bedeckt München 31°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 50/2015 Sport

Fest im Sattel

Von Sebastian Herrmann  Fotos: Blake Gordon

Der Amerikaner Kurt Searvogel hat einen Jahrhundertrekord gebrochen: Er ist innerhalb eines Jahres mehr als 120 805 Kilometer auf dem Fahrrad zurücklegen. Schmerzen und Asthma haben ihn bisher nicht aufgehalten - seine Hochzeit auch nicht.


Anzeige
 
Nachtrag vom 4. Januar 2016:
Er hat es geschafft! Gegen 14.40 Uhr Ortszeit hat Kurt Searvogel Kilometer Nummer 120 805 hinter sich gebracht und den 76 Jahre alten Rekord des Briten Tommy Godwin eingestellt. Wie es weiter geht? Erstmal weiter radeln, sagt er: »Let's go for a victory lap. Or ten.«
Hier gibt es ein paar verwackelte Bilder auf Periscope.

(Sebastian Herrmann)

Der Artikel vom 11. Dezember 2015:

Das erste Etappenziel ist eine Tankstelle in einem kleinen Ort im Arkansas-Delta. Lonoke heißt die Gemeinde an der Interstate 40 in Richtung Memphis, Tennessee. Im Morgenlicht dieses kalten Herbsttages im Oktober 2015 verbreiten die grau-grün gestrichenen Häuser und die grün-grauen Vorgärten den Charme einer bewohnbaren Halloween-Dekoration. Die Straßen sind leer, die Parkplätze vor den Einfamilienhäusern belegt. Nach zwei Stunden im Sattel, es ist kurz nach acht, macht Kurt Searvogel hier fast jeden Morgen Pause. »Frühstück!«, ruft er in den Verkaufsraum der Tankstelle. »Wie geht’s, Kurt?«, fragt die Verkäuferin. Genau genommen ist es Searvogels drittes Frühstück. Das erste hat er am Morgen um 4.30 Uhr gegessen: eine große Schüssel Müsli, zwei Scheiben Toast, Kaffee; das zweite gegen 5.30 Uhr, zwei frittierte Burritos, gefüllt mit Hackfleisch, Bohnen und Reis, dazu einen halben Liter Energydrink mit Piña-colada-Geschmack. Sein Körper braucht Treibstoff, so viele Kalorien wie möglich.

In der Tankstelle gibt es nun, drittes Frühstück, Pizzarollen und sehr heißen Automaten-Cappuccino in Styroporbechern. »Wir brauchen Eis. Drei Minuten sind eine Meile!«, sagt Searvogel und füllt seinen Kaffee mit Eiswürfeln auf. Pizzarolle aufessen, gekühlten Cappuccino runterstürzen, aufs Klo, aufs Fahrrad und raus aus Lonoke, über das ebene Land des Arkansas-Deltas, vorbei an Fischteichen, abgeernteten Sojafeldern, Baptistenkirchen und John-Deere-Landmaschinen und zurück nach Little Rock.

Um 10.26 Uhr steht Kurt Searvogel dort neben seinem Wohnmobil, das er viereinhalb Stunden zuvor am Ufer des Arkansas River abgestellt hat. Seine Frau und Antreiberin Alicia wartet schon am Parkplatz. Sie hat Milchshakes, Hamburger und einen Kanister Kohlenhydrat-Smoothie von zu Hause mitgebracht.

»Wie viele Meilen hast du?«, fragt sie. Wahrscheinlich hat sie keinen anderen Satz in den vergangenen Monaten öfter zu Kurt gesagt. Der GPS-Fahrradcomputer zeigt 71 Meilen an, 115 Kilometer. »Nicht genug«, sagt Alicia.

