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aus Heft 48/2015 Essen & Trinken

Planwirtschaft

Von Karoline Amon  Fotos: Rafael Krötz

Eine Stuttgarter Familie war es leid, sich immer wieder den Kopf darüber zu zerbrechen, was am Abend auf den Tisch kommen soll. Jetzt weiß sie es lange im Voraus - dank einem ausgetüftelten Essensplan.

Familie Seeber an ihrem Esstisch in Stuttgart. Die Mahlzeit: Pasta mit grünem Salat.
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Am 4. Januar 2016, einem Montag, wird Familie Seeber in Stuttgart eine Gemüsequiche essen. Am 12. Februar, Freitag, kommt Kartoffelgratin auf den Tisch und am 8. März, Dienstag, Bratlinge mit Spitzkohl und Kartoffelpüree. Seit acht Jahren gibt es im Reihenhaus der Seebers keinen Streit oder auch nur Kopfzerbrechen über die Frage, was man bloß abends kochen soll. Denn so lange schon folgen die Mahlzeiten von Martina Seeber, ihrem Mann Björn und den Töchtern Solveig, neun, und Malin, sechs, einem Essensplan, den sie jeweils für zwölf Wochen im Voraus festlegen. Danach geht es wieder von vorn los.

Wie kamen Sie auf die Idee, für Ihre Familie einen exakten Speiseplan aufzustellen?
Björn: Alles geht auf ein Erlebnis zurück, als unsere erste Tochter gerade ein Jahr alt war. Wir standen im Supermarkt und wussten mal wieder nicht, was wir einkaufen, geschweige denn kochen sollten. Zu Hause war nur noch ein halbes Päckchen Nudeln im Schrank, und Solveig jammerte im Wagen. Da bin ich wütend geworden und habe gedacht, dass sich etwas ändern muss. Ich weiß noch, wie ich am Abend einen Zettel nahm und sagte: Wir machen jetzt einen Plan, und alles wird gut.
Martina: Es ist uns oft so gegangen, dass wir müde im Laden standen und in der Hektik gar nicht auf die Gerichte kamen, die wir gern essen.

Haben Sie den Essensplan dann gleich in die Tat umgesetzt?
Björn: Ja, unser Plan nahm bereits am ersten Abend Gestalt an. Erster Tag Nudeln, zweiter Tag Reis, dritter Tag Kartoffeln – das waren die Anfänge unseres Systems. Doch wir brauchten ja mehr Auswahl für die ganzen Wochen. Wir haben uns also zurückerinnert an die Zeit, als wir noch ohne Kinder ganz nach Lust und Laune gekocht hatten, und den Plan nach und nach mit verschiedenen Gerichten aufgefüllt.

Würden Sie von sich sagen, dass Sie gut kochen können?
Martina: Als Studenten haben wir beide in Restaurants gejobbt. Ich habe als Beiköchin Zutaten vorbereitet und einfachere Gerichte gekocht, Björn hat Essen für die Gäste aufgewärmt, wenn der Koch nicht da war. Die Basics können wir also schon, viel mehr aber auch nicht.

Über die Jahre haben die Seebers – beide sind Vegetarier – ihren Plan immer wieder überarbeitet. Schließlich soll er ein »Muster für die Ewigkeit sein«, wie Martina Seeber sagt.

So funktioniert das System: Der Plan umfasst zwölf Wochen, die Tage werden von eins bis sieben durchnummeriert. An den Positionen eins und vier gibt es immer Nudeln, allerdings in Variationen, zum Beispiel Lasagne oder Penne mit Fenchel. An Position zwei stehen Kartoffelgerichte auf dem Plan, an Position drei Reis, Position sechs ist für Suppen reserviert. An den anderen Tagen gibt es Gerichte mit Hülsenfrüchten oder etwas mit Eiern, wie etwa Quiche. Insgesamt tauchen 84 verschiedene Gerichte auf dem Plan auf, die so über die Tage verteilt werden, dass die Basis der Gerichte – Nudeln, Kartoffeln, Reis, Ei und Hülsenfrüchte – in einer Woche nur jeweils einmal vorkommt; allein die Nudeln kommen zweimal auf den Tisch, und am siebten Tag gibt es Gerichte wie Polenta, die nicht in das System der Basiszutaten passen. Die Seebers legen außerdem Wert darauf, die Rezepte zu variieren, sodass man zum Beispiel nicht zweimal hintereinander das gleiche Kartoffelgericht isst.

