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aus Heft 47/2015 Liebe & Partnerschaft

Ein Fels und die Brandung

Von Valerie Schönian  Fotos: Tanja Kernweiss

Wie lebt man eine Ehe, wenn einer von beiden die Liebe nicht begreifen kann? Die Geschichte einer Frau und ihres autistischen Mannes.


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Tag 1: Ich liebe dich, weil du mein Leben so viel besser und schöner machst.
Tag 6: Weil du einfach wahnsinnig sexy bist.
Tag 30: Weil du immer an mich glaubst.


Miriam liebt Thorsten. Ende 2008 hat sie ihm einen Kalender gebastelt, da waren sie knapp zwei Jahre zusammen. Mit 31 Seiten, für 31 Tage, sodass er ihn jeden Monat und jedes Jahr nutzen kann. Mit 31 Gründen, warum sie ihn liebt.

Thorsten braucht Miriam. Sie hilft ihm, wenn er die anderen Menschen nicht versteht. Wenn er im Supermarkt steht und plötzlich wütend wird. Weil es so laut ist, die Menschen ihn anrempeln oder die Sachen in den Regalen nicht logisch geordnet sind.

Thorsten will Miriam. Er hatte eine Liste im Kopf mit Dingen, die ihm an einer Frau wichtig sind: Treue, Intelligenz, Witz, gutes Aussehen. Das ist Miriam.

Miriam ist 30, Thorsten 38 Jahre alt. Sie sind verheiratet und leben in München, mit zwei Söhnen, einer zwei Jahre, einer neun Monate alt. Eigentlich sollten es drei sein. Einer ist vor knapp zehn Monaten im Bauch von Miriam gestorben. Thorsten hat nach vier Tagen das erste Mal geweint.

Miriam und Thorsten heißen in Wirklichkeit anders. Nur wollen sie ihre Namen nicht in der Zeitung lesen, weil das hier ihre ganz private Geschichte ist. Weil Thorsten ein bisschen anders ist als die meisten Menschen, anders fühlt, anders liebt. Thorsten ist Autist.

17: Weil du viel mehr für mich tust, als eigentlich möglich ist.
11: Weil es dir nie peinlich ist, mich »Maus« zu nennen.


Thorsten mag keine Berührungen. Er schaut Menschen nicht gern in die Augen. Er braucht Raum für sich.

Miriam braucht Nähe. Sie will umarmt werden. Einen Kuss zur Begrüßung und einen zum Abschied. Thorsten versteht nicht, wieso.

Irgendwann sagte Miriam zu Thorsten: »Ich habe dir 31 Gründe genannt, warum ich dich liebe. Kannst du mir einen nennen, warum du mich liebst?« Thorsten sagte: »Ich weiß nicht, was ich jetzt dazu sagen soll.«

7: Weil du immer du selbst bist.
26: Weil du bis ans Ende der Welt mit mir gehen würdest.
2: Weil mit dir sogar Action-Filme interessant sind.


Thorsten sagt, was Liebe ist, muss er sich analytisch rekonstruieren. Aus dem, was die anderen sagen und man in Filmen sieht. Liebe heißt für ihn, dass alles passen muss. Dass man sich riechen kann, dass die Pheromone passen. Er glaubt, für die meisten Menschen ist Liebe was anderes.

24: Weil du so bist, wie du bist.
28: Weil du für mich das Licht am Ende des Tunnels bist.


Thorsten hatte mit einigen Dingen schon immer Probleme. Die Diagnose, Autismus, bekam er erst im Juli 2014, eine Erleichterung. Für Miriam war es das anfangs auch. Bis sie realisierte: Autismus ist nicht heilbar.

10: Weil du immer versuchst, mich zu verstehen.

Der Kalender steht heute auf Thorstens Nachtschrank. Neben dem Bett, das er mit Miriam teilt. Thorsten und Miriam leben in einer Wohnung in München, 77 Quadratmeter, vier Zimmer.

Anderthalb Jahre war Thorsten arbeitslos. Zuvor hatte er 16 Jahre lang als OP-Pfleger gearbeitet, dann ging es nicht mehr. Zu laut, zu unregelmäßige Arbeitszeiten. Thorsten braucht Ordnung. Seit August lässt er sich zum chemisch-technischen Assistenten umschulen. Denn: In dem Beruf arbeitet er mit Maschinen. Aber während der Ausbildung sitzt er auch im Klassenzimmer, mit seinen Mitschülern, mit Menschen. Die laut sind und dazwischenreden. Thorsten sagt: knapp zwei Jahre noch.

