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aus Heft 47/2015 Sport

Zu schön, um wahr zu sein

Von Anne-Sophie Mutter  Foto: Getty

Kein Schlag im Tennis ist so elegant und schwierig wie die einhändige Rückhand. Die Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter beklagt, dass man diesen Wagemut immer seltener sehe - und dass es mit den wirklich großen Momenten der Geigenkunst genauso sei.

Foto: Ryan Pierce / Gettyimages
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Wenn ein Ball im Tennis elegant und präzise und mit Gefühl geschlagen wird, erinnert mich das an das Musizieren. Weil der Tennisschläger, wie der Geigenbogen, nach einiger Zeit der Betätigung vom Gehirn als Teil des Körpers anerkannt wird. Es ist diese vollkommene Symbiose zwischen Körper und Werkzeug, die den Sport und die Musik zur Kunst machen können.

Der Künstler auf dem Tennisplatz möchte, wie ein Musiker, das Beste aus sich und seiner Begabung herausholen. In der Musik räumt man sich immer wieder selbst als Gegner aus dem Weg, man vergisst alle vorherigen Auftritte in diesem Saal und stellt sich gesammelt seiner Aufgabe.

Im Tennis räumt man auch vor allem sich selbst als Gegner aus dem Weg, vergisst alle bisherigen Matches auf diesem Platz und stellt sich gesammelt seiner Aufgabe. Der Geiger wie der Tennisspieler überwindet seine Ängste, und er braucht dafür seinen Kopf. Nicht der Sieg über einen anderen ist wichtig, sondern die Suche nach einem seltenen, kostbaren Moment. Das ist im Tennis mal ein Aufschlag, mal eine gelungene Vorhand – und das ist sehr oft eine Rückhand, die einhändige Rückhand. Wenn der Return, geschlagen mit der Rückhand, longline auf die Linie knallt oder sogar den Netzpfosten in einer Kurve umrundet, ist das wie ein Ton von erhabener Schönheit. Ein Ton, den nur eine dieser Bogentechniken hervorbringen kann, die sich nur noch wenige Musiker zutrauen.

John McEnroe hat einmal gesagt, die einhändige Rückhand sei der schönste Schlag der Welt, und das trifft es genau. Für mich ist Roger Federer der Tennisspieler, an dem ich mich nicht sattsehen kann. Diese Mühelosigkeit, mit der er zu spielen scheint, ist ja etwas, was man auch bei Musikern bewundert. Seine wunderbare einhändige Rückhand erinnert mich an einen großartigen Streicher. Präzision. Eleganz. Risikobereitschaft.

Die einhändige Rückhand sagt viel aus über den, der sich traut, in großen Momenten zu versagen, weil ihm so viel daran liegt, etwas Einzigartiges zu schaffen. Ebenso wie schwierige Bogentechniken nicht von vielen Streichern gepflegt werden, weil sie zu oft schiefgehen. Doch wenn sie gelingen, vergisst man den Ton, den sie erzeugen, niemals.

Die Raffinesse, der individuelle Touch in der Interpretation, wurde in der Musik im vergangenen Jahrhundert sehr gepflegt und brachte herausragende Persönlichkeiten hervor. Heute ist die Risikobereitschaft auf der musikalischen Bühne zurückgegangen. Es wird mit ausgefeilter Technik und Lautstärke gespielt, und das kann sehr beeindruckend sein. Aber das subtile, das künstlerische, das überraschende, das persönliche Moment eines ungeheuren Stoppballs ist, im übertragenen Sinn, auch auf der Bühne seltener zu erleben.

Der Tennissport ist jetzt effizient und schnell, dominiert von Kraft und Wucht. Aber er hat an Eleganz und Einfallsreichtum verloren. Und die einhändige Rückhand ist das größte Opfer, das der Effizienz dargebracht wird.

Dabei kann die einhändige Rückhand eine großartige Waffe sein. Wenn sie sitzt, ist das für den Zuschauer ein besonderer Genuss. Ich denke, für den Spieler ist es das auch. Und niederschmetternd für den anderen. Bei Federer und seiner einhändigen Rückhand habe ich immer wieder das Gefühl, dass Technik nicht nur Mittel zum Zweck ist, sondern Freude am Spiel. Es geht ihm nicht nur um den Punkt. Er schlägt ja auch Schläge, bei denen man sich fragt, war das jetzt nötig? Muss man dieses Risiko eingehen?

Federer scheint an der Vervollkommnung seiner Fähigkeiten eine unstillbare Freude zu haben. Wenn er, wie der Musiker auch, seine große Begabung intelligent einsetzt, holt er ein Quäntchen mehr heraus, auch für den Zuschauer. Ein Quäntchen, das hört sich nach nicht viel an und kann doch so viel sein. Eben das, was den Künstler vom Techniker unterscheidet. Federer führt dieses Quäntchen Gefühl zu so wunderbaren Schlägen, die gibt es in keinem Lehrbuch. Die fühlt er, und die erfindet er. Nachdem er im Sommer gegen Murray im Halbfinale in Wimbledon gewonnen hatte, sagte er in einem Interview: »I could feel the ball today.« So einen Satz sagt eher ein Künstler als ein Sportler.

Das Ballgefühl, was für ein schöner Ausdruck: Ballgefühl, das ist ja nicht nur das richtige Führen des Schlägers auf den Ball zu, sondern dazu gehört die gesamte Vorarbeit: sich mit kleinen Schritten und größtmöglicher Präzision so hinzustellen, dass der Körper sich in der idealen Position befindet, um den Ball zu schlagen. Weil man fühlt, wo genau das Ding landen wird. Weil man spürt, was die Materie braucht, um optimal transportiert zu werden, wo also der Schläger auf den Ball treffen muss. Beim Spielen eines Saiteninstruments ist es ähnlich. Zu erkennen, wo der Springpunkt des Bogenhaars ist, wenn man einen Wurfbogen spielt, wie der Bogen optimal auf die Saite aufschlagen kann, den sogenannten süßesten Punkt zu finden, das ist Kunst.

