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aus Heft 51/2015 Liebe & Partnerschaft

Herzstillstand

Von Antje Joel  Foto: merze-merze / photocase.de

Unsere Autorin hat in der Liebe schon viel versucht. Besonders gut gegangen ist es nicht. Inzwischen ist sie so lange allein, dass sie sich fragt, ob da wohl noch was kommt – und ob sie das überhaupt will.

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Wars das jetzt mit der Liebe? Ich meine: Ich bin 49, habe zwei Ehen gelebt und ein paar Affären. Seit zwölf Jahren bin ich Single. Ich finde mir nicht länger die falschen Männer. Ich finde mir keine Männer mehr. Ich finde mir auch keine Frauen, das sei hinzugefügt, nur für den Fall, dass einer beliebt, sich und mich das zu fragen. Ich lebe seit zwölf Jahren allein, mit den dreien meiner sechs Kinder, die noch jung genug sind, um mit mir zu leben. Das ist allein genug, um sich manchmal ein bisschen einsam zu fühlen. Zwölf Jahre. Und kein Ende der Ära in Sicht. Wer hätte das gedacht? Ich nicht.

Zugegeben: Die Männer, mit denen ich während meiner Männerjahre lebte, waren nicht geeignet, meinem Leben weitere Jahre mit Mann anhängen zu wollen. Bei meiner ersten Scheidung war ich 21, Mutter von zwei kleinen Söhnen, bedeckt mit Schrammen und blauen Flecken, außen wie innen. Den Mann sah ich nach der Scheidung nie wieder. Zwei Jahre darauf war ich wieder verheiratet, mit einem neuen Mann. Als im Sommer 2003 meine zweite Ehe zu Ende ging, nach 15 Jahren, waren die Umstände wie gewohnt dramatisch (ich stand auf dem Flughafen in Seattle, als mein Noch-Mann, in Deutschland, mir über das Telefon verkündete, er habe soeben die Frau seines Lebens getroffen) und die Folgen gleichwertig traumatisch (bei meiner Rückkehr fand ich das Konto um ein paar Tausend überzogen, und alle beweglichen Güter waren fort, er hatte nur die Kinder zurückgelassen, immerhin und Gott sei Dank). Auch das war mir nicht Drama und Trauma genug, um mich nicht nach einer neuen »Beziehung« zu sehnen. Nach einem neuen Mann. Einem möglichen neuen Drama. Und zwar: bald! Ich kannte das Leben nicht anders. Anders zu leben, allein, machte mir Angst.

Im Sommer darauf verfiel ich einem Dänen. Ich hoffte sofort auf Liebe, die große, diesmal nun aber wirklich! Zu meiner Freundin Melly sagte ich: »So wie bei diesem, für diesen, fühlte ich noch nie.« Der Däne schloss meine Hand in seine und fragte: »Wo hast du all die Jahre gesteckt?« Eine Woche darauf offenbarte sich meine ungewöhnliche, große Liebe als das gewöhnliche, große Arschloch: kein Anruf, keine Mail, nicht mal eine Schluss-SMS. Der Mann schwieg sich einfach davon. Das war keine Tragödie. Es war nur meinem Mut zu Neuem abträglich. Meinem Vertrauen in mich und mein Urteilsvermögen. In meine Fähigkeit, »richtig« zu fühlen. Müssen wir bei jeder neuen Option auf Liebe dem Irrsinn verfallen, so wie jetzt fühlten wir noch nie? Ist das ein lebensnotwendiger Optimismus? Der uns mit dem Mut ausstattet, es immer aufs Neue zu wagen? Wer wagte schon, wenn er klar sähe und dächte: Ach, das ist doch wieder nur der gleiche Käse.

Ist es immer der gleiche Käse? Zwangsweise, weil wir die sind, die wir sind, und die anlocken, die zu dem, was wir sind, passen? Ich dachte: Wir müssten lernen, anders zu sein. Vor allem: Nicht so bedürftig. Wie? Ich dachte: durch eine Zeit der Einsamkeit. Vielleicht, wenn wir uns über ein paar abstinente Monate, besser Jahre, die Chance geben, es zu versuchen, finden wir zu der Erkenntnis, dass es durchaus möglich ist, ohne einen anderen, eine andere glücklich zu sein. Und dass, wenn wir dieses Stadium einsamen Glücklichseinkönnens erreicht haben, wir möglicherweise erst dann in der Lage sind, auch zu zweit glücklich zu sein. Die folgenden Jahre blieb ich allein, um meine Theorie auf ihre Lebbarkeit hin zu testen. Und weil ich Angst hatte, auf die Schnauze zu fallen, das vielleicht auch.

