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aus Heft 50/2015 Familie

In fremden Händen

Protokolle: Katrin Langhans und Rainer Stadler  Illustrationen: Mrzyk & Moriceau

Jugendämter greifen zunehmend in Familien ein und bringen Kinder in Heimen oder Pflegefamilien unter. Manche Entscheidungen der Ämter sind verheerend - und wer einmal in die Mühlen geraten ist, kommt so leicht nicht mehr heraus. Sechs Leidensgeschichten.

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In Deutschland gibt es rund 600 Jugendämter. Sie sind kommunale Behörden und sollen sicherstellen, dass Kinder geborgen und gesund aufwachsen. Sie planen Spielplätze, sie beraten Jugendliche, die sich beim Einstieg ins Berufsleben schwertun, sie unterstützen Eltern bei der Erziehung. Das Jugendamt soll aber nicht nur helfen, sondern auch kontrollieren, dass Kinder in ihren Familien nicht vernachlässigt oder misshandelt werden. Andernfalls kann es eine Inobhutnahme verfügen: Das Kind wird aus seiner Familie genommen und in einer Pflegefamilie oder einem Heim untergebracht. Die Zahl der Kinder, die Jugendämter aus ihren Familien nehmen, steigt: Vor zehn Jahren waren es rund 25 000 Kinder, vergangenes Jahr fast 50 000. In der Öffentlichkeit wird diese Entwicklung oft damit erklärt, dass Eltern mit ihrer Erziehungsaufgabe zunehmend überfordert seien. Es gibt aber Fälle, die eher den Verdacht nähren, dass ein Apparat außer Kontrolle geraten ist: dass Familien, die vielleicht Hilfe bräuchten, mit staatlicher Gewalt schikaniert und auseinandergerissen werden – mit wenig Rücksicht auf Gesetze und auf das Gut, das eigentlich über allem steht: das Kindeswohl.

Thomas Mörsberger — Vorsitzender des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht: Ich werde zunehmend konfrontiert mit Fällen, bei denen in haarsträubender Weise Familien belastet werden durch völlig unberechtigte Interventionen, etwa in Form einer Fremdplatzierung per Inobhutnahme. Und ich spreche nur von Fällen, bei denen das Jugendamt dies auch – natürlich nicht öffentlich – zugegeben hat. Den Optimismus, dass durch massives Eingreifen per se das Gute passiere, kann ich nicht teilen.

Lore Peschel-Gutzeit — Familienrechtsanwältin, ehemalige Justizsenatorin in Hamburg und Berlin: Das Bundesverfassungsgericht hat wiederholt festgestellt, dass sowohl Familiengerichte als auch Jugendämter Kinder oft zu schnell und ohne notwendige Ermittlung von Alternativen in Obhut nehmen beziehungsweise von den Eltern trennen. Und dass sie sich auch bei der Rückgabe von fremd-untergebrachten Kindern an die Eltern zögerlich und damit pflicht- und verfassungswidrig verhalten.

Fall 1

Ursula K.*, Bremen — Mutter von Faruk*
: Als ich schwanger wurde, war ich bereits seit einem Jahr mit Jusuf in einer On-off-Beziehung. Er hat mich oft bedroht und geschlagen, trotzdem hing ich an ihm – emotional und auch finanziell. Zwei Monate vor der Geburt habe ich beim Jugendamt darum gebeten, dass ich in ein Mutter-Kind-Haus gehen darf, um Abstand von ihm zu gewinnen. Ich hatte mich selbst um einen Platz in Hamburg gekümmert. Es fehlte noch eine Zusage, dass die Kosten vom Jugendamt übernommen werden. Stattdessen genehmigte man mir eine Familienhilfe und eine Hebamme. Wird schon, sagte man mir, Sie werden ja jetzt alle eine Familie. Später habe ich aus den Akten erfahren, dass das Jugendamt am nächsten Tag Kontakt zum Krankenhaus aufnahm, wohl um die Inobhutnahme zu planen.

