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aus Heft 08/2016 Gesellschaft/Leben

Knapp daneben

Von Till Krause  Foto: Gettyimages / Westend61

Der Anblick kleiner Fehler reicht, um sehr nervös zu werden. Das ist lustig - spielt aber auch mit einer Urangst des Menschen.

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Von allen gut gemeinten Tantensprüchen lautet einer der unsinnigsten: Ordnung ist das halbe Leben. Denn korrekt müsste es heißen: Das ganze Leben ist Ordnung. Und das sagt nicht irgendwer, sondern Fritz Cramer, vormals Direktor des Max-Planck-Instituts für experimentelle Medizin. Für ihn besteht unsere Existenz vor allem aus »Chaosvermeidungsstrategien«. Und er meint damit viel grundsätzlichere Dinge als unaufgeräumte Zimmer oder stehengelassenes Geschirr.

Für den 2003 verstorbenen Wissenschaftler Cramer war das ganze Leben eine Choreografie aus Ordnung und Struktur: ob biologische Vorgänge im Körper wie Proteinbiosynthese und Zellteilung oder die verlässliche Abfolge von Tag, Nacht, Sommer, Winter, Ebbe und Flut. Das Wissen um die Vorhersehbarkeit dieser Ereignisse hat den Menschen zu dem gemacht, was er ist: das einzige Lebewesen, das Prognosen anstellen und somit dem Chaos des Universums so etwas wie Sinnhaftigkeit entgegensetzen kann.

Anscheinend beginnt der Kampf gegen das Chaos bereits wenige Stunden nach der Geburt: Schon Neugeborene sind in der Lage, die Laute ihrer Muttersprache in sinnvolle Strukturen einzuteilen, also zu merken, wann ein Wort beginnt und endet und wann das nächste anfängt. Als ob es schon Säuglingen unerträglich wäre, von akustischer Unordnung umgeben zu sein.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Fotos auf diesen Seiten viele Betrachter regelrecht fertigmachen. Die Bilder zeigen kleine Fehler, die im Alltag leicht passieren und die doch so störend wirken, dass man am liebsten hineingreifen würde, um die Dinge geradezurücken: die Buntstiftschachtel, bei der die Farben der Stifte nicht mit dem Muster der Packung zusammenpassen; der eine Keks, der anders herum eingeschweißt wurde als alle anderen; die Kachel, die als einzige nicht parallel zu den anderen verlegt wurde. Es ist kaum zu ertragen. Und man hat fast das Gefühl, irgendjemand hat das mit Absicht gemacht.

Im Diagnose-Handbuch der Psychiatrie findet sich eine Krankheit namens Ordnungszwang, eine Form der Zwangsstörung, unter der etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung leiden. Betroffene müssen pausenlos aufräumen, Dinge symmetrisch ordnen oder kontrollieren, ob ihre Türen abgeschlossen sind. Solche Rituale sehen Psychiater als symbolischen Versuch, drohendes Unheil abzuwenden. Wer penibel darauf achtet, dass in seinem Umfeld alles am vorgesehenen Ort ist, bekämpft damit die Furcht, das eigene Leben könnte außer Kontrolle geraten. Denn für Menschen gibt es kaum etwas Schlimmeres als den Zerfall von gewohnten Strukturen – eine Urangst vor dem Verlust der Vorhersehbarkeit unserer Umwelt. Die meisten Menschen können natürlich differenzieren: Eine schiefe Straßenmarkierung bedeutet nicht automatisch das Rutschen in Anarchie und Faustrecht. Auch Patienten mit Ordnungszwang wissen das – können aber dem Impuls zum ständigen Aufräumen nicht widerstehen. Der englische Fachbegriff dieser Krankheit lautet obsessive-compulsive disorder, abgekürzt OCD. Es ist sicherlich kein Zufall, dass der populäre Twitter-Account, der die auf diesen Seiten gezeigten Fotos mit einem Millionenpublikum teilt, »OCD Nightmares« heißt – Albtraum für Menschen mit Zwangsstörung. Der Betreiber des Accounts will übrigens anonym bleiben: Zu oft wurde er dafür kritisiert, sich über Menschen lustig zu machen, die unter einer psychischen Krankheit leiden. Doch vielleicht erreicht er mit seinen Bildern ja das Gegenteil: Jeder, der beim Anblick dieser Fotos innerlich zusammenzuckt, kann ein bisschen besser verstehen, was im Kopf von jemandem vorgeht, der das Chaos dieser Welt nicht mehr ertragen kann.
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Till Krause

bewundert sehr den ordentlichen Schreibtisch der Kollegin Ptok – auf seinem eigenen herrscht ein munteres Durcheinander aus Zetteln, Büchern, Zeitschriften und Spielfiguren aus Plastik.