Fell, sie sehen aus wie geschminkt. Zahns Schweine, »Schwäbisch-Hällische« Landschweine, wurden früher wegen ihrer schwarzen Musterungen auch »Mohrenköpfe« genannt. Sie rennen vergnügt über ein riesiges Gelände mit einem kleinen Wasserloch zum Baden, einer Hütte mit Stroh zum Schlafen, viel Weide zum Grasen. Von den Schwäbisch-Hällischen gab es vor dreißig Jahren nur noch sieben Tiere. Dank engagierter Landwirte ist die Rasse nicht ausgestorben. Sie war nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Mode gekommen, weil sie zu viel Fett ansetzt. Fett ist nicht mehr im Sinne des Verbrauchers. Deswegen kreuzt man heute zu den Schwäbisch-Hällischen die alten Rassen Duroc oder Piétrain: um Schlachtschweine mit weniger Fett am Bauch zu bekommen. Zahn nennt alle seine Schweine »Dicki«, so wie er alle seine Thüringer Waldziegen »Ricola«, alle seine Bergschafe »Huberta« und alle seine Rinder »Romy« nennt.

Wir fahren Svenja und die vier Mastschweine in einem Pferdeanhänger an den Weiderand. Damit sich die neuen Schweine und jene, die Zahn sich schon hält, erst langsam kennenlernen, haben wir das Gelände mit Elektrozäunen in zwei Abteilungen unterteilt. Ein doppelter Stromzaun umschließt auch das gesamte Gelände: Das ist bei der Weidehaltung von Schweinen vorgeschrieben. Denn Wildschweine könnten sich mit Hausschweinen kreuzen – und das versuchen sie auch, sobald eine Sau rauschig wird. Aber Hausschweine können Krankheiten übertragen, die für Wildtiere gefährlich sind.

Als Erste wagt sich Svenja die Rampe runter aus dem Wagen, ein, zwei Schritte – bis sie wie angewurzelt stehen bleibt. Sie hat das Wasserloch entdeckt. Es dauert keine zwei Sekunden, dann tastet sie sich an den Wasserrand, patscht mit einer Klaue hinein, der zweiten, der Schnauze – und dann ist sie drin, und alles ist nur noch Schlamm und Schwein und großes Gewälze. Will man Schweineglück beschreiben, dann am besten mit diesem Augenblick. Sie bleibt lange auf der Seite im Schlamm liegen, schnauft tief und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Dann macht sich Svenja auf, das Gelände zu erkunden.

Die vier kleinen Mastschweine trauen sich nicht aus dem Wagen. Wir müssen sie mit einem Besen hinunterkehren, sie schreien, und als sie unten zum ersten Mal das Gras berühren, bleiben sie eng beieinander zitternd und quiekend sitzen. Vor Angst pinkeln sie und koten sich voll. »Schweine schreien aus Schmerz – besonders aber aus Angst«, sagt Sambraus. Die vier blinzeln in die Sonne. Dann neigt eines seine Schnauze zur Erde, um darin zu wühlen. Als ob sie von einem Magneten in die Tiefe gezwungen würden, machen es die anderen nach. »Sie wollen wühlen, sie müssen wühlen. Dieses Wollen ist bedingt von sehr starken Genen«, sagt Sambraus.

Laufen aber können unsere vier Mastschweine nicht besonders gut: Sie schlängeln eher, manchmal rutscht eines mit den Hinterbeinen weg und plumpst hin. »Eigentlich sind Schweine gute Läufer, mit bis zu dreißig Stundenkilometern können sie Menschen abhängen«, sagt Sambraus. Aber unsere Mastschweine sind bis jetzt kaum gelaufen, sie gehen in ihrem kurzen Leben ja nur ein paar Meter hin und her, bevor sie geschlachtet werden. Außerdem werden diesen Hybriden die Körper länger gezüchtet, mit einer Rippenreihe mehr für die Schlachtschweine und zwei Zitzen mehr für die Zuchtsäue: mehr Koteletts, mehr Ferkel. »Deswegen ist ihr Rücken zu lang, und sie schlängeln so«, sagt Sambraus.

Bei der Schweinezucht geht es um die sogenannten »wertvollen Teilstücke«: Schulter, Rücken, Kotelett, Filet, Schinken. Die Füße sind bei Schweinen nicht wichtig. So kommt es, dass die Rücken lang, die Beine aber kurz gezüchtet werden. Auch unsere vier Mastschweine hoppeln eher über die Wiese, als dass sie gehen. Dann aber entdecken auch sie das Wasser, wälzen sich zum ersten Mal in ihrem Leben im Schlamm und grunzen zufrieden. Schweine seien extrem kreislauflabil, erklärt Sambraus, empfindlich für hohe Temperaturen, und Schweißdrüsen hätten sie keine. Deswegen regulierten sie ihren Wärmehaushalt durch Suhlen, immer darauf bedacht, die empfindlichen Ohren nicht unterzutauchen. »Eine bemerkenswerte Form der Wärmeregulierung im Tierreich«, sagt Sambraus. »Dazu stabilisiert das ständige Wühlen ihren Kreislauf, ein wirklich kluges System.« In der Intensivhaltung aber kommt das Suhlen nicht vor, auch kein Wühlen.

