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Hit, Hit, Hurra: Chartskolumne 30. November 2015

Authentizität, Alder!

Von Max Fellmann  Foto: Screenshot

Jan Böhmermann hat ein HipHop-Video gedreht und sprengt damit einmal mehr die Timelines bei Twitter und Facebook. HipHop-Experten und Facebook-Kommentatoren sehen darin die Herablassung eines privilegierten Rotzlöffels. Zu Recht?


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Das ging schnell. Ende letzter Woche stellt Jan Böhmermann ein Video auf YouTube, es wird sofort zum Hit, 4 Millionen Aufrufe, und schon am Wochenende tobt die Diskussion: Ob das jetzt alles total schlau sei – oder schlicht menschenverachtend. (Noch mal kurz zusammengefasst für die, deren Internetverbindung gerade ein paar Tage down gewesen sein sollte: Der Fernsehmoderator Jan Böhmermann hat eine sehr gelungene Parodie auf die Klischees des Gangsta Rap veröffentlicht, er imitiert darin den Tonfall des Rappers Haftbefehl, prahlt aber nicht mit seinen Homies und krimineller Energie, sondern behauptet, er habe die Polizei auf seiner Seite, gewissermaßen die krasseste Gang in der Stadt.)



Böhmermann kriegt die Sprache des jüngeren Deutsch-Rap ziemlich exakt in den Griff. Er verkürzt Sätze zu absurden Gebilden - »Zack, gehst du Knast, nicht mehr frei.« Er lässt Artikel und Präpositionen weg - »Polizei kommt – du wechselst Straßenseite«. Er spricht Wörter mit leichtem Akzent aus, lässt das R rollen und spricht »Ich« wie »Isch« aus. Und genau auf diese Sprache haben sich jetzt die Kritiker eingeschossen. HipHop-Experten und Facebook-Kommentatoren sagen, das sei hämisch, möglicherweise sogar ein bisschen rassistisch. Hier mache sich das Bildungsbürgertum über die sprachlichen Unzulänglichkeiten bildungsferner Zuwanderergruppen lustig.

Aber wer so argumentiert, hat Pop nicht verstanden. Es gehört schon eine Spur Naivität dazu, das »Isch« von Haftbefehl als Ausweis einer authentischen Lebenserfahrung verstehen zu wollen. Die Aussprache, die Formulierungen, all das hat sich längst zu einem Idiom entwickelt, das von Herkunft, Bildungsgrad und Einkommen der Handelnden völlig entkoppelt ist. So hat Pop immer funktioniert, ob in den Anfängen des Rock'n'Roll oder in der Hochzeit des Punk oder eben im HipHop: Ganz am Anfang mag es immer ein paar geben, die aus irgendeiner Not eine Tugend machen - aber dann werden diese Tugenden sofort Allgemeingut. Anders gesagt: Ja, kann sein, dass sich die ersten Punkbands keine teuren Gitarren leisten konnten, aber Kurt Cobain hat seine Schrottgitarren ja nur deshalb gespielt, weil er es besonders punk fand. Und ja, kann sein, dass in den 80er Jahren ein paar HipHopper ihre Schnürsenkel aus den Schuhen nahmen, um Solidarität mit ihren Brüdern im Gefängnis zu zeigen, die ihre abgeben mussten – aber welcher ach so authentische HipHop-Teenager in der Vorstadt weiß das heute überhaupt, wenn er in wackelnden Sneakers durch die Gegend stolpert?

Und was die Sprache des deutschen Rap von 2015 angeht: Kein Mensch kann behaupten, das sei das Deutsch von Menschen, die gezwungen wären, so zu sprechen. Es ist die Sprache einer Jugendbewegung, egal, aus was für Familien die Beteiligten kommen. Klar, sie speist sich – unter anderem – aus verschiedenen Akzenten. Aber die Sprache des deutschen HipHop ist eine Kunstsprache, nicht authentisch im Sinne eines sprachlichen Unvermögens, sondern ein Slang. Und genau diesen künstlichen, aufgepumpten, ohnehin schon comicbunt überdrehten Slang hat Böhmermann parodiert.

Übrigens: Um diese Kunstprache auch jenseits des HipHop zu hören, muss man sich bloß an einem Dienstag Mittag vor ein Gymnasium in Pullach, Blankenese oder Potsdam stellen und darauf achten, dass blasse, blonde Ärztesöhne heute tatsächlich so miteinander sprechen. »Hey, Alder, isch geh Bolzplatz.« Eben. Authentizität my ass.

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Max Fellmann

Auf welches Lied können sich gerade alle einigen? Warum? Und was ist das Besondere daran? In dieser Kolumne besprechen Max Fellmann und Jan Stremmel jede Woche die Hits der aktuellen Single-Charts. Fellmanns Favoriten in der Geschichte der Nummer-eins-Hits bis jetzt: »Azzurro« von Adriano Celentano (Italien 1968); »House Of Fun« von Madness (Großbritannien 1982), »U Can’t Touch This« von MC Hammer (Schweden 1990), »Emanuela« von Fettes Brot (Österreich 2005) und »Blurred Lines« von Robin Thicke (Deutschland 2013).

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