Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 28°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 08/2016 Fotografie

»Ab 19 zerbricht Dummheit die Schönheit«

Interview: Sven Michaelsen  Fotos: Elfie Semotan, John Cook

Die große Fotografin Elfie Semotan über die Qual, selbst fotografiert zu werden, sexuelle Freiheit und die zwei sehr komplizierten Männer, mit denen sie ihr Leben verbringen wollte.


Anzeige
SZ-Magazin: Sie wuchsen im Zweiten Weltkrieg als Tochter eines Eisenbahners in einem Dorf in Oberösterreich auf. Hatten Sie eine dieser Horrorkindheiten, die man in Büchern von Thomas Bernhard findet?

Elfie Semotan: Im Gegenteil. Ich bin in einer Freiheit aufgewachsen, die es nur auf dem Land gibt. An dieses Ungezähmte erinnert sich nicht nur mein Kopf, sondern auch mein Körper. Es ist ein Gefühl, das mit einem mitwächst und das man nie wieder verliert.

Ihre Mutter fühlte anders. Sie sehnte sich danach, in einer Millionenstadt zu leben.
Meine Mutter war eine schöne und eigensinnige Frau. Sie verließ uns, als ich zwei Jahre alt war, weil sie sich durch das Dorfleben beengt und unfrei fühlte. Mit meinem Vater war sie wohl auch nicht glücklich. In Wien wollte sie endlich so unabhängig leben, wie sie es sich erträumte.

Mit zehn Jahren zogen Sie zu Ihrer Mutter nach Wien. Wie nah waren Sie sich?
Wir hatten eine Nicht-Beziehung, als wären wir von unterschiedlichen Planeten. Ich beschloss, ihr nie mehr etwas zu erzählen, was mich wirklich betrifft, und so ist es bis zu ihrem Tod geblieben. Mein Herz schlug für meine Großmutter und ihre Schwester. Meine Großmutter war eine fesche, wilde Frau, die nach dem Tod ihres Verlobten einen 14 Jahre jüngeren Mann geheiratet hatte. Ihre Schwester legte sich mit sechzig einen Liebhaber zu. Sie führte eine kleine Gemischtwarenhandlung und war sehr beliebt. Wenn der Salat nicht mehr ganz frisch war, sagte sie ihren Kunden: »Den kaufen’s besser ned. Der ist schon ein bissl müd.«

Mit 14 wurden Sie an der Wiener Modeschule Hetzendorf angenommen. Mit zwanzig zogen Sie nach Paris.
Ich wollte erst einmal als Mannequin Fuß fassen und dann weitersehen. Beim Abtelefonieren der Modehäuser hatte ich Glück. Bei Lanvin hieß es, wir suchen gerade ein Mädchen, kommen Sie gleich vorbei.

Kamen Sie sich schön vor, wenn Sie in den Spiegel schauten?
Ich sah gut aus, aber es gab makellosere Erscheinungen als mich. Ich hätte längere Beine, größere Augen und kleinere Hände haben sollen.

Waren Sie gern Mannequin?
Ich fand es anstrengend, mich darzustellen, aber das Dorfmädchen in mir genoss die Reisen in die USA, an die Côte d’Azur oder nach Ceylon. Die Modedesignerin Madame Grès nahm mich einmal nach Los Angeles mit. Sie war eine wunderbare ältere Dame, die immer einen Turban trug. Wir wohnten im »Beverly Hills Hotel« und führten ihren exklusivsten Kundinnen in einem kleinen Salon Kleider vor. Einmal kam Jacqueline Kennedy mit ihrer Schwester Caroline Lee Radziwill. Ich weiß noch, dass ich sie zehnmal so schön fand wie Jacqueline.

Wie wurden Sie vom Fotomodell zur Fotografin?
Den letzten Anstoß gab der kanadische Fotograf John Cook. Wir waren sieben Jahr lang ein Paar, beruflich und privat. Seine Art, Mode zu fotografieren, war vom Film geprägt. Er wollte mit einem Bild eine Geschichte erzählen. Das Zurschaustellen schöner Kleider an perfekten Körpern interessierte ihn nicht. Ich habe dann von Anfang an so fotografiert, wie ich es noch heute tue: Nicht die Kleidung steht im Vordergrund, sondern der Mensch, der sie trägt. Auch meine Schwäche für Schönheit, die man erst auf den dritten oder vierten Blick sieht, war schon da.

Gibt es Schönheit ohne Intelligenz?
Ja, aber nur von 14 bis 19. Dann zerbrechen Dummheit und Unverständnis die Schönheit.