Kurt Searvogel, 52 Jahre alt, Software-Unternehmer aus Little Rock, Arkansas, im Süden der USA, jagt einen Rekord. Er radelt einer Bestmarke hinterher, die seit 76 Jahren unübertroffen ist: 1939 fuhr der Engländer Tommy Godwin 120 805 Kilometer auf dem Fahrrad, eine Strecke so weit, als hätte er dreimal die Erde umrundet. Nie hat jemand mehr innerhalb eines Jahres geschafft. Jetzt versucht Searvogel, diese Leistung zu überbieten. »Kurt soll den Rekord so hoch schrauben, dass er unmöglich zu brechen ist«, sagt Alicia. »Baby, der Rekord ist schon so hoch, dass er fast unmöglich zu brechen ist«, sagt Searvogel. Schwer zu sagen, wer von den beiden den größeren Ehrgeiz hat.

Um sein Ziel zu erreichen, muss Searvogel im Schnitt gut 331 Kilometer pro Tag schaffen. Sofern er alle 365 Tage fährt. Egal ob es regnet, ob es stürmt, ob es zu heiß oder zu kalt ist. Zum Vergleich: Mit dem Auto vom Hamburger Hauptbahnhof bis nach Berlin Mitte sind es 288 Kilometer, von Hannover nach Frankfurt am Main 349. Wer kann solche Strecken Tag für Tag mit dem Rad fahren?

Seinen Rekord stellte Tommy Godwin zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 1939 auf. Der damals 27-Jährige überbot auf einem Vier-Gang-Fahrrad die damals geltende Bestmarke von 100 837 Kilometern um fast 20 000 Kilometer. Godwin setzte ein Ausrufezeichen unter einen vom Fahrradmagazin Cycling organisierten Wettbewerb, in dem sich eine Handvoll britische und australische Amateurathleten ab 1911 in einem unbarmherzigen Kilometerwettrüsten aufrieben.

Die Radprofis der Gegenwart radeln im Jahr maximal 40 000 Kilometer. Die großen Radsportverbände wie die UCI und die professionellen Radteams haben sich nie für den Rekord interessiert: Es waren Amateure wie Godwin oder jetzt Searvogel, die sich dafür schindeten. Und erst Ende 2014 verkündete die UltraMarathon Cycling Association (UMCA), künftige Rekorde offiziell zu beglaubigen.

Jeden Morgen um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Kurt Searvogel ist immer schon eine Viertelstunde vor dem Alarm wach, die Routine hat seine innere Uhr geeicht. Er steht auf, rollt seine Yogamatte aus und macht ein paar Übungen. Dann frühstückt er, checkt Wetterkarten im Internet, fährt mit dem Wohnmobil an den Arkansas River, hebt ein Rad aus dem Träger am Bus, startet das Satelliten-Live-Tracking-Gerät und den GPS-Radcomputer. Spätestens um sechs Uhr sollte er auf dem Rad sitzen. Bis 20 Uhr fährt er. Und obwohl seine Pausen die Bezeichnung kaum verdienen, summiert sich der Stillstand auf etwa zwei Stunden am Tag.

»Drei Minuten sind eine Meile«, das sagt Kurt Searvogel immer wieder, es ist sein Mantra. Zwei Stunden sind 120 Minuten, 40 verpasste Meilen. Aber was soll er machen, wenn die Software des GPS abstürzt oder er einen Platten hat?

Zwei Rennräder hat Searvogel verschlissen, die Rahmen gaben auf. Wie viele platte Reifen er hatte, wie viele Schläuche, wie viele Mäntel, Ketten, Zahnkränze, Bremsbeläge er ersetzen musste? »Wir haben den Überblick verloren«, sagt Kurt. »Keine Zeit, die Rechnungen durchzusehen.«

Alicia organisiert die Logistik dieser Mission, kümmert sich um die Technik, um Routen, Verpflegung und was immer sonst anfällt. Jeden Tag müssen etwa die GPS-Daten der Fahrten bei strava.com hochgeladen werden, einer Art Facebook für Fahrradfahrer. So verlangt es das Reglement der UMCA. Kurt soll sich um nichts anderes kümmern als Meilen zu fressen.