Miriam ist Psychologin und gerade in Elternzeit. Doch ihre Firma, eine Personalberatung, ist insolvent, sie kann danach nicht zurück. Seine Musikanlagen und seine Fotoausrüstung hat Thorsten verkauft, sein Auto auch.

Thorsten will die Ehe, wenn er gerade nicht wütend ist. Miriam hält an der Liebe fest, in guten wie in schlechten Zeiten. Im Moment sind die Zeiten schlecht.

Autisten müssen alles planen. Alles muss logisch sein. Das geht nicht, wenn das Geld knapp ist und man Kinder hat. Miriam und er streiten oft, sagt Thorsten. Es gibt gute und schlechte Tage, wie in jeder Ehe, sagt Miriam. Ich bereue nichts, sagt sie. Thorsten sagt manchmal, es funktioniert nicht.

Wenn Thorsten Miriam die Scheidung vorschlägt, weil sie so oft streiten, sagt sie Nein. Thorsten sagt, daran sieht er: Miriam scheint emotional anders involviert zu sein.

5: Weil du nicht nur sagst, dass du etwas tust, sondern es auch machst.
3: Weil du weißt, was du willst.


Seit einigen Monaten hat Thorsten einen eigenen Raum in der Wohnung. In den er sich zurückziehen kann, wenn es zu viel wird.

14: Weil du mich immer unterstützt.
12: Weil du deine Gedanken mit mir teilst.
13: Weil du mir das Gefühl gibst, einzigartig zu sein.


Miriam verliebte sich in Thorsten im März 2007, bei ihrem ersten Treffen. Er schaute ihr nicht in die Augen, aber er brachte sie zum Lachen. Am Ende des zweiten Treffens verabschiedeten sie sich auf dem Parkplatz. Thorsten sagte: Wenn du mich noch einmal triffst, musst du mich heiraten. Sie lachten. Nach ihrem dritten Treffen waren sie zusammen.

18: Weil ich mich immer auf dich verlassen kann.

Miriam sagt, wüsste man es vorher, würde man vielleicht keinen Autisten wählen. Es ist anstrengend. Dass er ständig alles wiederholt. Dass er stundenlang über die unlogische deutsche Bürokratie schimpft. Dass er nie spontan sein kann.

9: Weil du mich zum Lachen bringst.
16: Weil du meine Träume teilst.
21: Weil du mir zeigst, wie lieb du mich hast.


Es war schnell klar, dass es was Ernstes ist. Thorsten umarmte Miriam, küsste sie, hielt ihre Hand. Das kannte er aus Filmen.

Wenn Thorsten sich heute aussuchen könnte, wie der Rest seines Lebens weitergeht, wäre er gern Einsiedler, irgendwo im Wald. Ihm ist klar, dass das unrealistisch ist. Er wüsste nicht einmal, woher er sein Essen bekäme. Thorsten träumt nicht weiter von Dingen, die unrealistisch sind. In der realen Welt braucht er Miriam. Sie würde ihm fehlen. Es würde ihm nicht gut gehen, wenn sie nicht mehr da wäre. Er kann nur nicht sagen, wieso.

19: Weil du mich vermisst, wenn ich nicht da bin.

Nach einem Jahr hatte Miriam das Gefühl, dass sich Thorsten nicht mehr so freut, wenn sie kommt. Nach zwei Jahren nahm er sie immer seltener in den Arm, nahm weniger ihre Hand. Er erkannte nicht, wenn sie traurig war. Miriam dachte, so sind viele Männer.

31: Weil ich wegen dir ein besserer Mensch sein will.

Miriam wollte schon immer Kinder haben. Thorsten wollte eigentlich keine mehr. Er hatte schon einen Sohn mit seiner vorherigen Freundin. Aber dann wäre Miriam gegangen. Sein größtes Zugeständnis an mich, sagt Miriam. Ich würde es nicht mehr machen, sagt Thorsten.

Thorsten fällt es schwer, seinen Kindern und seiner Frau zu beschreiben, was in ihm vorgeht. Alle Geräusche, alle Farben, alle Eindrücke prasseln gleichzeitig und ungefiltert auf ihn ein. Er glaubt, er nimmt die Welt so wahr, wie sie ist, authentisch. Er sagt, seine Gefühle sind ein Brei. Er kann sagen, ob der Brei gut oder schlecht ist. Aber nicht, warum.

8: Weil du meine Launen aushältst. 15: Weil du mich ernst nimmst.

Sie heirateten im April 2011. Dann kamen die Kinder. Thorsten musste seinen Job aufgeben. Es ging ihm immer schlechter. Die Struktur seines Lebens ging verloren.

