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aus Heft 45/2015 Gesellschaft/Leben

Wächter des Bösen

Von Peter Richter  Fotos: Todd Selby

Wie ein morbides Ehepaar den New Yorker Kunst-Underground am Leben erhält.



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Die Mermaid Parade an New Yorks Volksbadestrand in Coney Island ist ein bisschen wie Karneval, nur im Sommer. Alle gehen als Meerjungfrauen oder als Seeungeheuer. Die betörendste Meerjungfrau, gleichzeitig auch das eindrucksvollste Seeungeheuer, war dieses Jahr – wie in fast all den Jahren zuvor – eine divenhafte, blonde Frau. Aus ihren Brüsten wuchsen Tintenfischtentakel. Der linke Arm steckte in einer großen Hummerschere. Im rechten hielt sie eine Babypuppe mit zwei Köpfen, einer davon mit Vampirzähnen. Die Fotografen konnten nicht genug von ihr kriegen. Der Zug kam nicht voran deswegen. Sie winkte mit der siamesischen Babypuppe einem Mann auf der Tribüne der Preisrichter zu. Der Mann nahm seinen Sonnenhut und winkte zurück. Er sah sehr gelöst, sehr glücklich aus in dem Augenblick. Er hatte auch Grund dazu: Während sie diesen Auftritt hier vorbereitet hatte (zusammen mit dem Kostümbildner der Schockrock-Band GWAR), war endlich ihr Porträt fertig geworden. Möglicherweise das größte, detailreichste und aufwendigste, das je ein Mann von seiner Frau gemacht hat.

Vier Jahre! Vier Jahre lang hat er so gut wie jeden Tag acht Stunden in einem winzigen Zimmer in Brooklyn vor dieser Leinwand gehockt, dicke Vergrößerungsgläser vor den Augen, einen Pinsel mit nicht viel mehr als einem Haar in der Hand. Zwischendurch, zur Mittagszeit, ging er mal eine Stunde ins Gym, um den Rücken wieder gerade zu kriegen, dann malte er weiter. Er malte – nahezu lebensgroß – seine Ehefrau, und daneben malte er – miniaturhaft klein – ihre Familie, ihre Freunde, ihre Obsessionen und ihre Dämonen. Er malte, nur zum Beispiel, den Sänger Tom Jones, dem sie Schlüpfer auf die Bühne warf, als sie mit 13 begriffen zu haben meinte, warum Frauen so etwas tun. Und er malte, wie sie mit 17 von ihrem ersten Freund fast tot geprügelt wurde. Er malte die Schwester, die einen Hirntumor überlebt hat, und er malte den Hirntumor, den die Mutter nicht überlebt hat. Und Stewie, das vorlaute Kind aus der Trickfilmserie Family Guy. Und siamesische Sexpuppen. Und, und, und.

Er malte mehr erstaunliche, groteske, schreckliche und vergnügliche Details auf diese Leinwand als Hieronymus Bosch in seinen berühmten Garten der Lüste. Und als er damit fertig war, schrieb er mit schnörkeliger Schrift seinen Namen dazu: »Joe Coleman 2011–2015«. Der Name der Frau, in deren Erinnerungen, Lüsten und Ängsten er so tief herumgekrochen war, dass er von innen wieder herausschauen konnte, steht sowieso überall im Bild. Er lautet Whitney Ward. Was aber Whitney Ward tut, beruflich, dafür gibt es eine ganze Menge von Begriffen. Sie leuchten allesamt am Fußende aus dem Bild wie Neonreklamen in einem Rotlichtviertel: Therapeutin, Hetäre, Dominatrix … Mit den Absätzen ihrer High Heels zerquetscht sie ein wenig Gewürm, und eine Inschrift lehrt, dass das keineswegs nur symbolisch gemeint ist.

Dies hier ist, eigentlich, die Geschichte einer großen Liebe. Aber es kommt eine ganze Menge Leid darin vor, Grausamkeiten, auch elektrische Stühle und Gläser mit eingelegten Missgeburten darin. Eigentlich geht es um die dunkle, schillernde Welt von Joe und Whitney, dem glamourösesten Paar dessen, was vom New Yorker Underground noch übrig ist. Aber deshalb muss es eben auch darum gehen, was für diese beiden das Eigentliche ist: der Schmerz, ohne den die Lust und das Leben ihren Wert nicht hätten.

