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aus Heft 51/2015 Politik

Die Welt ist nicht genug

Von Patrick Bauer und Rainer Stadler  Fotos: David Sims und Thomas Duffé/Greenpeace, Mitarbeit: Fritz Zimmermann

Immer neue Spendenrekorde, 600 000 Mitglieder: Greenpeace ist so beliebt und erfolgreich wie nie, besonders in Deutschland. Trotzdem steht die Organisation mitten im größten Umbau ihrer Geschichte. Die entscheidende Frage ist: Was genau soll eigentlich gerettet werden?

1995: Nach langen Greenpeace-Protesten und einer sehr erfolgreichen Medienkampagne wird die Ölplattform Brent Spar von Shell nicht in der Nordsee, sondern an Land entsorgt. Später muss Greenpeace zugeben, mit den Schätzungen zu den Mengen giftiger Ölrückstände übertrieben zu haben, und sich bei Shell entschuldigen.
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Ende November in Potsdam, ein trüber, kalter Samstagmorgen. Um acht Uhr haben sich die Aktivisten vor einem Tagungshotel getroffen, in dem der Landesparteitag der SPD Brandenburg stattfindet. Sie haben ein Bett aufgebaut, in dem einer von ihnen liegt, mit einem Kohlebrikett im Arm, verkleidet mit einer Maske, die Dietmar Woidke darstellen soll, den Ministerpräsidenten von Brandenburg. Sie haben zwei greenpeacegelbe Transparente gebastelt. Auf dem einen steht »Weckt Woidke aus den Tagebauträumen«, auf dem anderen »Kohlekuschelkurs killt Klima«.

Bevor die Parteitagsbesucher der SPD das Hotel erreichen, ordnet Tobias Münchmeyer den ziemlich lokalen Protest in die globale Politik ein: »Es ist wichtig, dass wir hier präsent sind«, sagt er. Es sei der richtige Zeitpunkt, unmittelbar vor Beginn der Weltklimakonferenz in Paris. Er bezeichnet die SPD als Hauptgegnerin beim Kampf gegen Braunkohle. Erst vor ein paar Tagen sprach sich Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, während einer Auslandsreise zu Politikern und Wirtschaftsführern in Bogota gegen ein Ende der Kohle aus. Bogota, Paris, Potsdam: Die Zuhörer nicken zufrieden, hier geht es ums Ganze.

Münchmeyer, 47, ist ein langer Mann mit sanfter Stimme. Outdoor-Stiefel an den Füßen, Blackberry am Gürtel. Über seiner Daunenjacke trägt er, wie alle hier, eine der hellgrünen Greenpeace-Jacken. Er ist ein hauptberuflicher Greenpeaceler, ein Ökolobbyist, Leiter der Politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin. Sein Einsatzort sind die Hinterzimmer der Hauptstadt. Auf Ehrenamtliche trifft er nur bei solchen Aktionen von Regionalgruppen, die er begleitet, damit sie im Sinne der Corporate Identity verlaufen, was nicht immer gelingt: Von der Idee mit dem Bett war man in der Greenpeace-Zentrale mäßig begeistert.

Brigitte Behrens ist die Hauptgeschäftsführerin von Greenpeace Deutschland. Das deutsche Büro beschäftigt heute 245 Mitarbeiter und wird von 5000 Ehrenamtlichen unterstützt.


Etwas mehr als eine Stunde stehen die Aktivisten auf der Straße, genau dort, wo sie die Demonstration angemeldet haben. Sie halten ihre Transparente, es gibt keine Musik, keine Parolen, nicht einmal Trillerpfeifen. Und es bleibt die Frage, für wen sie das eigentlich machen. Woidke und die anderen Delegierten jedenfalls kommen mit dem Auto. Sie fahren einfach an ihnen vorbei. Später werden zwei Fotos von der kleinen Demo auf der Facebookseite von Greenpeace Potsdam erscheinen, 13 Facebook-Nutzer werden dafür einen Like geben. War es das wert?