Und wie schön es aussieht, wenn der Tennisspieler zur Rückhand ansetzt, weit ausholt, sich auseinanderfaltet wie ein Schmetterling, von der Fußspitze auf der einen Seite bis zur Schlägerspitze auf der anderen. Das ist wie Ballett, weit weg von der Draufdrescherei, die dem Sport eigentlich nicht angemessen ist. Auch beim Geigen spielt der ganze Körper. Balanciert das Gewicht aus, bewegt sich zur Musik und zur Bewegung des Bogens. Der Körper ist das Instrument, wie beim Sportler.

Seit ich Federer entdeckte habe – 2003 stand er als erster Schweizer im Finale von Wimbledon und gewann gegen Mark Philippoussis –, war ich von ihm fasziniert. Ich bin im Schwarzwald aufgewachsen, ich weiß nicht einmal, ob es da einen Tennisplatz gab. Ich habe Fußball gespielt, war eine gute Torhüterin und bin geradelt – aber Tennis, nein, wahrscheinlich war ich auch eine solche Bewunderin von Steffi Graf, dass ich gar nicht auf die Idee kam, es selbst zu versuchen. Eine wunderbare einhändige Rückhand. Ich habe nie wieder eine Frau im Tennis so bewundert wie sie. Die Leerstelle, die Steffi Graf hinterließ, füllte bald Federer.

Bis er auf der Bildfläche auftauchte, hatte ich Tennis immer nur im Fernsehen geschaut. Er hat mich nach Wimbledon gelockt, für ihn scheue ich keine Mühe, und wenn ich denke, er hat einen guten Lauf, versuche ich, Tickets zu bekommen. Ich hatte oft das Glück, dass er auch gespielt hat. Aber er hat natürlich auch mal verloren. Nach dem schrecklichen Endspiel 2008, als Nadal den fünften Satz in der Dämmerung gewann, war ich am nächsten Tag krank.

Wenn man sich auf Youtube das Wahnsinns-Wimbledon-Finale 2009 gegen Andy Roddick ansieht, das er dann wieder gewonnen hat, kann man mich hören. Ohne Witz. Bei Roddicks vorletztem Aufschlag habe ich aufgeschrien, denn der ging ins Netz. Dieses Spiel, fast fünf Stunden lang, 52 Asse, das war ungeheuer. Da beobachtet man einen Menschen, der im Flow ist. Und wer strebt den Flow nicht an? Egal, ob man Tennis spielt oder geigt: Dieses Einssein mit dem Raum, dem Körper und der Tätigkeit, die man ausübt. Wenn das mit so einer Eleganz rüberkommt, ist das nicht zu übertreffen.

Um Federer nicht zu verpassen, stelle ich mir auch für nachts den Wecker. Kürzlich war ich auf Tour mit meinen Virtuosi. Federer spielte in der Nacht um vier. Ich wusste, ich müsste schlafen – es war mir wurscht. Der nächste Tag war im Eimer, doch Tennis ging vor. Ich fliege auch mit meinem 21-jährigen Sohn zu den ATP-Finals nach London, in der Hoffnung natürlich, dass Federer im Finale stehen wird. Eigentlich kann so ein Finale nicht lang genug sein, aber als Fan fiebert man so mit, dass man nach einem Fünf-Stunden-Match fix und fertig ist.

Ich wünsche mir sehr, dass, auch wenn Federer eines Tages nicht mehr spielen wird, die einhändige Rückhand nicht ganz verschwindet. Ich habe nun mal eine Schwäche für diese schwer zu beherrschende Spielweise. Grigor Dimitrow macht mir Hoffnung. Er ist einer aus der ganz jungen Generation, der eine fabelhafte einhändige Rückhand spielt. Und Richard Gasquet. Wenn der einen Lauf hat, hält er eine Peitsche in der Hand. Gasquet, mit seiner Anmut und seiner Körpergröße, ist wie die einhändige Rückhand ein aussterbender Typus. Und es tröstet mich sehr, dass es trotz der allgemeinen Trends immer wieder solche Spieler gibt, die mit Raffinesse und Eleganz zum Zuge kommen, obwohl sie nicht den Körperbau und die Wucht mitbringen, mit der sich andere an die Spitze kämpfen.

Auch mein Sohn macht mir Hoffnung. Ihn sehe ich natürlich sehr viel öfter Tennis spielen als Herrn Federer, und ich bin sehr froh, dass er die Rückhand einhändig spielt. Für ihn gab es nie einen Zweifel daran, dass er diesen Schlag beherrschen möchte, weil er ihn physisch interessant findet. Das ist sein Stil, sicher auch weil Federer sein Vorbild ist.

Es ist wie bei einem Schüler, der Heifetz hört und so spielen möchte wie er. Auch wenn er versteht, dass er nie so gut wird wie Heifetz, wird er immer versuchen, ihn nachzuahmen.

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Anne-Sophie Mutter

Anne-Sophie Mutter weiß natürlich, dass auch der andere Schweizer Weltklassespieler, Stan Wawrinka, eine fabelhafte einhändige Rückhand spielt. Aber über ihn äußert sie sich nicht so gern, seit er Rogerer Federer in diesem Jahr bei den French Open im Viertelfinale besiegte - erstmals bei einem Grand-Slam-Turnier.

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