»Painting« kommt von »pain«, sagt Joe, und damit meine er nicht nur die strapaziöse Art, wie er malt, sondern auch was. Normalerweise verwendet er bis zu ein Jahr auf die Darstellung eines Serienkillers; normalerweise schildert er die Lebensgeschichten und die Horrortaten von Lustmördern in seinen Gemälden, die zu gleichen Teilen etwas von Altarbildern, Comics und Moritatentafeln haben. Es ist das, wofür Joe Coleman zu seinem Ruf gekommen ist, bei Kunstsammlern und Kuratoren genauso wie in jenen Subkulturen, die sich für das Makabre interessieren. Diese Welten sind ja gar nicht so weit voneinander entfernt, wie beide Seiten möglicherweise manchmal denken. Der Philosoph Edmund Burke war sich schon im 18. Jahrhundert sicher, dass vor der Wahl zwischen einer mehrstündigen Opernaufführung und einer öffentlichen Hinrichtung die meisten Leute das Letztere bevorzögen. Und Burke war immerhin derjenige, der den Schrecken – als »das Erhabene« – zu jener ästhetischen Kategorie erklärt hat, die heute in unseren Museen viel zentraler ist als das Schöne und Gute.

Wem die Tür zu Joe und Whitneys Wohnung in Brooklyn aufgetan wird, der kommt so gesehen auch in ein Museum. Joe nennt es sein »Odditorium«, wegen der vielen Oddities, der Seltsamkeiten, die er da angesammelt hat. Würden Joe und Whitney einen nicht mit freundlichen Worten und jeweils einer Kaffeetasse voll Weißwein begrüßen, könnte man sie im ersten Moment für zwei weitere der Wachsfiguren halten, die das Wohnzimmer füllen, zusammengetragen aus all den Gruselkabinetten, die in den vergangenen Jahrzehnten das Geschäft aufgegeben haben. Er trägt den dreiteiligen Anzug und den gezwirbelten Bart eines Schaubudendirektors aus dem 19. Jahrhundert; sie steht da, als könne wegen ihr jederzeit eine Saloon-Schlägerei losbrechen und auch nur von ihr wieder befriedet werden. Zwischen sich haben sie O. J. Simpson und Brigham Young, hochangesehenes Oberhaupt der Mormonen, in dessen Amtszeit allerdings nicht nur die Gründung von Salt Lake City fällt, sondern auch das Massaker von Mountain Meadows, bei dem seine Leute 1857 als Indianer verkleidet 120 durchreisende Siedlern abschlachteten. Und direkt daneben steht, diabolisch von unten beleuchtet, ein grinsender Präsident Nixon.

Warum auch Nixon?
»Just to fuck with them.«

Dass Joe ein unpolitischer Künstler wäre, kann man also schon mal nicht sagen, und mit Nixon hat er es irgendwie. Er besitzt auch eine Ampulle mit Nixons Blut, eine Regierungskrankenschwester hat sie Joe zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt. Die Ampulle wird nun neben indianischen Schrumpfköpfen und dem abgetrennten Penis aus Jörg Buttgereits Nekromantik 2 verwahrt. (Ein Geschenk des Regisseurs; Coleman war der Erste, der den in Deutschland verbotenen Autoren-Horrorfilm in den USA in ein Kino brachte.) In der Hauptsache dreht sich die Sammlung aber um so berühmte Serienmörder wie Richard Speck oder Ed Gein oder Charles Manson oder John Wayne Gacy. Mit einigen ist Joe in Briefkontakt. Manson schickte eine Haarlocke. Nachdem Joes Mutter gestorben war, schrieb Gacy, der Killer-Clown von Chicago, einen lieben Kondolenzbrief: »Ich hoffe, sie musste nicht leiden.«

Da gehe einem so dies und das durch den Kopf, sagt Joe, wenn einer so was schreibt, der 33 Jungen auf dem Gewissen hat. »Aber ich glaube trotzdem, er meinte das sogar aufrichtig.« Joe besitzt auch einen Brief, den der Sadist und Kannibale Albert Fish, Vorbild unter anderem für die populäre Gru-selfigur Hannibal Lecter, im November 1934 an die Mutter seines letzten Opfers schrieb. Man erfährt darin, wie das Mädchen schmeckte und dass es – dies offenbar beruhigend gemeint – als Jungfrau starb. »Jungfrau« unterstrichen.

