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aus Heft 45/2015 Leben

Einzelfall

Von Anja Rützel  Illustration: Ryo Takemasa

Einsam, das sind die anderen, dachte unsere Autorin immer: Sie sei schlimmstenfalls allein - und das aus freien Stücken. Dann kam der Mann mit dem Müllsack.

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»Wollnwermal«, schnauft der Mann vom Tierkrematorium. Er schlägt die weiche graue Decke mit den weißen Häschen drauf über Figo zusammen. Das Paket steckt er in eine raschelnde schwarze Plastikfolie, aus der auch durch das pietätvoll gemeinte silberne Krematoriumslogo nichts anderes wird als ein Müllsack. Ich stehe daneben, in meinem Arbeitszimmer, und sehe zu, wie der Mann versucht, den Sack in eine zu kleine Sporttasche zu zwängen; auch durch das Plastik kann ich erkennen, wie die ausgestreckten, steifen Hundebeine, im Tod noch staksiger als ohnehin, aus der Tasche ragen. Der Krematoriumsmann schnauft noch mehr und schiebt und drückt, und dann ist der leichenstarre Hund endlich drin in der Tasche und wird aus meiner Wohnung getragen; mein Figo, eingewickelt in seine Lieblingsdecke mit den Häschen drauf.

Noch lange nachdem der Mann mit der Tasche gegangen ist, stehe ich still in meinem Arbeitszimmer, in dem nun eine hundeförmige Lücke klafft. Ich weine, trauere. Natürlich. Aber da ist auch ein anderes, seltsames, neues Gefühl: Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich einsam.

Allein war ich schon vorher, vermutlich bereits ziemlich lange, bevor vor ein paar Monaten der Hund eingezogen ist, ich hatte es nur nicht gemerkt. Irgendwie reingeschlittert bin ich da, langsam, ganz natürlich, wir leben in einer Nomadenwelt. Wen habe ich alles zurückgelassen in den vergangenen fünfzehn Jahren, als ich von Tübingen nach Stuttgart, von Stuttgart nach Hamburg, von Hamburg nach Berlin gezogen bin: meine Eltern, die ich nur noch an Weihnachten sehe, meine Freunde Nicole und Tomo, mit denen ich nach schlimmen Theaterbesuchen nicht mehr die absurdesten Stellen in der Bar nachspiele, dazu diverse Ausgehkameraden, die unterwegs unerklärlich verloren gingen wie Socken in der Waschmaschine.

Sicher, neue Bekanntschaften, die zu Freunden werden könnten, kamen hinzu. Aber hatten die Bestand? Oft kam doch wieder das Leben dazwischen, ab und zu mit furchtbaren Ereignissen, immer werde ich Felix vermissen, meistens aber mit fröhlichen, mit einem neuen Job, einer neuen Liebelei – und weg waren die Bekanntschaften wieder, in ihren neuen Städten und Partnerschaften, das Freundeskarussell drehte sich, flog einer runter, sprang einer drauf, flüchtig und oberflächlich wurde es gegenüber den neuen und alten Freunden, es fiel gar nicht mehr schwer, Anrufe nicht anzunehmen, Besuche bleiben und Rituale auslaufen zu lassen. Wie schön ist nach einer Arbeitswoche ein behagliches Netflix-Glotz-Wochenende! Und eines Tages stellt man fest, dass es von der Freude über ein ungestörtes Wochenende nicht weit ist bis zur Erkenntnis: Oh, jetzt habe ich seit vier Tagen kein Wort zu irgendjemandem gesagt, außer Bitte-danke-tschüss! zur Frau an der Supermarktkasse.

Als einsam hätte ich mich trotzdem nie bezeichnet. Allein das Wort! So wie ich bei »Single« immer noch zuerst an kleine Schallplatten denke, stehen mir bei dem Wort »einsam« Bilder von verhärmten alten Frauen vor Augen, von Taubenfütterern, Alleinüberlebenden, Abgeschobenen. Einsam, das sind die anderen, ich bin schlimmstenfalls allein. Und zwar weil ich das möchte.

Das Alleinsein kann sich ja durchaus gut anfühlen, ein scharfer Distinktionshobel: »Man hat in der Welt nicht viel mehr«, schrieb Schopenhauer, »als die Wahl zwischen Einsamkeit und Gemeinheit«. Da fällt die Wahl nicht schwer. Und man kann sich gemütlich einrichten, das kommt meiner Grundfaulheit wunderbar entgegen. Es taugt sogar als Lifestyle-Entscheidung: »Ich bin alleine, und ich weiß es, und ich find es sogar cool«, singen Tocotronic in diesem alten Lied, das ich in meiner kindischen Abkapselrebellion der Neunzigerjahre so mochte.

Aber irgendwie habe ich dann nicht aufgepasst, als aus cool tiefgekühlt wurde. Ich muss versehentlich auf die Frosttaste gekommen sein, eingefroren, während das Leben drumherum weiterging. Vielleicht hätte ich besser auf einen anderen alten Tocotronic-Song gehört: »Sich rar machen bringt ja nichts / Wenn es niemand merkt«.