Ich bin in einem gesunden Ausmaß allein geblieben, habe mich nicht in die Monotope für Frauen zurückgezogen – Yoga, Stricken, Jazzgymnastik –, nehme teil an intersexuellen Aktivitäten. Lernte Bodhran, die irische Rahmentrommel, spielen, belegte einen Gitarrenkurs, nahm Gesangsstunden und singe auf Musikertreffen, ich arbeite für Geld mit anderer Leute Pferden, ich gebe Kurse im kreativen Schreiben, ich spiele Badminton. Ich treffe Männer. Ich spreche mit ihnen. Lache mit ihnen. Streite mit ihnen. Ich verliebe mich nicht.

Sicher, es gibt den einen oder anderen zweiten Blick, diesen Moment des Herzsprungs, wo wir denken: Na? Vielleicht? Und dann schüttle ich mich und denke: Ach, hör schon auf. Und es hört auf, einfach so. Ich bin überrascht, wie leicht der Herzsprungmoment vergessen ist. Wenn wir uns nicht an ihn klammern. Die Sprünge werden kleiner. Die Abstände zwischen ihnen größer. Bis man sich kaum noch erinnern kann, wann man zuletzt so einen Moment erlebte. Ist das nun gut? Oder traurig? Befinde ich mich im Idealzustand? Oder nur in der nächsten Phase einer bedauerlichen Entwicklung? Was ich weiß, ist: Es geht mir gut. Ich spüre nur selten und kurzfristig Mangel. Kein überwältigendes Fehlen einer, der besseren Hälfte. Ich fühle mich ganzer, als ich mich je mit Mann gefühlt habe. Es ist möglich, man kann ohne einen anderen glücklich sein. In einem Maß, dass ich keine große Lust mehr verspüre, auch die Folgethese noch Probe zu leben: Erst wenn man allein glücklich sein kann, kann man es auch zu zweit.

Dann ist es Nacht, und ich träume. Ich stehe im Spital. Mir gegenüber ein Arzt. Er sagt, ich sei krank. Ich habe Krebs. Ich werde sterben. Binnen Wochen. Ich schreie nicht, weine nicht. Ich habe keine Angst. Ich bin leer. Es ist eine stille, traurige Leere. Zum Arzt sage ich: »Schade. Nun muss ich sterben, bevor mich noch einmal jemand geliebt hat.« Und wache auf. Die Leere bleibt. Natürlich ist es nicht wahr: Ich werde nicht nicht geliebt. Die Kinder lieben mich. Ich liebe sie. Ich muss oft mehr reden, als mir lieb ist. Ich muss keine Kuschelpartys besuchen, diese nichtsexuellen Bedürfnisveranstaltungen für die total Vereinsamten, um in den Genuss menschlicher Nähe und Berührung zu kommen. Noch nicht. (Das Leben mit Kindern ist nicht auf Ewigkeit ausgelegt. Das Leben mit Partner ist es nur irrigerweise.) Die Fragen des Lebens diskutiere ich mit Freunden.

Aus den Reaktionen verschiedener Männer darf ich schließen, dass ich keine Schwierigkeiten hätte, mir Sex zu organisieren. Wenn ich ein Bedürfnis nach Sex hätte. Ich habe keines. Als ich es bekannte, rief meine Freundin Melly: »Das ist ja nicht normal!« Der Ausruf besorgt mich mehr als mein fehlendes Verlangen. Ich wäre gern normal. Wenn’s sein muss, hätte ich sogar gern ein Verlangen. Schon um des Normalseins willen. Bin ich tatsächlich lieber allein?

Da sind Momente: In denen hätte ich gern eine Hand, in die ich meine Finger schieben kann. Einen Hals, an den ich meinen Kopf legen kann. Ein Augenpaar, das meinen Blick für eine gefühlte Ewigkeit hält. Jemanden, der mich liebt. Und den ich lieben kann. Nicht wie ein Kind. Oder eine Katze. Ich denke: Und wenn man das gefunden hat, was kommt dann? Wie geht es weiter? Und der Moment verfliegt. Ich denke: Vielleicht sehne ich mich eher nach meiner Vorstellung von einer Partnerschaft, weniger nach einem echten Partner. Vielleicht würde ich mich lieber in einem Film verlieben als in der Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit ist: So viele Männer in meinem Alter sind älter als ich. Sie haben das Sichwundern durch eine zweifelhafte Art Wissen ersetzt. Sie beschreiben sich als gesetzt, wenn sie meinen: starr. Sie haben ein unerschütterliches, leicht zu erschütterndes Verständnis von Männern und Frauen und deren Verhältnis zueinander. Das alles ist schlimm genug. Noch schlimmer ist, wenn sie versuchen, ganz anders zu sein. Lockerer. Weniger grau. Zum Beispiel: der deutsche Musikladeninhaber, der sich in den Kopf gesetzt hatte, sich in mich zu verlieben. Der Mann war Ende vierzig und wurde nicht müde, von sich zu behaupten, er habe sich unglaublich gut gehalten. Er sah aus wie fünfzig. Er trug Jacquard-Pullover und uralte Stiefel, die er zehn Jahre zuvor bei einer Haushaltsauflösung erstanden hatte. Er sagte, er hasse es, Geld für Kleidung auszugeben, es gebe Wichtigeres im Leben. Einmal betrat ich seinen Laden in einem Nerz, den ich für hundert Euro in einem Secondhandladen ergattert hatte. Er nannte mich stirnrunzelnd ein teures Mädchen. Er schickte Blumen und wiederholte, nie zuvor einer Frau Blumen geschickt zu haben. Er glaubte wohl, dieser Umstand müsse mich extra verlocken. Auf den beiden Events, auf die ich ihn begleitete, trug er eine Digitalkamera um den Hals und die Hände verschränkt auf dem Rücken.