2014 fuhr er beim Race Across America mit, einer der übelsten Quälereien, denen sich Amateurradler aussetzen können. Die Strecke führt von der West- an die Ostküste der USA, fast 5000 Kilometer. Wer lange schläft, verliert den Anschluss. Wer nicht lange genug schläft, kippt irgendwann aus dem Sattel. Kurt Searvogel stellte im Duo mit Joel Sothern einen neuen Rekord für die Altersklasse der 50- bis 59-Jährigen auf: Sie brauchten für die 4860 Kilometer sechs Tage, zehn Stunden und acht Minuten. »Wenn man das Race Across America durchgestanden hat, ist man bald danach in der besten Verfassung seiner Radlerkarriere – und weiß nicht, wohin mit seiner Form«, sagt Searvogel. Alicia wusste es: Zur nächsten Wahnsinnsquälerei. Sie hatte die Idee, Kurt die Form und beide den Ehrgeiz.

Nach 327 Tagen im Sattel steht Kurt Searvogel am 2. Dezember 2015 bei 109 228 Kilometern. Sein Tagesschnitt beträgt 334 Kilometer, drei mehr als nötig – und ziemlich nah am Limit: An seinen Armen und Beinen verheilen Schürfwunden seines jüngsten von insgesamt rund zehn Stürzen. Der Schweiß hat die Krusten auf den Wunden aufgeweicht. Sein Gesicht ist im Laufe der Kilometer spitz geworden, die Haut ist von der Sonne verbrannt, sein blondes Haar strähnig und ausgeblichen. Trotzdem wirkt Searvogel fit. Seit der Highschool trägt er den Spitznamen Tarzan, wegen seiner langen, muskulösen Arme. Tarzan steht auch auf dem Nummernschild des Wohnmobils und den schwarzen Felgen eines seiner Räder.

Zu College-Zeiten kämpfte Kurt Searvogel für die Ringerauswahl des Bundesstaates Wisconsin und nahm an internationalen Wettkämpfen teil. Später spielte er Fußball und Eishockey. »Ich war ein ultraaggressiver Torwart, meine Gegenspieler hatten Angst vor mir.« Nach dem College baute er eine Softwarefirma auf. Autohändler verwenden sein Programm, das für Kunden den Papierkram bündelt, der bei einem Kauf auf Pump anfällt. 2004 begann Searvogel, Fahrrad zu fahren. Und weil er gern der Beste in den Dingen ist, die er macht, trainierte er wie besessen und gewann bald Rennen.

»Du wirst niemanden finden, der so wettbewerbsorientiert ist wie ich. Mit mir willst du keine Brettspiele spielen.« Läuft etwas nicht so, wie Searvogel sich das wünscht, bekommt man eine Ahnung davon, was er meint. Der Fotograf lässt ihn ein paar Minuten warten? Im Fahrradladen haben sie den Sattel und den Lenker am neuen Rad falsch eingestellt? Dann wird er ausgesprochen schmallippig. Läuft aber alles nach Wunsch, ist er ein angenehmer und lustiger Gesprächspartner.

Sobald Searvogel von seinem Tankstellenfrühstück in Lonoke zurückgekehrt ist, fährt er seine Standardrunde am Arkansas River, die er »Hamsterrad« nennt: Von seinem Wohnmobil aus acht Kilometer nach Osten, schnurgerade und eben, unter zwei Brücken hindurch, am Golfplatz vorbei, durch einen Kreisverkehr und bis kurz vor eine Ampel. Dann wendet er und fährt die gleiche Strecke wieder zurück. Zweimal hin und her, das ergibt 32 Kilometer oder 20 Meilen, dann macht er Pause, isst, trinkt, schnell, schnell, noch zwei Runden.

Wenn er Pech hat und das Wetter zu schlecht für interessantere Landschaften ist, fährt Searvogel den ganzen Tag nur im Hamsterrad. 20 Mal hin und her, 200 Meilen, 320 Kilometer. Hat er Glück im Unglück, schwärmen am Nachmittag die Radler aus. Jeder, der in Little Rock ein Rennrad besitzt, hat von Kurt Searvogel gehört und sucht ihn am Arkansas River, um ihm Windschatten zu geben. Wenn Searvogel seine Runden dreht, sammelt er an guten Tagen um die zehn Rennradfahrer ein, ohne dass er sich mit ihnen verabreden müsste.