Fall 2

Karin E.*, Siegburg — Mutter von Claudia*, 16
: Der Klassenlehrer hatte Claudia und mich offensichtlich auf dem Kieker: Claudia war von drei Jungs vor den Schulbus geschubst worden, ich berichtete ihm davon. Statt die Jungs zur Rechenschaft zu ziehen, beschwerte er sich, dass ich Claudia nun mit dem Auto zur Schule brachte. Sie müsse selbstständiger werden. Außerdem sei sie zu dick, sie solle sich mehr bewegen und gesünder essen. Er mobbte sie wiederholt vor der ganzen Klasse, und zog auch über mich vor der Klasse her, weil ich mich wiederholt bei ihm beschwert hatte. Dabei hatte Claudia gute Noten, vor allem in Englisch, in Mathe war sie sogar die Klassenbeste. Ich wandte mich an die Direktorin. Sie sagte: Mobbing gibt es nicht an unserer Schule. Immer öfter hatte Claudia starke Bauchschmerzen, wenn sie zur Schule ging, ihre Fehlzeiten häuften sich, wir waren oft beim Arzt.

Ich war damals selbstständig und privat versichert. Als die Geschäfte schlecht liefen, wollte ich in die gesetzliche Versicherung, wurde aber zunächst nicht aufgenommen. Deshalb zahlte ich die ärztliche Versorgung von Claudia privat, was auch keine nennenswerten Probleme verursachte. Als jedoch die Direktorin davon erfuhr, schaltete sie das Jugendamt ein. Sie erzählte den Mitarbeitern auch, Claudia werde immer unförmiger und dicker.

Fall 3

Ralf S.*, München — Vater von Lisa*
: Im September 2012 erlitt meine Partnerin, die Mutter meiner Tochter Lisa, eine heftige psychische Erkrankung. Ich war noch in Trennung und lebte damals noch nicht bei den beiden. Deshalb bekam ich den Zusammenbruch nicht sofort mit. Meine Partnerin wurde in eine Klinik eingeliefert und Lisa vom Jugendamt in ein Heim gebracht. Als ich davon hörte, eilte ich in dieses Heim und stellte mich als Vater von Lisa vor. Dann erfuhr ich, dass sich meine Partnerin von Mördern verfolgt fühlte und mich beschuldigte, ich hätte Lisa missbraucht. Das Amt verwehrte mir sechs Wochen jeden Kontakt zu Lisa.

Fall 4

Linda N., Hannover — Mutter von Anna
: Mein damaliger Freund wollte von Anfang an nichts mit Anna zu tun haben. Schon während der Schwangerschaft hatte er gesagt, ich solle das Kind doch abtreiben. Ich hoffte, dass wir doch noch eine Familie werden, aber als Anna eineinhalb Jahre alt war, trennten wir uns. Anna wohnte bei mir, mein Ex weigerte sich, Unterhalt zu zahlen. Nach etwa einem Jahr, er hatte nun eine neue Freundin, änderte sich seine Einstellung schlagartig. Er verlangte mehr Umgang mit Anna. Gleichzeitig verbreitete er Unwahrheiten über uns: Als ich von Hannover wegzog, warf er mir zum Beispiel vor, ich wolle Anna entführen. Er teilte dem Jugendamt mit, Anna werde von mir völlig von der Außenwelt isoliert und wachse ungesund auf. Wir wohnten damals neben einer Apfelplantage, Anna hatte einen Hund und natürlich auch Freunde. Das Gericht beschloss schließlich, das Kind müsse den Vater öfter sehen.

Anna N. (16): Ich weiß, dass ich schon damals nicht gern zu ihm gegangen bin. Seine neue Freundin wollte, dass ich »Mutter« zu ihr sage, darauf hatte ich keine Lust. Außerdem haben sie immer schlecht über meine Mutter und ihre Familie geredet. Ich erinnere mich an ein paar schöne Ausflüge und teure Urlaube mit ihm, aber eben auch daran, dass er mich immer ziemlich unter Druck gesetzt hat. Er war ein fanatischer Sportler und verlangte von mir ständig mehr – dass ich bessere Noten schreibe, abnehme, solche Geschichten.

Fall 5

Guido W.*, Bonn — Vater von Larissa*
: Vier Jahre nach der Geburt von Larissa trennten sich die Wege meiner damaligen Partnerin und mir. Larissa wohnte bei ihr, aber ich besuchte sie regelmäßig, wir hatten ein richtig tolles Verhältnis. Das änderte sich, als meine Ex-Partnerin nach einem Schlaganfall aus dem Krankenhaus kam. Ich hatte einen Platz für sie und Larissa in einem Mehrgenerationenhaus organisiert. Aber meine Ex entschied sich, bei einer Freundin einzuziehen. Meine Ex-Partnerin ist nachgewiesenermaßen psychisch krank. Diese Freundin auch. Und sie hat eine Toch-ter, die nach Angaben ihrer Schule Zeichen von Verwahrlosung zeigte. Es wurde zunehmend schwierig für mich, an meine Ex-Partnerin und meine Tochter heranzukommen.