Dann kam im vergangenen Frühjahr der Hund, ein struppiges, halbtotes Viechlein aus Ungarn. Es sah aus wie ein Steifftier, das man lange auf einem Dachboden vergessen hatte. Ein Foxterrier namens Rigo, den ich in Figo umbenannte, weil seine Nase so groß war wie die des gleichnamigen, von mir verehrten Superfußballers.

Er war mein erster Hund, ich hatte mir einen gewünscht, seit ich sechs Jahre alt war. Dass es ein zerrupftes, stumpffelliges Steifbein sein musste, das freundlich geschätzt schon dreizehn Jahre alt war und dem man im Tierheim nicht mehr lange gab, weil er dauerhustete und vielleicht etwas mit dem Herzen hatte – nun ja, ich hatte Rigofigo im Internet auf einer Tiervermittlungsseite entdeckt, wie er da holzbockig stand und lächelte, und die Sache war geritzt. Es fühlte sich gut an, einem geplagten Tier etwas zu geben. Ein, zwei Jahre sollte er es gut haben. Doch nun war er nach ein paar Monaten schon tot. Es war viel zu kurz, so unfassbar ungerecht. Er hätte mehr verdient.

Figo hat in mir vorübergehend dieses dumpfe, schwere Gefühl weggewedelt. Einsamkeit schleicht sich ja heran, und sie tut nicht stechend weh, sie ist erst eine kleine Last, die unsichtbar auf der Schulter sitzt und das Leben ernster macht, die vergessen lässt, was Unbeschwertheit bedeutet. Churchill hat seine Depression als »schwarzen Hund« bezeichnet, der stets in der Zimmerecke liege und ihn beobachte. Einsamkeit fühlt sich am Ende so an, als hätte sich ein Bernhardiner auf einem niedergelassen, während man schlief.

Als ich aber im Arbeitszimmer stand, in der Hand die kleine, dunkelblaue Weste, die Figo in den letzten Tagen tragen musste, damit er nach seiner Operation nicht an der Wunde leckte, die quer über seinen Rumpf lief – da fing die Einsamkeit an zu stechen. So klar und offen trat sie zutage, dass ich es kaum glauben konnte. Kein Figo mehr da, der in meinem Zuhause eine Wirkung gehabt hatte, als hätte einer die Fenster geputzt: Überraschend hell war es auf einmal gewesen.

Es klingelte. Hatte der Krematoriumsmann was vergessen? Es war der Postbote, er brachte ein T-Shirt, das ich bestellt hatte, von der Band Yacht, mit dem Aufdruck: I Thought The Future Would Be Cooler. Es war unwirklich. Ich knüllte das Shirt zu einem Zornball, Wut mischte sich mit Trauer und Verlassenheitspanik zu einem Gefühlsgulasch. Fuck the future! Man kann vielleicht bald Autos ausdrucken und neuronale Netze dazu bringen, Bilder zu malen, wie sie Turner und Picasso nicht schöner gepinselt hätten. Aber was soll ich mit dem Kram? Ich war traurig, ich war verloren, und wie ich eine ganze Weile später, als ich im selben Zimmer wieder an der Arbeit saß, feststellen sollte, war ich mit der Einsamkeit nicht allein.

Zwei von drei Menschen in Deutschland fühlen sich mehr oder weniger einsam, hat das Marktforschungsinstitut Harris Interactive vor Kurzem herausgefunden. Von den 1200 Studienteilnehmern im Alter von 16 bis 85 Jahren sagt nur jeder Dritte, er oder sie sei »überhaupt nicht einsam«. In einer vergleichbaren Untersuchung von 1993 sagte das noch die Hälfte der Befragten. Heute fühlen sich 20 Prozent der Studienteilnehmer »leicht«, 23 Prozent »mittel« und 20 Prozent »stark einsam«. Weitere Überraschung: In meiner Altersgruppe, der zwischen 40 bis 49 Jahren, ist das Gefühl »starker Einsamkeit« besonders hoch. Um mit ihrer Einsamkeit klarzukommen, hat die Studie ergeben, schauen die Einsamen viel fern, vor allem Serien und Shows. Andere lesen viel oder hören Musik. Komisch, dass soziale Medien in den Bewältigungsstrategien überhaupt nicht vorkommen – dafür der Schützenverein (neun Prozent), Baldrian (drei Prozent) und Joints (ein Prozent). Dabei sind Facebook und Twitter eine echte Hilfe für Menschen wie mich, die an manchen Tagen lieber ins Internet gehen als vor die Tür. Soziale Medien sind eine nie versiegende Pipeline für Rudimentär-Kontakte.