An diesem Abend fährt ein Rennradgeschwader den Airport-Loop: Auf erstaunlich holprigen Straßen geht es einmal um den Flughafen am östlichen Stadtrand von Little Rock. Searvogel radelt in der Mitte der Eskorte. Um ihn herum rollt sehr, sehr teures Material. Die Radfahrer tragen enge Trikots mit Logos von Sponsoren und Schriftzügen von Radrennen, an denen sie teilgenommen haben. Die meisten Beine sind glatt rasiert, die Geschwindigkeit liegt jetzt bei fast 40 Kilometern pro Stunde.

Searvogel kurbelt den schwersten Gang. Die hohe Trittfrequenz der anderen neben ihm wirkt dagegen wie kindisches Gezappel. Searvogels Helm ist voller Kratzer, das Trikot verwaschen, und die haarigen Beine stecken in ausgeleierten grauen Wollsocken. Sogar sein Fahrrad fällt in diesem Edelgeschwader aus dem Rahmen. Es ist seine letzte, etwas räudige Reserve, der Nachschub ist bestellt.

Aber entzaubert man diesen übermenschlichen Rekord nicht, wenn man neben dem Arkansas River stur auf und ab radelt? Tommy Godwin drehte 1939 lange Runden durch die englischen Hügel, er radelte durch zwei strenge Winter. An einem Tag, so berichtete es das Magazin Cycling, stürzte er 84 Mal auf den verschneiten Straßen. Der Zweite Weltkrieg brach während seiner Rekordfahrt aus. Wegen drohender Luftangriffe musste Godwin die ohnehin schwache Beleuchtung des Fahrrads dämpfen. Seine Nachtfahrten bestritt er dadurch fast blind.

Kohlenhydrat-Smoothies konnte sich Godwin keine kaufen. Lebensmittel waren während des Krieges rationiert, und er war auch noch wählerisch: Godwin lebte als Vegetarier, damals eine Seltenheit. Milch, Eier, Käse und Brot trieben seine Beine an. Er fuhr auf einem Rad, das mit heutigen Carbon-Rennrädern kaum zu vergleichen ist. Er hatte keine atmungsaktive, schnell trocknende Funktionswäsche. Godwin fuhr in Wollkleidung, die im englischen Regen sagenhafte Mengen Wasser aufsog und dann schwer an seinem Körper hing. Statt Radhosen mit Gesäßpolster trug er angeblich Damenunterwäsche unter der Hose: Die Seidenhöschen verringerten die Schmerzen am Gesäß etwas, weil sie weniger an der Haut rieben. Godwins Hände blieben nach der Tortur noch Zeit seines Lebens leicht gekrümmt. Es dauerte, bis er seine Fersen wieder auf den Boden drücken und richtig laufen konnte. Nach so vielen Tagen im Sattel waren seine Beine nicht mehr für den Bodenkontakt optimiert.

Andererseits unterstützte der Radhersteller Raleigh den Rekord von Tommy Godwin. Die Firma organisierte einen Chefbetreuer, Begleitfahrzeuge, Ersatzteile, Ersatzräder. Den Hauptteil seiner Strecke legte Godwin binnen vier Monaten im Sommer 1939 im Windschatten anderer Fahrer zurück, die ihn im Auftrag von Raleigh quasi durch England zogen.

Und Searvogel? Anfang Januar musste er noch Steuerformalitäten für seine Firma regeln, deswegen starteten er und Alicia erst am 10. Januar 2015. Das Geld reicht nun, um bis zum 9. Januar 2016 zu radeln und mit dem Wohnmobil durch das Land zu fahren. Sponsoren haben sie nicht, dafür einen Plan. »Bei dem Rekord geht es nur um Strecke, um Meilen, nicht um schöne Routen«, sagt Searvogel. Also versucht er, jede Meile so leicht wie möglich zu fahren. Searvogel vermeidet Steigungen und fährt nur in der Ebene. Bläst der Wind aus dem Westen, fährt er in Richtung Osten und lässt sich am Ende der Tagesetappe von Alicia mit dem Wohnmobil abholen. Sie reisen dem besten Wetter hinterher. Im Winter Florida, im Frühjahr Little Rock, Arkansas, und im Sommer, um der Hitze zu entgehen, Wisconsin. Im Herbst sture Runden am Arkansas River. Und Anfang November nach Süden, durch Louisiana, an die Golfküste und weiter nach Florida.