Fall 6

Stefanie R., Lambrecht / Pfalz — Pflegemutter von Luca
: Luca hatte einen schwierigen Start ins Leben. Im Alter von vier Wochen erkrankte er an Lungenentzündung und Keuchhusten. Das hat ihn fast das Leben gekostet. Er lag fast vier Wochen im Koma, mehrere Monate auf der Intensivstation, und war deshalb in seiner Entwicklung verzögert. Ich betreue zusammen mit einer Kindergärtnerin seit Jahren Kinder, die sehr viel Pflege brauchen. Als Luca mit acht Monaten im November 2008 zu uns kam, musste er mit Sauerstoff versorgt werden und war an einen Monitor angeschlossen, der seine Lungenwerte überwachte und bei jeder Abweichung von den Normwerten einen piepsenden Alarm auslöste, auch nachts.

Die Mutter, die noch drei andere Kinder hatte, war mit Luca von Anfang an überfordert. Den Vater, der auch noch vier weitere Kinder hatte, beschuldigte sie, er sei ihr gegenüber gewalttätig gewesen. Sie hatte ihn deswegen angezeigt. Beide Eltern haben sich in den ersten Jahren kaum erkundigt, wie es Luca geht, oder ihn gar besucht. Sie hatten, wie es schien, genug andere Probleme.

Johannes Streif — Kinder- und Jugendpsychologe, Gerichtsgutachter: Viele Eltern erleben das Jugendamt als Kontrolle und nicht als Hilfe. Das hängt viel mit dem Verhalten der Jugendamtsmitarbeiter zusammen und ist bedauerlich: Die meisten Eltern sind in Situationen, in denen sie ihre Kinder vernachlässigen oder misshandeln, einfach überfordert. Erleben diese Eltern das Jugendamt nur als Kontrolle und Machtfaktor, werden sie sich in der Not nicht mehr an dessen Mitarbeiter wenden. So wird wirkungsvolle Hilfe verhindert, die viel Leid und Misshandlung in den Familien vermeiden könnte.

Hans-Christian Prestien — ehemaliger Familienrichter: Das Jugendamt sieht sich einer Gemengelage von Aufgaben gegenüber, die für die Mitarbeiter kaum unter einen Hut zu bringen ist. Die Behörde soll einerseits Eltern beraten und ihnen helfen. Andererseits soll sie gegebenfalls Kind und Eltern durch eine Inobhutnahme ohne vorherige richterliche Überprüfung oder Anordnung voneinander trennen. Dafür reicht, dass die Mitarbeiter in quasi richterlicher Funktion eine Situation als »Gefahr« für das Kind einschätzen. Eine richterliche Kontrolle findet auch im Nachhinein dann nicht statt, wenn die betroffenen Eltern gegen dieses Verfahren keinen Einspruch erheben – was sie oft nicht tun, weil sie ohnehin keine Chance sehen.

Klaus-Uwe Kirchhoff — Sozialpädagoge, Verfahrensbeistand: In manchen Städten, zum Beispiel in Hamburg und Bremen, hat ein Jugendamtsmitarbeiter hundert Fälle gleichzeitig zu bearbeiten. Dieser Notstand führt dazu, dass viele Jugendamtsmitarbeiter nicht mehr ihr Büro verlassen und in ihren Berichten Defizite von Leuten – also meistens Eltern – beschreiben, die sie noch nie gesehen haben.

Uwe Jopt — Professor für Psychologie, Gutachter: Tragödien wie der Fall Kevin in Bremen oder der Fall Chantal in Hamburg, die massive Kritik an den Behörden nach sich zogen, haben natürlich dazu beigetragen, dass die Jugendämter heute lieber zu früh eingreifen als zu spät. Das Problem ist allerdings, dass viele Ämter äußerst zurückhaltend sind, eine Herausnahme von Kindern wieder rückgängig zu machen. Obwohl die höchsten Gerichte herausgestellt haben, dass die Rückführung der Kinder in ihre Familien das oberste Ziel amtlichen Handelns sein sollte.