Eine Bekannte, nicht verzweifelt, seit zehn Jahren Single, sagt: »Einen Mann zu finden ist nicht das Problem. Männer gibt es da draußen genug. Du musst nur einen mit nach Hause nehmen.« Wen? Was für ein Mann bleibt, zum Mit-nach-Hause-Nehmen? Mit gelebten, mit wachen 49? Innerhalb eines Jahres las ich in drei Zeitschriften (eine davon der Spiegel), die Frauen in meinem Alter seien heute zu selbstbewusst, zu gebildet, zu anspruchsvoll: gnadenlos. Wollten sie nicht allein bleiben, sollten sie ihre Ansprüche an die Männer mindern. Also: sich auf den Reifegrad einer Zwanzigjährigen reduzieren? Offenbar gibt es eine Menge Männer da draußen, die mit nach Hause genommen werden wollen. Und was fängt man dort mit so einem an?

Um mir nicht gnadenlos zu erscheinen und um meine Theorie bezüglich des wieder erweckbaren sexuellen Verlangens zu prüfen, nahm ich den Musikmann mit nach Hause. Er hörte gern Ray Charles und Isaac Hayes, ich dachte: Möglicherweise muss man ihm anderes darum nachsehen. Melly sagte: »Das ist ein Fortschritt. Ich freue mich für dich.« Leider konnte er keinen Sex haben, ohne von Liebe zu quatschen. Nach der ersten Nacht nannte er uns seinem Geschäftspartner, seinen Freunden und seiner Ex-Frau! gegenüber »zusammen«. Meinen Ärger darüber kommentierte er mit einem Stirnrunzeln und dem Begriff »bindungsunfähig«. Er erklärte sich ungefragt bereit, »mir Zeit zu geben«, um mir, um »uns«, also: um sich zu helfen. Offenbar hatte er den Spiegel gelesen. Ich beschloss, ein gewisses Maß an Gnadenlosigkeit könne nicht schaden. Das war überraschenderweise nicht leicht. Nachdem er gegangen war, fühlte ich mich leer. Um ein Haar hätte ich geweint. Und doch wusste ich, es war richtig. Ein Fortschritt. Als Zwanzigjährige hätte ich ihn geheiratet. Vielleicht war das der Grund für meine Beinahe-Tränen: die Ahnung, dass ein Sich-über-alle-Vernunft-hinweg-blindlings-Verlieben nicht mehr möglich war.

In einem Interview mit Richard Dawkins, dem britischen Biologen und Autor des Buchs Der Gotteswahn, las ich, die Fähigkeit, sich zu verlieben, gründe in denselben Bereichen des menschlichen Gehirns wie die Fähigkeit zu glauben. Nach meinen Erfahrungen, oder eher: Nichterfahrungen, speziell der vergangenen fünf Jahre, hielt ich das für eine glaubwürdige Theorie. Möglicherweise schafft der, der nicht mehr zu glauben schafft, auch nicht mehr, sich zu verlieben. Vielleicht ist das Bedürfnis, sich zu verlieben, wie das Bedürfnis zu glauben, nur eine Phase. Die man in seinem Leben durchlaufen und überwinden muss. Auf dem Weg zu sich selbst. Und je näher man sich kommt, umso geringer das Bedürfnis. Es ist so verlockend, aus den eigenen Ängsten, vielleicht auch: Unfähigkeiten, eine kosmosübergreifende Regel zu stricken. Befriedigend ist es nicht.

Dann schrieb mir meine Freundin Emma: Sie habe sich verliebt. Nach acht unverliebten Jahren. Mit 43. Sie sei verliebt wie noch nie. Und der Mann sei wie keiner. Und ich freute mich sacht, und ich dachte, sehr vorsichtig, sehr leise: Na ja, glauben wir das nicht immer? Das war vor sechs Jahren. Mittlerweile sind die beiden verheiratet. Und, viel wichtiger: »Noch immer verliebt!« Ich schrieb zurück: »Das freut mich! Wenn auch aus den eigennützigsten Gründen. Ich will sehen: Und es geht doch!« Und das ist wahr.
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Antje Joel

sieht sich, wann immer sie sich doch nach einem Mann sehnt, »Sodbrennen« an, mit Meryl Streep und Jack Nicholson, ihren Lieblings-Nichtliebesfilm. Dann ist die Wehmut im Nu verflogen.