Der Plan lässt nur wenige Ausnahmen zu: So gibt es alle drei Wochen ein »Kinderwunschessen«, abwechselnd auf Position zwei oder fünf – da dürfen die Töchter bestim-men, meistens wird dann Milchreis gekocht. Jeden zweiten Sonntag geht die Familie planmäßig essen; und an Woche zwei, Position zwei, steht ein »neues Rezept« auf dem Programm.
Zwei Blätter reichen: Der Plan fängt alle zwölf Wochen wieder von vorn an.


Wollen Sie mit Ihrem Plan Geld sparen?
Björn: Nein, wir sparen damit überhaupt nichts. Es ist ja nicht so, dass wir einen Riesensack Linsen kaufen, weil wir wissen, dass wir in den nächsten Wochen dreimal Linsen essen werden. Sondern wir machen am Samstag unseren Wocheneinkauf, wie viele andere Familien auch. Frische Sachen holen wir oft auf dem Heimweg. Das Gute ist: Wir brauchen kein Lager, denn wir wissen genau, welche Lebensmittel wir benötigen. Nur Leute, die das nicht wissen, müssen auf ihren Dosenvorrat im Keller vertrauen.
Martina: Das Einzige, was wir sparen, ist Zeit. Das ist für uns aber ganz erheblich. Wir haben mal nachgerechnet: Seit wir nach Plan einkaufen und kochen, haben wir im Schnitt täglich 30 bis 45 Minuten mehr für andere Dinge. Dass wir diese ganze Zeit nicht mehr sinnlos im Supermarkt verplempern, hilft uns dabei, unseren Alltag zu meistern, der mit Arbeit, Kindern, Haushalt und Hobbys wie Sport und Musikmachen eh schon voll genug ist.

Aber ist es nicht auch kompliziert und zeitraubend, den Plan aufzustellen?
Björn: Im Gegenteil, der Plan ist ja fertig und fängt einfach alle zwölf Wochen wieder von vorn an.

Von Anfang an hat der Plan im Bekanntenkreis der Seebers viele Diskussionen ausgelöst. »Auf Partys hatten wir schon endlose Debatten«, sagt Martina Seeber, manche Freunde hätten sogar befürchtet, das Paar entwickle eine Zwangsneurose. Andere hätten sich hingegen ein Beispiel genommen und begonnen, ihren eigenen Essensplan aufzustellen; oft seien das Eltern kleiner Kinder gewesen, die wie Familie Seeber versuchten, sich in einer stressigen Lebensphase ein wenig Luft zu verschaffen. Bisher habe allerdings niemand dauerhaft durchgehalten, sagt Martina Seeber: »Dazu muss man den Plan wahrscheinlich so hingebungsvoll ausarbeiten und immer wieder aktualisieren, wie Björn es gemacht hat.«

Doch auch wenn ihre Idee sich bisher nicht sonderlich weit verbreitet hat – mit ihrem Wunsch, sich nicht mehr so furchtbar viele Gedanken über das Essen zu machen, stehen die Seebers sicher nicht allein. So verschicken Online-Anbieter von Kochboxen inzwischen mehrere Millionen Gerichte im Monat. Die Kunden bekommen einmal pro Woche Lebensmittel und die dazu passenden Rezepte – und kochen einfach das zusammen, was in der Kiste ist. Auch hier ist also ein Plan im Spiel, allerdings wird der nicht in der eigenen Küche aufgestellt, sondern in den Büros expandierender Start-ups.

Gibt es auch Gerichte auf dem Plan, die Sie nicht so gern essen?
Björn: Ich muss schon sagen: Ich bin kein Kürbisfan. Kürbissuppe oder der Kürbis mit Maronen, den wir immer im Ofen machen, das ist beides nicht mein Ding.

Warum streichen Sie den Kürbis dann nicht einfach?
Martina: Wir haben beide so ein Mensa-Denken. Dort muss man ja auch Sachen essen, die man sich nicht unbedingt ausgesucht hat, die andere aber gern essen.
Björn: Nur diesen warmen Kartoffelsalat mit Tofu-Würstchen haben wir aus dem Plan geschmissen, den mochten wir irgendwann alle nicht mehr.