Reinhard Wiesner — Rechtswissenschaftler, langjähriger Ministerialrat im Bundesfamilienministerium:
Das Recht hat hohe Hürden errichtet, bevor der Staat in das Sorgerecht der Eltern eingreifen darf. Zum einen muss das Kindeswohl gefährdet sein. Das ist aber schon die erste Schwierigkeit: Was bedeutet Gefährdung des Kindeswohls? Das lässt sich ja nicht wie mit einem Fieberthermometer messen. Die Kindeswohlgefährdung allein reicht aber noch nicht. Gericht und Behörden müssen auch nachweisen, dass die Eltern aller Voraussicht nach nicht in der Lage sind, diese Gefährdung abzustellen. Die Gerichte und Behörden müssen also zusätzlich eine Prognose abgeben. Das birgt die Gefahr, dass Entscheidungen getroffen werden können, die sich im Nachhinein als falsch erweisen.

Ursula K., Bremen — Mutter von Faruk (Fall 1): Mein Sohn Faruk wurde am 26. Mai 2012 um 1:35 Uhr geboren. Fünf Minuten später hat man ihn mir weggenommen. Ich erfuhr nichts, keine Größe, kein Gewicht, die Ärzte sagten nur, er müsse schnell auf die Kinderintensivstation. Als ich nachts um fünf zur Pforte lief, um nach ihm zu sehen, ließ man mich nicht rein. Am nächsten Morgen um elf Uhr kam ein Mann vom Jugendamt Vechta. Er eröffnete das Gespräch mit den Worten: Wir haben Ihr Kind in Obhut genommen. Ich fragte ihn: Warum? Er schüttelte nur den Kopf: Frau K., wie wollen Sie das Ruder nur wieder rumreißen? Ich war fassungslos, dass man mir mein Kind wegnimmt, bevor ich überhaupt als Mutter hätte versagen können. Vor Gericht habe ich später erfahren, dass das Jugendamt befürchtete, mein Freund würde dem Kind etwas antun.

Karin E. — Mutter von Claudia (Fall 2)
: Das Jugendamt beanstandete, Claudia sei zu unselbstständig und habe zu hohe Fehlzeiten in der Schule. Ich solle Erziehungshilfen annehmen. Dass Claudia in der Schule gemobbt wurde, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Ich lehnte die Erziehungshilfe ab, weil ich schon eine andere Tochter allein großgezogen hatte, die heute als Anwaltsgehilfin arbeitet. Gut, dann sehen wir uns vor Gericht, sagte die Frau vom Jugendamt.

Ralf S. — Vater von Lisa (Fall 3)
: Sechs Wochen nach Einlieferung in die Klinik war meine Partnerin medikamentös gut eingestellt. Sie fühlte sich nicht mehr von Mördern verfolgt und zog sämtliche Vorwürfe gegen mich zurück. Anfang November 2012 sprachen wir mit der Heimleitung und wollten wissen, wann wir Lisa zurückbekommen. Aber wir bissen auf Granit. Man erklärte uns, dass Lisa ein Jahr im Heim bleiben werde. Wir konnten das nicht verstehen, schließlich war Lisa doch nur wegen der Erkrankung meiner Partnerin ins Heim gelangt.

Trotz wiederholter Nachfrage war auch das Jugendamt nicht bereit, einen Grund zu nennen, warum meine Tochter nicht zu mir zurückkommen sollte – ich war immerhin der rechtmäßige Vater, und von mir war nie eine Kindeswohlgefährdung ausgegangen. Als meine Anwältin eine Antwort verlangte, entgegnete ihr der Leiter des katholischen Heims: Sie sind ja gar nicht so schlicht, wie Sie aussehen.

Meine Partnerin und ich hatten schon früh den Eindruck, dass es um finanzielle Interessen ging. Bei der Einsicht der Akten fanden wir dann ein Dokument, aus dem hervorging, dass Lisa nicht nur ein Jahr im Heim bleiben sollte, wie man uns gesagt hatte, sondern sogar zwei Jahre. Als voraussichtliche Kosten für die Unterbringung waren 150 000 Euro veranschlagt. Das Heim hatte also handfeste Gründe, unsere Tochter von ihren Eltern zu entfremden und so lange wie möglich zu behalten.



Anna N. (Fall 4): Als ich in die Pubertät kam, hat mich mein Vater zunehmend wegen meines Äußeren kritisiert. Einmal regte er sich auf, dass ich schon einen BH trug. Und dann hat er mir auch mal von hinten an die Brust gefasst. Ich habe geschrien, er solle sofort damit aufhören. Dieser Vorfall war anschließend Thema einer Routine-Untersuchung durch meine Ärztin: Sie fragte mich, ob ich schon mal über den Tod nachgedacht habe. Ich sagte Ja. Und über Suizid? Ich hatte mich zu der Zeit gerade heftig mit meiner Mutter gestritten und sagte: Klar, auch. Daraus schloss die Ärztin, ich sei suizidal. Sie sagte meiner Mutter, sie solle mich umgehend in eine psychiatrische Klinik bringen.