Wie Behrens wird auch der Fundraising-Leiter Gerhard Wallmeyer 2016 in den Ruhestand gehen. Er ist das letzte aktive Gründungsmitglied von Greenpeace Deutschland.


Die freiwilligen Aktivisten treiben grundsätzlichere Fragen um. Beim Zusammenpacken unterhalten sich Nico Blume, 32, und Michaela Kruse, 29, aus Potsdam. Seit vier Jahren demonstrieren sie gemeinsam gegen Braunkohle. »Was machen wir eigentlich«, fragt Kruse, fröstelnd und ein wenig frustriert, »wenn die Braunkohle tatsächlich verschwindet?« Blume sagt, an der Greenpeace-Basis gebe es die Diskussion, den Fokus von »Green« auf »Peace« zu verlagern, weg vom eigentlichen Kern, um den Konflikten der Globalisierung gerecht zu werden. »Alles hängt mit allem zusammen«, sagt Kruse.

Die Diskussion ist längst auch in der Hamburger Greenpeace-Zentrale entbrannt, kürzlich etwa im Zusammenhang mit der Flüchtlingskatastrophe in Europa. Können wir es vertreten, fragten einige, dass die Leute vor Kos und Lesbos ertrinken? Greenpeace besitzt einen großen Bootsschuppen, der im Sinne der Corporate Identity neuerdings »Global Action Centre« genannt wird. Dort lagern Devotionalien früherer Demos, Ausrüstung für Kletterer, Taucher und Flieger sowie mehrere nagelneue Hochgeschwindigkeits-Boote. Müssten die nicht längst im Mittelmeer unterwegs sein? Aber was sollen wir tun?, rätselten andere, einfach los nach Lesbos, und dann? Selbst wenn wir wollten, wandten wieder andere ein, in unserer Satzung haben wir uns dem Schutz der Umwelt verschrieben, wir müssten alle Mitglieder um Zustimmung bitten, wenn wir nun auch humanitäre Hilfe leisten.

»Millionen Menschen begeistern«: Wallmeyer, hier 1991, setzte früh auf Fördermitgliedschaften. Heute spenden 590 000 Deutsche per Lastschrifteinzug an Greenpeace.


Die Öko-Aktivisten in der Identitätskrise. Ausgerechnet in einer Zeit, da ein preisgekrönter Dokumentarfilm in die Kinos kommt, der die Erfolgsgeschichte von Greenpeace feiert. Er handelt von einer Handvoll Hippies, die sich auf einem halbverrotteten Schiff nach Alaska aufmachten, um einen Atombombentest der Amerikaner zu stoppen. Einer der Veteranen erzählt, man habe eine gute Show bieten wollen, um die Medien mit ins Boot zu holen und so in die Köpfe der Menschen vorzudringen. Die Crew gelangte wegen Ärger mit den Küstenbehörden und schlechtem Wetter zwar nie an ihr Ziel. Und kurz nachdem sie nach Kanada zurückgekommen waren, zündeten die Amerikaner die Bombe. Trotzdem war ein Mythos geboren: Furchtlose Männer aus Kanada in einem Holzboot gegen eine Fünf-Megatonnen-Bombe des mächtigsten Staates der Welt.

How to Change the World heißt der Film. Nicht weniger war der Anspruch der Pioniere. Deshalb stellten sich Greenpeace-Aktivisten mit Schlauchbooten der russischen Walfangflotte entgegen, kletterten in aller Welt auf Fabrikschornsteine, enterten eine Bohrinsel, um deren Versenkung in der Nordsee zu verhindern. Sie forderten die mächtigsten Gegner heraus und waren bereit, dabei Gesetze zu verletzen und ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Heute, einige Jahrzehnte später, ist Greenpeace eine der einflussreichsten Umweltorganisationen weltweit, mit 2400 festangestellten Mitarbeitern, Niederlassungen in 45 Ländern und einem Spendenfluss, der sprudelt wie nie. Aber wo sind die waghalsigen Aktionen geblieben, die spektakulären Bilder? Es gibt sie noch, aber wenn die Aktivisten etwa dem Schlot des Braunkohlekraftwerks Deuben einen symbolischen Korken verpassen oder in Paris zur Weltklimakonferenz einen Heißluftballon neben dem Eiffelturm steigen lassen, nimmt das die Öffentlichkeit nur noch müde zur Kenntnis. Schließlich wollen heute alle die Umwelt retten oder geben es zumindest vor.