4: Weil du es nicht nur aushältst, wenn ich ständig singe, sondern es auch noch schön findest. 23: Weil ich bei dir zu Hause bin.

Miriam sagt, Thorsten geht Kompromisse ein. Er wickelt. Er kauft ein. Er versucht, ruhig zu bleiben, wenn das Abendessen zu spät kommt. Er küsst sie, wenn sie es will. Immer zum Hallo- und Tschüss-Sagen.

Thorsten schaut Miriam gern an. So viele Details. Er mag ihre Sprossen. Im Winter ein bisschen, im Sommer intensiver. Thorsten hatte das Ziel, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Er ist froh, dass er sein Ziel jetzt erreicht hat.

25: Weil ich dir vertrauen kann.

Wenn Thorsten überfordert ist, wird er wütend. Das kommt öfter vor, seit sein Tagesablauf so unregelmäßig ist. Dann schmeißt er die Spielekonsole, schreit, zerreißt sein T-Shirt, verbiegt seine Brille. Miriam sieht solche Anfälle nicht kommen. Thorsten auch nicht.

Thorsten sagt, es ist nicht nur das Geschrei der Kinder. Es ist der Müll auf der Straße, der immer mehr wird. Die Radler und Autofahrer, die immer öfter die Verkehrsregeln brechen. Und dann schreien die Kinder und sagen nicht, wieso.

22: Weil alles nicht mehr so schlimm ist, wenn du da bist.

Miriam sagt, Reibepunkte gibt es in jeder Ehe, man muss Kompromisse eingehen.

Wenn Thorsten fragt, was sie essen will, kann Miriam nicht mit dem antworten, auf das sie keine Lust hat. Und erwarten, dass er daraus Schlüsse zieht. Wenn sie mit ihm schlafen will, kann sie ihn nicht nur anlächeln. Wenn sie will, dass er etwas mit den Kindern macht, kann sie das nicht erwarten. Miriam muss das alles laut sagen. Thorsten sagt, er kann ja keine Gedanken lesen.

27: Weil du dich mit mir freust, wenn es mir gut geht, und mich tröstest, wenn es mir schlecht geht.

Thorsten hat viele Dinge gelernt. Auch wie man das schlechte Gefühl nennt, das er vor zehn Monaten hatte, als Miriam sagte, dass sie doch keine Zwillinge bekommen. Dass ein Kind in ihrem Bauch gestorben ist.

Darauf konnte sich Thorsten nicht vorbereiten. Zuerst waren es zwei Kinder statt einem, dann wieder eines. Sie hatten doch schon Kinderwagen und Bett. Und dann dieser schlechte Brei im Magen. Thorsten hat sich zusammengerissen. Als Miriam noch eine Woche im Krankenhaus bleiben musste, hat er sich zu Hause um seinen zweijährigen Sohn gekümmert, Miriam jeden Tag besucht. Er hat sie in den Arm genommen. Und nach vier Tagen geweint. Miriam sagt, er war überfordert und trotzdem für mich da. Er gibt sich Mühe.

20: Weil es nirgendwo schöner ist als in deinen Armen.

Thorsten sagt, seit seine Ausbildung angefangen hat, hängt er nicht mehr in der Luft. Sein Leben hat eine Struktur. Er sagt auch, dass es anstrengend ist. Wegen seiner Mitschüler und der U-Bahn-Fahrten, wegen der ignoranten und lauten Menschen überall. Thorsten sagt, wenn er mit der Ausbildung fertig ist, wird alles besser. Miriam sagt, sie weiß nicht, ob er es bis dahin schafft. Sobald es geht, wollen sie mit den Kindern weg aus der Vier-Zimmer-Wohnung. Aufs Land. Wo sie ihren Alltag planen können, weit weg von Verkehr, Müll und anderen Menschen. Miriam sagt, dann wird es besser.

Tag 29: Ich liebe dich, weil wir für jedes Problem eine Lösung finden.

Neulich hat Thorsten Miriam einen Ringordner geschenkt. Sie hat so viele Unterlagen als Psychologin. Thorsten sagt, mit dem Ordner kann sie die endlich sortieren.

Miriam sagt, ich mag, dass er sich bei allem etwas denkt.
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Valerie Schönian

hat ihre Interviews in diesem Fall nicht wie gewohnt mit dem Diktiergerät aufgenommen, sondern alles mitgeschrieben - Thorsten hatte ihr gesagt, dass ihm Blickkontakt unangenehm sei. Also hielt die Autorin ihre Augen meistens auf den Block gerichtet.