Linda N. — Mutter von Anna: In der Klinik sagte der leitende Arzt nach der Untersuchung: Vergessen Sie mal Ihre Tochter, die bekommt jetzt einen Reset, damit sie ihre beschissene Vergangenheit vergisst. Ich fragte ihn: Wovon reden Sie eigentlich?

Anna N.: Die haben tatsächlich Reset gesagt. Und dass sie mich neu programmieren wollten.

Linda N.: Ich habe sie sofort herausgeholt, um sie von einer anderen Psychologin untersuchen lassen. Ihr Befund: Das Kind hat absolut gar nichts. Trotzdem hat uns der Vater beim Jugendamt angeschwärzt und forderte, mir das Sorgerecht zu entziehen. Das Jugendamt ist voll darauf angesprungen, das Gericht ebenso: Eine Psychologin wurde beauftragt, um mich und meine Tochter zu untersuchen. Sie kam zum Schluss, wir hätten eine symbiotische Beziehung, Anna könne sich bei mir nicht richtig entwickeln.

Guido W. — Vater von Larissa (Fall 5): Von verschiedenen Seiten wurde mir zugetragen, dass Larissa in ihrer neuen Um- gebung verwahrloste. Ihre Noten in der Schule brachen ein, im Winter kam sie mit kaputten Sandalen zur Schule, völlig verdreckt. Auch ihre Klassenlehrerin machte sich Sorgen. Weil meine Ex-Partnerin nicht mit mir oder der Lehrerin über Larissa reden wollten, wandte ich mich ans Jugendamt. Die Klassenlehrerin meldete sich dort ebenfalls. Doch niemand im Amt wollte sich ernsthaft mit uns unterhalten. Obwohl das Gericht beschlossen hatte, dass mich meine Tochter regelmäßig besuchen sollte, ließ meine Ex-Partnerin alle Umgänge platzen. Ich bekam Larissa nicht mehr zu Gesicht, aber das Jugendamt unternahm nichts. Es setzte sich aber dafür ein, dass mir vor Gericht das Aufenthaltsbestimmungsrecht für meine Tochter entzogen wird – mit Erfolg.

In den nächsten Monaten spitzte sich die Angelegenheit stark zu: Die Tochter der Frau, mit der Larissa und meine Ex-Partnerin zusammenwohnten, unternahm mehrere Selbstmordversuche. Daraufhin äußerte auch Larissa in einer SMS an einen Mitschüler Suizidgedanken. Die Schule, die mit unserem Fall betraute Richterin und ich: Wir alle drängten das Jugendamt, tätig zu werden. Die Reaktion war eine Risikoeinschätzung des Amts, voller Fehler und mit der Entwarnung: In beiden Fällen be-stehe keinerlei Gefahr. Die Kinder seien von ihren Müttern bestens betreut.

Stefanie R. — Pflegemutter von Luca (Fall 6): Zu unserer Freude und zum Erstaunen der Behörden und Ärzte entwickelte sich Luca sehr gut bei uns. Mitarbeiter des Jugendamts sagten mir, es wäre das Beste für den Jungen, wenn er bei uns bleibt. Anfang 2011 wurde allerdings das Jugendamt umstrukturiert, die Mitarbeiter, die unseren Fall betreut hatten, gingen, andere kamen. Außerdem wurde Lucas Fall an einen externen Jugendhilfeträger ausgelagert. Ich merkte schnell, dass die Mitarbeiterin dieses Trägers bestrebt war, Luca in seine Herkunftsfamilie zurückzuführen – obwohl die Eltern mir gegenüber nie geäußert hatten, dass sie Luca gern zurückhätten. Zudem schrie Luca vor den Besuchsterminen seiner Eltern oft und kam dann völlig verweint zurück. Leider schwenkte auch das Gericht 2012 auf den neuen Kurs ein. Luca lebte damals schon drei Jahre bei uns. Natürlich war er mir ans Herz gewachsen. Ich appellierte, dass Luca bleiben solle, wo es ihm gut ging. Das wurde mir als unprofessionell ausgelegt: Ich sei nicht imstande, das Kind loszulassen.

