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Essen & Trinken 29. Oktober 2015

Das große Krabbeln

Von Frederic Spohr  Fotos: Adam Furgeson

In Österreich war Oswald Hackl Lastwagenfahrer. Jetzt, in Thailand, züchtet er Grillen. Die eiweißhaltigen Insekten könnten der Schlüssel im Kampf gegen den Hunger in der Welt sein. 

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Viele kommen wegen der Frauen. Manche wegen Buddha. Oswald Hackl ist nach Thailand ausgewandert, weil er seine Ruhe haben wollte; eine gemütliche Rentenzeit als Bauer, nach 40 Jahren als LKW-Fahrer. Er mag es, an seinem eigenen Fischteich zu sitzen und zu angeln, mit nacktem Oberkörper, das ganze Jahr über bei konstanten 30 Grad. Er mag die Abgeschiedenheit seiner kleinen Farm im Nordosten des Landes, und sogar der Instant-Kaffee, den man hier trinkt, schmeckt ihm inzwischen. Manchmal stört es ihn, dass die Thailänder so selten grüßen, erzählt er. Und dass sein Sohn hier in der Schule gelernt hat, Österreich sei eine Walfangnation, findet er ärgerlich. Aber das sind Kleinigkeiten. Er selber grüße jetzt eben auch weniger als in Österreich.

Oswald Hackl auf seiner Grillenfarm
 
Allein: Ruhe hat der 65-jährige Hackl hier nicht gefunden. Im Gegenteil. Auch heute stoppt wieder eine Karawane aus Mini-Vans vor seinem Haus. Es steigen aus: Rund 20 Wissenschafter und Politiker aus Universitäten und Ministerien. Sie kommen nicht nur aus Thailand, heute sind unter anderem Abgesandte aus Sambia, Ägypten und Nigeria dabei. Die Besucher wollen, dass der ehemalige LKW-Fahrer aus Niederösterreich ihnen hilft, den Hunger in ihren Ländern zu bekämpfen. Mithilfe von Insekten.




Hackl züchtet Grillen. Erst hat er es ein paar Jahre lang mit Kühen probiert, aber seine Milchfarm machte zu viel Arbeit und warf zu wenig Geld ab. Seine Frau hatte dann vor sechs Jahren die Idee mit den Insekten: Grillen brauchen nicht viel Platz, sie sind sehr genügsam und gelten in Thailand als Delikatesse. Für Hackl ist seine Grillenzucht nicht mehr als eine bequeme und lukrative Einnahmequelle für den Ruhestand. Für die Vereinten Nationen hingegen ist sie ein möglicher Schlüssel zur Lösung des größten Problems der Menschheit. Im Jahr 2050 werden bis zu neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, der Proteinbedarf wird sich verdoppeln. Insekten enthalten viel Eiweiß. Man kann sie überall auf Welt einfach züchten. Für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) sind sie die Nahrung der Zukunft.

Allein: Es gibt weltweit nur sehr wenige Bauern, die Erfahrung mit der kommerziellen Insektenzucht gesammelt haben. Und da kommt Oswald Hackl ins Spiel. Seine Farm ist ertragreich, lukrativ, und besteht schon seit sechs Jahren. Das perfekte Vorbild.

Aus dem vordersten der zehn Fahrzeuge steigt eine zierliche 53-jährige Thailänderin. Auf ihrem T-Shirt steht »Essbare Insekten - die Menschen beißen zurück« und mit ihrer viel zu großen schwarzen Sonnenbrille sieht sie selbst ein bisschen aus wie eine Fliege. Das ist Absicht. Yupa Hanboonsong ist Entomologin, Insektenforscherin an der nahe gelegenen Khon Kaen Universität. Immer wieder schickt sie Mitarbeiter und Studenten, die sich nach dem Wohl der Hacklschen Grillen erkundigen oder neue Zuchtmethoden ausprobieren sollen. Sie knüpft Kontakte zu möglichen Kunden und versorgt Hackl mit neuen Futtermaterialien. Yupa sagt: »Wir stehen erst am Anfang. Bis die Insektenzucht zu einer richtigen Industrie wird, müssen wir noch viel lernen.«


Forscherin Yupa auf Hackls Farm

Für ein Kilo Grillen-Ernte braucht man zwei Kilogramm Futter. Kühe sind fünfmal so hungrig. Schweine und Hühner fressen immer noch doppelt so viel. Insekten sind deshalb so genügsam, weil sie Kaltblüter sind und deswegen keine Energie für Körperwärme verbrauchen. Sie verursachen kaum Treibhausgase und brauchen sehr wenig Platz. Mittlerweile unterstützt auch die EU Forschungsprojekte zur Insektenzucht. Diesen Herbst hat die EU außerdem beschlossen, dass Insekten neben anderen neuen Lebensmitteln schneller zugelassen werden sollen. Voraussetzung für eine Genehmigung in Europa ist nun, dass die Insektenart in anderen Ländern bereits seit 25 Jahren verzehrt wird und dort keine negativen Folgen für die Gesundheit beobachtet wurden. 

Und der Geschmack? Insektenfans sprechen von nussigen Noten, einer popcorn-artigen Konstistenz. Grillen schmecken wie eine Mischung aus Shrimps und Mandeln.

Wenige Meter vor Hackls Stall kann man sich kaum noch unterhalten: Die Tiere zirpen unentwegt. Es klingt genau wie auf einer Wiese an einem Sommerabend in Europa. Nur viel, viel lauter. Yupa führt die Gruppe in den Stall: Unter einem Wellblechdach haben die Hackls 150 Betonsteinbecken installiert, jeweils etwa so groß wie fünf Badewannen.  In den Becken tummeln sich zwischen gestapelten Eierkartons zehntausende Grillen. Die Kartons sollen die Brutfläche vergrößern und dienen den Insekten als willkommenes Versteck.  Am oberen Beckenrand ist Klebeband befestigt, damit die Insekten auf der glatten Seite abrutschen und nicht herauskrabbeln können.

Vor ein paar Tagen sind die Männchen geschlechtsreif geworden. Das erklärt das besonders laute Zirpen: Für die Weibchen sind die Gesänge das Signal zur Paarung, für Hackl sind sie das Zeichen, bald zu ernten. In den 24 Stunden nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier in kleine Erdschälchen ab, die in den Becken bereit stehen. Dann sammelt Hackl die Insekten ein - sie sind dann zwischen zwei und drei Zentimeter lang. In zehn Tagen schlüpft dann die nächste Generation, die nach etwa anderthalb Monaten wieder Eier legt und geerntet wird.

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