Der Kanadier Paul Watson war ein Mann der ersten Stunde bei Greenpeace. Er stieg schon 1977 aus und kritisierte die Aktivisten dort als Wohlfühltruppe. Heute sagt er: »Greenpeace ist ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen. Früher hatten wir nichts, und trotzdem war die Organisation mächtiger.« »Ach«, sagt Gerhard Wallmeyer, »ich habe in meinen 35 Jahren bei Greenpeace schon so viele Diskussionen erlebt, hier wurde so ziemlich alles schon mal in Frage gestellt.« Wallmeyer ist ein deutsches Gründungsmitglied. Das letzte, das noch aktiv ist. Er hat alle Diskussionen ausgesessen.

1983 debattierte das Plenum im Dachzimmer des Hauses der Seefahrt in Hamburg drei Monate lang, ob man die 5000 Mark ausgeben solle, die Wallmeyer für seine USA-Reise beantragt hatte. Dort wollte er sich von den damals übermächtigen Greenpeace-Kollegen beibringen lassen, wie man Geld sammelt. 5000 Mark, so viel mussten die deutschen Umweltschützer, die sich aus dem »Verein zur Rettung der Wale und Delfine« gegründet hatten, damals im Jahr Miete zahlen.

Dass sie mit den Karteikarten, auf die sie die Namen von den Spendenquittungen eintrugen, nicht viel weiter kommen würden, war klar. Zumindest ihm, Wallmeyer. Die ersten Aktionen in Deutschland aber waren teuer. Auf der Nordsee demonstrierten sie mit Booten gegen Dünnsäureverklappung. Vom Fabrikschlot der Chemiefirma Boehringer entrollten sie ein Banner mit dem Mantra jener umweltbewegten Tage: »Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.« Wallmeyer sah in dem vermeintlich indianischen Spruch vor allem einen hilfreichen Slogan: Wenn die Leute das Geld nicht essen können, dann können sie es doch spenden.

Im Jahr 2014 erhielt Greenpeace in Deutschland fast 53 Millionen Euro aus Spenden. Obwohl von den 6,4 Milliarden Euro, die hier jährlich gespendet werden, vor allem für humanitäre Anliegen, nur gut drei Prozent für den Umweltschutz gegeben werden, befindet sich Greenpeace seit Jahren unter den erfolgreichsten deutschen gemeinnützigen Organisationen. Von den 45 Greenpeace-Büros weltweit ist das deutsche das mit Abstand finanzstärkste geworden. Aus der Bürgerinitiative wurde nicht zuletzt deshalb ein Imperium, weil aus dem Sozialpädagogen mit der Kaffeekasse die »Geldmaschine Wallmeyer« wurde. So nannte ihn der Spiegel mal, was Wallmeyer gar nicht so schlecht fand. Aber bei Greenpeace nennen ihn alle immer noch »Wally«, vielleicht, weil Wallmeyer, 65, offizieller Titel »Bereichsleiter Fundraising«, nach wie vor diese praktischen Outdoor-Westen trägt am Schreibtisch, als könnte er jederzeit raus zu den Walen schippern, was er nur noch in den Ferien tut. Dann hat er Zeit, Stunden durchs Fernglas zu schauen. Spender findet Wallmeyer schneller.

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Patrick Bauer und Rainer Stadler

haben beide eine einigermaßen umweltbewegte Vergangenheit: Stadler kämpfte einst in einer Münchner Bürgerinitiative gegen Flughafenausbau und Atomkraft, Bauer hörte als Kind immerhin Walgesang-CDs. Für einen der Temine bei Greenpeace musste Bauer einen Flug nach Hamburg nehmen (CO2-Emissionen: 130 kg) - und kam mit schlechtem Gewissen an.

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