Klaus-Uwe Kirchhoff — Sozialpädagoge, Verfahrensbeistand: Oft habe ich in Sorgerechtsverfahren den Eindruck: Hier sitzt ein Dutzend Experten, deren einziges Ziel es ist, herauszuarbeiten, wie schlecht die jeweiligen Eltern für ihr Kind sind. Das gilt besonders, wenn die Inobhutnahme bereits erfolgt ist: Das Jugendamt wie auch das Gericht haben dann ja ein großes Interesse, wirklich etwas zu finden, was sie den Eltern vorwerfen können. Sonst hätten sie ein Kind zu Unrecht aus der Familie genommen und quasi eine Menschenrechtsverletzung begangen.

Ursula K. — Mutter von Faruk (Fall 1): Am 4. Juni, meinem Geburtstag, war die Anhörung vor dem Amtsgericht Vechta. Ich war mir sicher, dass ich meinen Sohn so schnell wiederbekomme, wie man ihn mir weggenommen hatte. Ich war überzeugt, dass das alles ein Missverständnis ist und ich den Kleinen mit zu mir nehmen darf. Stattdessen hat mir das Familiengericht das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen.

Karin E. — Mutter von Claudia (Fall 2): Im Juli 2013 erhielten wir die Ladung. Je näher der Termin rückte, umso schlechter ging es Claudia. Sie hatte noch nie vor Gericht ausgesagt, außerdem hatte sie Angst, nach längerer Zeit wieder ihren Vater zu sehen, der auch vorgeladen war. Er hatte uns vor Jahren massiv bedrängt und gestalkt, deshalb war ihm gerichtlich verboten worden, sich uns zu nähern. Ich ging einen Tag vor dem Termin zur Richterin und bat um einen separaten Termin für Claudia, ohne Vater. Die Richterin sagte, das komme nicht in Frage, und setzte das Näherungsverbot einfach außer Kraft. Ich sagte, eine Richterin, die sich so wenig um das Wohl eines Kindes schert, akzeptiere ich nicht. Ich reichte einen Befangenheitsantrag ein.

Der Termin kam tatsächlich nicht zustande, aber das Jugendamt hatte längst beschlossen, mir Claudia wegzunehmen. Es wurde ein neuer Termin angesetzt. Die Richterin fragte, warum ich keine Krankenversicherung habe. Ich sagte, die würde monatlich 1300 Euro kosten, das könne ich mir im Moment nicht leisten. Die Richterin sagte, Claudia sei oft unentschuldigt dem Unterricht ferngeblieben. Ich entgegnete, das sei nicht wahr: Ich hatte der Schule jedesmal ein ärztliches Attest vorgelegt. Die Richterin winkte ab und sagte, die Fehlzeiten meiner Tochter seien zu hoch. Ob ich damit einverstanden sei, dass sie jetzt vom Jugendamt untersucht wird. Als ich ablehnte, sagte die Richterin: Gut, dann entziehen wir Ihnen das Sorgerecht. Ich war perplex. In der Ladung war vom Sorgerecht keine Rede gewesen, deshalb hatte ich mir auch keinen Anwalt genommen. Aber die Entscheidung war eh schon vorher gefallen. Die Richterin brachte den fertigen Beschluss bereits zur Verhandlung mit, und noch bevor sie ihn verlas, tauchten zwei Mitarbeiter des Jugendamts in der Schule auf, um meine Tochter mitzunehmen.

Johannes Streif — Kinder- und Jugendpsychologe, Gerichtsgutachter: Leider ist es gängige Praxis, Kinder nach einer Inobhutnahme für mehrere Tage oder Wochen von ihren Eltern zu isolieren. Es heißt dann, sie sollen sich erst mal auf ihr neues Leben einstellen. In Wirklichkeit hilft diese Praxis nur den Mitarbeitern der Jugendhilfe, indem sie es Pflegefamilien und Heimen leichter macht, da sie sich zunächst einmal nicht mit den leiblichen Eltern auseinandersetzen müssen. Oft fürchtet man, Kontakte zu den Eltern machten die Kinder rebellisch oder traurig und verhinderten die Akzeptanz der Fremdunterbringung. Diese Praxis ist ein Unding! Die Kinder sollen sich mit den Gründen der Fremdunterbringung auseinandersetzen. Sie sollen wissen, dass es ihre Eltern noch gibt, dass die Eltern sich für die Kinder interessieren, auch, dass sie darum kämpfen, die Kinder wieder zu sich zu holen. Pflegeeltern und Betreuer müssen das aushalten.

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