Uns fällt auf, was für eine starke und klare Mimik Schweine zeigen. Mit hängenden Ohren sehen sie niedergeschlagen aus, mit blitzenden Augen und leicht aufgestellten Ohren interessiert. Jetzt sehen sie glücklich aus – sie scheinen ihr neues Leben in der Suhle zu lieben. »Aber Suhlen will gelernt sein: Eigentlich lassen sich Schweine zur Seite fallen und erzeugen dann Wellen, sodass Schlamm entsteht. Unsere vier Jungen hier müssen das noch üben«, sagt Sambraus und lacht über das Gepansche.

Dann ein gellender Schrei: Svenja hat sich im Elektrozaun verfangen. Als wir den Strom abgestellt haben, rast sie wie wahnsinnig über das Feld und reißt alle Zäune nieder. Wir haben Angst, dass sie ausbricht: Wer kann schon eine wütende 200-Kilo-Sau aufhalten? Doch sie beruhigt sich, und wir bauen die Zäune wieder auf. Einige Minuten später hängen die jungen Mastschweine drin – und Svenja zum zweiten Mal. Sie weicht nicht zurück, sondern drückt sich immer weiter in den Zaun hinein. »Sie versteht nicht, dass sie rückwärtsgehen muss«, erklärt Sambraus. »In der Intensivhaltung lernen Schweine das Konzept des Zurückweichens nicht, wenn etwas Stärkeres von vorne kommt.« Svenjas Nase blutet, sie zittert. Der Strom ist wieder abgestellt, und Volker Zahn befreit sie. Missmutig verzieht sie sich in eine Ecke.

Wir beschließen, den Zaun, der die neuen von den alten Schweinen trennen sollte, abzubauen und den doppelten Stromzaun für einige Tage auszuschalten, bis sich die neuen Schweine an das Gelände gewöhnt haben. Zur Sicherheit läuft um das Gehege noch ein Maschendrahtzaun, der die Schweine am Ausreißen hindert.

Die neuen und die alten Schweine mustern einander neugierig. Wir versuchen, die Schweine zu füttern, aber die Neuankömmlinge können mit harten Semmeln, Gemüse und gedämpften Kartoffeln nichts anfangen: Sie nehmen die Stücke in den Mund, dann lassen sie sie fallen. »Sie kennen nur mehliges Futter«, sagt Sambraus. Sie wissen nicht, wie das geht: etwas beißen. Auch mit der mechanischen Tränke kommen sie nicht zurecht. Die neuen Schweine beißen auf der Suche nach Wasser in die steinernen Ecken des Futtertrogs: »Sie denken, da kommt Wasser raus. Sie kennen das Konzept Trinken nur von Automaten.«

Wir bemerken, dass sich die Rücken unserer weißen Mastschweine tiefrot gefärbt haben. An den Ohren wirft die Haut von Sweetie und Saskia kleine Blasen: Die Schweine haben Sonnenbrand. »Sie müssen jetzt sehr viel lernen. Dass man sich mit Schlamm einschmieren muss, um die Haut vor Sonne und Insekten zu schützen. Dass man in den Schatten gehen kann, wenn die Sonne auf der Haut brennt. Schweine sind schlau genug. Viele Hunderassen lernen nie, aus der prallen Sonne zu gehen«, sagt Sambraus. Ein Hochleistungsmasthybrid ist ja nicht für das Leben in der Natur gezüchtet worden. »In der Natur gibt es keine weißen Schweine. Weiße Schweine sind eine Erfindung der Menschen.« Diese Nacht wird unseren Schweinen noch mehr Unbekanntes bringen: Ein paar Stunden später fängt es an zu regnen. Das kennen die Schweine nicht. Sichtlich irritiert versuchen sie, dem Wasser auszuweichen, bis sie verstehen, dass das Wasser einen nicht trifft, wenn man sich in den Unterstand stellt.

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Kerstin Greiner

Die vier Mastschweine ziehen gemeinsam mit der Sau Svenja auf einen anderen Hof im Pfaffenwinkel um: Dort können sie besser überwintern. Die Autorin wird die fünf weiter begleiten - und berichten, ob das Zusammentreffen zwischen dem Eber Ivan und Svenja einen glücklichen Ausgang nimmt.

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