Es ist das entsetzlichste Stück Papier, das man sich überhaupt nur durchlesen kann. Es ist die Magna Charta der Kriminalgeschichte, sagt Joe Coleman. Das Schreiben hängt als wertvollstes Stück seiner Sammlung fein gerahmt und hinter Glas an der Wand. Kann man unter so etwas auf dem Sofa sitzen und Händchen halten, bis der Gast das Gefühl hat, er sähe eine etwas regietheaterhafte Variante von Philemon und Baucis auf der Bank vor ihrer Hütte? Joe Coleman und Whitney Ward können das. Das glücklichste Ehepaar der antiken Mythologie war gesegnet, weil es, lesen wir bei Ovid, selbst zweifelhaft auftretenden Göttern seine Gastfreundschaft gewährte.

Das glücklichste Ehepaar der New Yorker Fetischszene hält es im Prinzip genauso. Denn wer sind denn die Götter in der noch jungen Mythologie Amerikas, wenn nicht all diese Outlaws, deren grausame Grenzüberschreitungen wieder und wieder in Filmen, Liedern, Büchern besungen wurden und werden, zum vergnügten Grusel unbescholtener Bürger. Warum das so viele Leute fasziniert?

Komplexe psychologische Frage, schreibt der Kulturwissenschaftler Harold Schechter von der City University of New York in seinem Standardwerk The Serial Killer Files. Vielleicht, um sich für die Dauer eines Buches oder eines Filmes mit denen zu identifizieren, die jene dunklen, ungeregelten Impulse ausleben, die der Rest von uns zivil unterdrückt. Vielleicht aber auch, um damit das eigene zuckende Leben zu feiern. Es handelt sich ja immer nur um ein Überleben, wenn zum amerikanischen Traum vom guten Leben immer der amerikanische Albtraum gehört, dass der nett winkende Nachbar sich als Psychopath entpuppt, der in seiner Garage gleich die Säurefässer umrühren geht. So ein Leben, gerade in Amerika, ist also eher ein glückliches Davonkommen. Und unter diesem Blickwinkel ist dann auch Romantik möglich.

Der Satz, mit dem er Whitney rumgekriegt hat?
»Ich habe da einen neuen Tumor in einem Einweckglas; könnte sein, dass der dir gefällt.«

Whitney sagt, dass sie damals, 1997 muss das gewesen sein, auch noch als Fotogra- fin und Filmemacherin gearbeitet hat. »Ich drehte gerade ein Video für die Band Nashville Pussy, als Joe da mit einer Entourage von Motorrad-Rockern reinmarschiert kam.«

Joe sagt: »Deren Präsident war eines Tages mal zu einer meiner Ausstellungen gekommen, weil er sich eine Jacke aus Ratten gemacht hatte; die wollte er mir zeigen, eine Felljacke aus Ratten, wir wurden dann Freunde.«

Whitney sagt: »Er kam jedenfalls rein und erzählte, dass eine neue Dokumentation über ihn gedreht werde. Und sein neues Buch sei gerade herausgekommen. Und ich: Toll, toll.«

Joe: »Ich konnte einfach ihre Aufmerksamkeit nicht kriegen. Da hab ich dann das mit den Tumoren gesagt. Das hat funktioniert.«

Whitney: »Nach der ganzen freundlichen Konversation dachte ich: Wow, das ist mal eine Einladung.«

Joe: »Der Spruch muss ja nur ein einziges Mal funktionieren.«

Whitney: »Und dann hast du meine Telefonnummer auf einer Einladung zu einer Hustler-Party notiert. Das Bild zeigte Frauen, die in einen Fleischwolf geschoben werden.« Whitney wusste ja, mit wem sie sich Joes Sensibilität und Einfühlung zu teilen haben würde.

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Peter Richter

Der Kulturkorrespondent der SZ in New York schlich einst als Kunstgeschichtsstudent durch spanische Barockkirchen. Er hörte Gerüchte, wonach die Gebeine der Heiligen in den dortigen Reliquienbehältern bei Bedarf durch neue Knochen ersetzt worden seien. Daran musste Richter denken, als er erfuhr, dass Joe Coleman eine schöne Reliquie der Heiligen Agnes mit originalem Unterarm besitzt – von wem auch immer.

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