Dabei müsste ein Vorteil des Plans doch darin liegen, dass Sie die verschiedenen Rezepte sehr gut beherrschen, so oft wie Sie sie inzwischen gekocht haben.
Martina: Ja, im Prinzip klappt alles. Bloß mit unserer Moussaka sind wir öfter unzufrieden.

Woran liegt’s?
Björn: Wenn wir das nur wüssten! Mit zu viel Béchamelsauce wird die Moussaka schnell matschig – mit zu wenig zu trocken.

Die Seebers sind beide Musikwissenschaftler und Experten für die musikalische Avantgarde des 20. Jahrhunderts. So bemerkten sie eine sehr spezielle Parallele: Ihr Essensplan gleicht in seiner Struktur der Zwölftonmusik, einem Kompositionsverfahren, das Arnold Schönberg in den Zwanzigerjahren in Wien entwickelte.

Sie müssten bitte kurz erklären, was Zwölftonmusik ist.
Björn: Bei der Zwölftonreihe sind Wiederholungen verboten. Alle zwölf Halbtöne, die es innerhalb einer Oktave gibt, müssen erklungen sein, erst dann darf wieder der erste gespielt werden. Das ist eine mathematische Gewissheit. Bei unserem Plan kommt es ja auch darauf an, Wiederholungen auszuschließen. Bei uns entsprechen die zwölf Töne den zwölf aufeinanderfolgenden Wochen, wobei sich jede Woche von der anderen unterscheidet. Am Ende der zwölften Woche geht’s wieder von vorn los, wie bei der Zwölftonmusik.

Als Sie an Ihrem Plan tüftelten: Hat es Ihnen da geholfen, mit Schönbergs Ideen vertraut zu sein?
Björn: Irgendwie schon. Zumindest haben wir den Zusammenhang ziemlich früh erkannt. Doch auch wenn der Plan jede Woche anders war, merkten wir zum Beispiel, dass es in einer Woche viel mit Eiern gab, also Spiegeleier, Senfeier oder Quiche. Das war uns zu einseitig. Dann haben wir umsortiert und getauscht, bis die Eiergerichte besser auf die einzelnen Wochen verteilt waren, damit auch jeder Tag in der Woche unterschiedlich ist.

Sehen Sie Ihren Plan inzwischen als kleines Kunstwerk?
Björn: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Die Musik wird ja auch erst dann kunstvoll, wenn der Komponist gegen die Regeln verstößt und einen Ton an eine Stelle setzt, wo dieser gar nicht sein dürfte.

Der Regelverstoß kommt bei Familie Seeber eigentlich nur vor, wenn Björn nicht da ist. Dann geht seine Frau manchmal auf den Markt und kocht am Abend aus dem Bauch heraus. Ist die Familie komplett, wird der Plan streng befolgt. Man sollte meinen, sie seien generell sehr ordnungsliebend, aber das sind sie nicht. Es liegen Zeitungen und aufgeschlagene Kochbücher auf dem Esstisch, in der Küche stapelt sich das Geschirr, auf einem Notenständer steht ein aufgeschlagenes Notenheft. Vielleicht ist der Essensplan gewissermaßen das Fundament, auf dem alles steht – und auf dem die Familie sich Freiräume erlaubt. Die Seebers wollen den Plan zumindest so lange weiterführen, bis die Töchter aus dem Haus sind. Allerdings gibt es bei aller Routine einen Punkt, der regelmäßig für Stress sorgt: der Eintrag »neues Rezept« (Woche zwei, Position zwei). Eigentlich müssten sie da ins Kochbuch schauen und etwas ausprobieren, was sie noch nie gekocht haben. Aber dazu haben sie selten Lust. »Das ist der einzige Tag, der auch mal übersprungen wird«, sagt Martina Seeber. Dann geht es mit dem Gericht weiter, das für den nächsten Tag vorgesehen war.

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Karoline Amon

Als die Autorin vom Termin bei den Seebers nach Hause kam, traf sie ihre Familie an der Haustür: Mann und Kinder kamen gerade aus einem Res-taurant zurück, das sie besucht hatten, weil der Kühlschrank daheim leer war.

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