Das Jahr im Sattel zehrt an Searvogels Körper. Er fährt mit einem Triathlonlenker, auf dem man die Unterarme abstützen kann. Das bietet ihm die Wahl zwischen zwei Arten von Schmerzen: »Wenn ich aufrecht sitze, tun mir die Hände weh. Wenn ich meine Unterarme in die Stützen lege, schmerzt mir der Hintern.« Wenige Wochen nach dem Beginn seiner Fahrt kam der Schmerz – ein Abszess am Gesäß von der Größe einer geballten Faust. Searvogel radelte vier Tage im Liegerad. Seit er aber im Sommer in Wisconsin Asthma bekam, verschafft ihm das Liegerad weniger Linderung: »Ich kriege in der Sitzposition schlecht Luft.« Wegen des Asthmas war er ein paar Mal in der Notaufnahme. Ein paar weitere Male, weil sein Herz aus dem Takt schlug. Vorhofflimmern. »Der Arzt hat gesagt, mein Herz spielt verrückt«, sagt Searvogel. Auf strava.com ist für jeden Tag seine Herzfrequenz nachzuvollziehen. Fast immer liegt sein durchschnittlicher Puls zwischen 90 und 100. Auch bei Fahrten über 350 Kilometer, mit einem Schnitt von 30 Kilometern pro Stunde. Das Herz soll im Eimer sein? »Manche Leute sagen, dass mein Puls unmöglich so niedrig sein kann und nicht mal Profis so einen Puls haben«, sagt Kurt. »Natürlich kann das sein – weil diese Profis halbverhungerte Winzlinge sind und ihr Herz so klein wie ein Scheißkolibri ist!«

Seinen kürzesten Tag im Sattel erlebte er im Frühjahr, als ihn ein Virus erwischt hatte: 1,8 Kilometer vom Haus zum Briefkasten und zurück. Am nächsten Tag radelte er 20 Kilometer, noch einen Tag später 163. Dann begann er, verlorene Strecke aufzuholen.

Was nicht in den Plan passt, hat keinen Platz. Searvogels drei erwachsene Kinder haben sich bisher nicht blicken lassen. »Sie wissen immer, wo sie mich finden können«, sagt Searvogel. Er macht sein Ding. Die Scheidung von seiner Ex-Frau hat er Anfang des Jahres vom Fahrrad aus organisiert. Vielleicht ein Grund, warum die Kinder nicht zum Fluss kommen? Im Oktober haben Alicia und Kurt geheiratet, er in Trikot und Radlerhose. Hochzeitsreise? Nein, aber an diesem Tag hat es nur für 280 Kilometer gereicht.

Am Oberrohr seiner Räder hat Kurt Searvogel eine Tasche befestigt, in der er ein altes Klapphandy hat. Es klingelt. Alicia ruft aus dem Baumarkt an. Kurt telefoniert, die Unterarme auf den Triathlonlenker gestützt. Alicia wollte Schrauben für den Fahrradständer am Wohnmobil kaufen. Aber heute sind elektrische Rasentrimmer im Angebot. »Soll ich einen kaufen? Unser Rasen braucht dringend Pflege«, sagt Alicia. »Was immer du willst, Baby, was immer du willst«, sagt Kurt auf dem Fahrrad.

Rasentrimmer? »Ein Gerät mehr, das wir abends aufladen müssen.« Das GPS muss an die Steckdose, das Live-Tracking-Gerät braucht Strom, die Akkus der Fahrradbeleuchtung. Die Räder müssen für den nächsten Tag einsatzbereit sein, die Ketten geölt, der Luftdruck muss stimmen, die Schaltung geschmeidig funktionieren, die Radkleidung gewaschen werden.