Ja, ich mag Facebook und Twitter, ihr zwischenmenschliches Grundrauschen. Man darf nur nicht zu viel davon erwarten, etwa dass einem einer der 353 Freunde in physischer Form beisteht, wenn es darum geht, seinen toten Hund in eine zu kleine Tasche quetschen und sich in den Arm nehmen zu lassen. Auch führt mir Facebook oft vor Augen, dass es da ein Leben gibt, an dem ich nicht teilnehme, die vielleicht besser, schöner eingerichtete Welt der anderen, in das ich digital unaufhörlich meine Nase stecke wie dieser wippende Trinkvogel. Die lustige Schauspielerin Mindy Kaling hat den Generalverdacht, der einem beim einsamen Durchscrollen von Facebook und Instagram beschleichen kann, zum Titel ihres Buches gemacht: Is Everyone Hanging Out Without Me?

Mir kommt in den Sinn, dass sich die meisten Menschen nicht im melancholischen November, sondern im Sommer umbringen – weil dann alle anderen augenscheinlich fröhlich sind und der Kontrast zum eigenen Leben unaushaltbar wird: So ähnlich schreibt es jedenfalls Émile Durkheim in seiner berühmten Selbsttötungsstudie, das ist eines von drei Dingen, die ich mir aus meinem Soziologiestudium gemerkt habe.

Facebook und das Leben der anderen machen mich allerdings nicht traurig, vor allem nicht neidisch. Ich habe dort eher das entgegengesetzte Problem: Je näher ich die Menschen betrachte, je tiefer sie mir Einblicke in ihr Leben und ihren Charakter gewähren wie bei einer Sozial-Endoskopie, desto unappetitlicher und unerstrebenswerter finde ich viele und vieles. Und sehne mich eher nach der »Gnade des Nichtwissens«, wie Sascha Lobo das einmal in diesem Zusammenhang nannte. Facebook macht mich also nicht einsamer, aber auch nicht un-einsamer. Auf keinen Fall macht es für mich dem »allmählichen Schwund der sozialen Vernetzung ein Ende«, wie der Anthropologe und Facebook-Forscher Daniel Miller schreibt.

In den Tagen nach Figos Tod träume ich viel symbolischen Hoppelpoppel, manches poste ich. 24 Likes, darüber hätte ich mich früher gefreut, diese kleinste Einheit der Wahrnehmungswährung, jetzt ist es egal. Die freundliche, virtuelle Affirmation kann nicht ersetzen, was zusammen mit Figo verschwunden ist.

Am besten kann ich das Verschwundene mit dem Ausdruck aus Tennessee Williams Endstation Sehnsucht beschreiben: »the kindness of strangers« – Fremdenfreundlichkeit. Zwei Jahre wohnte ich bereits in Berlin, und ich fuhr fast täglich mit der U-Bahn. Stumme Muffzeit, ich erinnere mich an kein Wort, das ich je mit einem anderen, fremden Passagier gewechselt hätte. Statt »Einsteigen, bitte!« und »Zurückbleiben, bitte!« sagte ich mir manchmal im Kopf: »Anschweigen, bitte!« und »Bedrückt bleiben, bitte!«

Als Figo dann mitfuhr, wurde das anders: Der Hund knipste den Ton an. Mindestens bei jeder zweiten Fahrt sprachen mich Menschen an, weil sie wissen wollten, wie alt das klapprige Tierchen denn sei, ob sie mal streicheln dürften, wie er heiße. Eigentlich aber wollten sie mir etwas von sich selbst erzählen. Ein vielleicht Sechzigjähriger mit riesigen Ohren, aus denen weiße Haarbüschel wuchsen, berichtete mir, während er Figo unter dem Kinn kraulte, vom Chow-Chow des Großvaters, der sich von den anderen sechs Enkeln niemals anfassen ließ, nur von ihm, und der ihn tröstete, als er so viel weinen musste, nachdem Vater und Mutter bei einem Autounfall gestorben waren. Einer Frau an der Bushaltestelle kamen die Tränen, als sie mir von ihrem verstorbenen Lieblingsmeerschweinchen erzählte, drei Jahre war es schon tot, das von der Tischplatte immer direkt auf ihre Brust gesprungen sei und sich dann in der Halsbeuge eingekuschelt habe. Ganz weich wurden all diese sachlichen Alltagsleute plötzlich, lächelten auf der Straße den Hund an, wie er großnasig einhertrabte, und oft rutschte das Lächeln höher zu mir. Figos Gang hatte etwas Besonderes, dieser alte, müde Körper, der alle Kraft zusammenzukratzen schien, um flockig und mit federnden Öhrchen eine Art Hopsergang hinzulegen, als wäre es gar nicht so übel um ihn bestellt und der Tumor in der Lunge nur ein von der täppischen Tierarzthelferin durch unsachgemäßes Gerätschaftshantieren verursachter Fleck auf dem Röntgenbild.

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Anja Rützel

hat gerade den Verdacht, dass ihr Hund Juri sie doch nicht teilen will und ihren Aufbau sozialer Kontakte hintertreibt. Sie fand ihn, als sie vom Einkaufen zurückkehrte, zu Hause in einem Haufen Papierfetzen vor: ihrer Visitenkartensammlung.

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