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aus Heft 45/2015 Gesellschaft/Leben

Haarige Sache

Von Michalis Pantelouris  Foto: I like birds

Frauen möchten von Männern nicht auf ihre Alterserscheinung angesprochen werden, teilen aber neuerdings selbst aus. Eine Entrüstung.

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Manche Liebe erfüllt sich nur in Ersatzhandlungen. Dazu gehört, dass der Junge gebliebene Teil von Männern kaum einen tieferen Ausdruck der Freundschaft kennt als die poetische Beleidigung. »Na, du Missgeburt? Läuft bei dir, oder? Brauchst schon nicht mehr auf die Frisur achten!« Männer, die in privater Runde höflich zueinander sind, kennen oder mögen sich nicht oder haben einen mentalen Altersunterschied. »Die grauen Haare stehen dir gut, Dicker, schade, dass du nicht mehr so viele davon hast, sonst würdest du aussehen wie zwei George Clooneys.« Männer werden ja in der Regel mit fortschreitendem Alter nicht schöner und straffer, und wenn schon üppiger, dann nicht beim Haarwuchs. »Ey, Alter, du bist aber gut im Futter, was«, hat mir neulich jemand gesagt, »Eins-A-Love-Handles!« Ein Ausdruck tiefer Zuneigung. Unter Männern. Aber diesmal kam es von einer Frau.

Ich weiß nicht, wann das angefangen hat, dass Frauen mit Männern reden, als wären wir befreundet. Also, natürlich sind wir befreundet, aber doch nicht so! »Jetzt eben in dem Licht dachte ich, deine Haare werden hinten dünn … Oh, warte, das war nicht das Licht«, und dann grinsen wie: Ich lieb dich doch, Kumpel! Das ist neu, so hat doch Oma nicht mit Opa geredet, höchstens Opa mit seinen Jungs in der Seniorenmannschaft im Tennisclub.

Jedenfalls ist es unangenehm. »Bist ein bisschen dick geworden, ne?« Wenn Männer einander poetisch beleidigen, steckt darin die Anerkennung des Konkurrenten: »Bist du Rechts- oder Linksträger, oder kommt das Konzept bei dir überhaupt zum Tragen?« Und es ist die Einladung zum Gegenangriff – noch etwas, das mit Frauen nicht geht. Spielerisch eine Frau wegen ihrer Figur zurückbeleidigen? Also, bitte! Da brauchen wir gar nicht drüber reden, das geht nicht. Aber mit mir kann man es ja machen? »Na, die Hose hat auch mal besser gepasst« – wenn ein Mann das einer Frau sagen würde, wäre er geächtet, und zu Recht. Aber, doch, ja, Frauen sagen solche Sachen. Zu mir. Und es tut weh. Ich spüre keine Liebe darin, nur Zurückweisung.

Vielleicht hat das mit dem Harry-und-Sally-Sex-Ding zu tun, mit diesem »Männer und Frauen können nicht einfach befreundet sein«, dass die Zurückweisung schmerzt. Frauen sind eben doch potenzielle Sexpartner, sei es auch noch so unterbewusst – oder vielleicht auch nur symbolisch. Aber eigentlich geht es nicht um erotische Wünsche. Stellen wir uns die unattraktivste Frau der Welt vor, langweilig, mit schrecklicher Stimme – und die sagt mir, zehn Jahre jünger und zehn Kilo leichter hätte ich ihr echt gefährlich werden können, zwinker, zwinker. Oder, noch besser: ohne Zwinkern, kühl und trocken. Das will man nicht, egal ob sie unattraktiv ist oder attraktiv, einfach weil: So läuft es nicht zwischen Männern und Frauen, da gehören Abstand und Haltung gewahrt. Wenn wir Freunde bleiben wollen, dann sollten wir uns bitte nicht so benehmen, als wären wir welche.
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