Bitte, warum tut man sich das an? »Weil noch niemand den Rekord von Tommy Godwin gebrochen hat. Und weil ich es schaffen kann.« Die Antwort ist eine Variation der tausendfach zitierten Antwort des britischen Bergsteigers George Mallory. »Weil er da ist«, antwortete dieser auf die Frage, warum er den Mount Everest besteigen wolle. Er starb 1924 bei dem Versuch, als Erster den Gipfel zu erreichen. Welche Antwort soll ein Abenteurer auch geben? Er kann das Vorhaben irgendwie überhöhen und seinem Plan einen Tarnmantel der Sinnhaftigkeit umhängen. Aber was ist sinnvoll daran, vor den Konkurrenten auf die höchsten Gipfel der Welt zu steigen oder in 365 Tagen mehr Kilometer auf dem Rad zurückzulegen als alle anderen?

Ein paar hundert Kilometer liegt Kurt Searvogel jetzt im Plus. Aber zwei Tage Zwangspause, und das Guthaben wäre verbraucht. Im Oktober zehrten die Ausläufer des Hurrikans Patricia schwer an diesem Guthaben. Wind, Regen, Kälte, zum ersten Mal war Searvogel anzusehen, dass auch er eine Schmerzgrenze hat. Wenn ihn noch mal ein Virus niederstreckt, wird es schwer. »Sobald klar ist, dass ich es nicht mehr schaffen kann, höre ich auf«, sagt Searvogel. Er würde dann nur jeden Tag gemütlich um die 100 Meilen radeln, also 160 Kilometer, sagt er. Der Rekord der UMCA ist ihm ohnehin sicher – die Bestmarke von Tommy Godwin wurde 1939 ja nur von einer Fahrradzeitschrift bestätigt. Kein Fahrradverband hat den Distanzwettbewerb je zertifiziert.

Und danach? »Kajaktouren machen, jagen, mit dem Mountainbike fahren.« Nicht das Übliche – Buch, Vorträge, Motivationsseminare? »Interessiert mich nicht.« Berühmt wurde auch Tommy Godwin nicht, nach dem Krieg geriet er schnell in Vergessenheit. Erst jetzt, wo die UMCA den Rekord neu ausgeschrieben hat, interessieren sich Radfahrer wieder für seine Geschichte.

Wenn in den nächsten Wochen nichts mehr schiefgeht, wird Kurt Searvogel den Rekord von Tommy Godwin brechen. Aber er schaut etwas nervös nach England. Dort dreht der Ausdauerradler Steven Abraham große Runden in der Gegend um Milton Keynes und Cambridge, ebenfalls auf der Jagd nach dem Rekord. Im März fuhr ihn ein Motorrad um, der Knöchel brach. Nach dem Unfall kurbelte Abraham drei Wochen lang mit einem Bein ein dreirädriges Liegerad über einen Rundkurs. Aufgeben kam nicht in Frage.

Im Sommer musste Abraham einsehen, dass er den entstandenen Rückstand nicht mehr aufholen könnte. Und startete seinen Rekordversuch neu: Am 1. August stellte er seinen Kilometerzähler auf Null, nun will er bis zum 31. Juli 2016 fahren. Seitdem läuft es gut für Abraham.

Was, wenn Abraham den Rekord nächstes Jahr überbietet? »Das ist mir egal. Ich werde das auf jeden Fall nie, nie wieder machen«, sagt Searvogel. Sicher? »Steven muss den Rekord erst mal brechen.« Scheint einfach nicht so, als würde Searvogel ihm das zutrauen.


Tommy Godwin stellte 1939 jenen Rekord auf, den Kurt Searvogel nun brechen will: 120 805 Kilometer in 365 Tagen. Statt groß zu feiern, fuhr Godwin damals weiter - und schrieb am 18. Mai 1940 erneut Geschichte: Er schaffte 100 000 Meilen binnen 500 Tagen.

Anzeige


Sebastian Herrmann

Sebastian Herrmann, SZ-Redakteur in der Wissenschaftsredaktion, fuhr mit Searvogel 346 Kilometer an einem Tag, um ihn intensiv kennenzulernen. Als Herrmann am Abend schlapp vom Sattel stieg, drehte Searvogel noch demonstrativ eine zehn Kilometer lange Ehrenrunde. Ob er den Rekord gebrochen hat, lesen Sie am 10. Januar auf sz.de/magazin/fahrradrekord