Welche Erfahrungen als Fotomodell nützen Ihnen als Fotografin?
Ich weiß, wie allein gelassen man sich fühlt, wenn einem der Fotograf nicht sagt, wohin die Reise gehen soll. Man muss den Menschen vor der Kamera von seinen Ängsten und Eitelkeiten ablenken, denn sonst verkrampft er und versucht, möglichst schön und souverän auszusehen, und das verhindert, dass gute Bilder entstehen. Ich kenne nur wenige Leute, die keine Regie brauchen. Jemand wie Jonathan Meese bringt eine fertige Performance mit.

Nach zehn Jahren Paris kehrten Sie 1970 nach Wien zurück. Warum?
John wollte in Wien Filme drehen, und ich ging widerstrebend mit. Aber unsere Beziehung wurde schwierig, und es kam der Moment, in dem wir uns trennen mussten. Er flog nach Kanada und machte mir drei Wochen später am Telefon einen Heiratsantrag. Doch der kam 24 Stunden zu spät. Am Vortag hatte ich Kurt Kocherscheidt kennengelernt.

Damals noch ziemlich unbekannt, heute ein Säulenheiliger der österreichischen Gegenwartskunst.
Ich suchte für ein Werbefoto einen Mann, dem eine Träne über die Wange laufen sollte. Ein Freund sagte, ich kenne da jemanden, der in Frage kommt. Wir trafen uns morgens um neun im »Café Bräunerhof«. Als ich Kurt sah, wusste ich nach zwei Sekunden: mit diesem Mann möchtest du dein Leben verbringen, sofort und für immer. Wir blieben bis sechs Uhr abends sitzen, dann gingen wir essen und ins Kino. Die nächsten 18 Jahre waren wir unzertrennlich. Wir heirateten und bekamen zwei Kinder.

Mit 34 hatte Kocherscheidt den ersten Herzinfarkt.
Das war ein Familienschicksal. Sein Vater war an einem Herzinfarkt gestorben.

Änderte Ihr Mann sein Leben?
Nein. Kurt war ein Genussmensch, der gern aß und trank und rauchte. Er konnte und wollte nur auf diese Art leben, vielleicht weil er ahnte, dass sie notwendig war für seine Kunst. Nach der ersten Bypass-Operation saß er in einer Rehaklinik vor einem Tablett mit zwei Scheiben Wurst, einem winzigen Stück Käse, zwei Scheiben Knäckebrot und einem Glas Wasser. Das hat er gehasst. So hätte er auf gar keinen Fall leben können. Von da an lebte ich mit der Ahnung, dass wir vielleicht nur wenige gemeinsame Jahre haben werden. Ich lag nachts wach, und dann kamen die Gedanken, die man untertags nicht denken mochte.

In sein Tagebuch schrieb Kocherscheidt: »Wieder in dieser schmerzlich-wässrigen Stimmung … wieder einmal alle Kunst sinnlos … Manchmal bin ich zufrieden in meiner Schwermut, wenn die Angst sich wieder zurückgezogen hat in ihre Höhle im Gemüt.«
Es gab diese dunkle, schwermütige Seite bei ihm. Wie sollte es auch anders sein, wenn der Arzt nach jeder Operation sagt: »In fünf Jahren sehen wir uns dann bei der nächsten OP wieder.«

Mitte der Achtzigerjahre lernten Sie beide einen seltsam unnahbaren Menschen kennen, der Peter Scepka hieß, sich aber Helmut Lang nannte. Ursprünglich Kellner im Wiener Szenelokal »Motto«, entwarf er jetzt Hemden und Anzüge für Männer und stand im Ruf, eine Art Peter Handke der Mode zu sein.
Als wir ihn kennenlernten, hatte er ein kleines Geschäft in der Wollzeile im ersten Bezirk und nannte sich Boubou. Der Name Helmut Lang kam erst später. Er fragte mich, ob ich Anzeigen für ihn fotografieren würde. Er war damals Ende zwanzig und nur in Wiener Insiderkreisen bekannt. Ich spürte sofort eine große Nähe zu ihm, weil wir beide ein wenig scheu und einzelgängerisch sind und Menschen erst einmal auf Abstand halten.

In der Schule galt Lang als schräger Vogel mit autistischen Zügen.
Ich bewerte Eigenheiten nicht, deshalb habe ich oft einen guten Zugang zu Menschen. John Cook hat gestottert, aber für mich war das nicht ausschlaggebend.

Sie haben Kampagnen für Lang fotografiert und sind als Model in seinen Schauen aufgetreten. Ihr heikelster Job soll gewesen sein, Lang selbst zu fotografieren.
Von keinem Modedesigner gibt es weniger Fotos als von Helmut. Es quält ihn, fotografiert zu werden, deshalb leiden wir beide jedes Mal Höllenqualen. In der Mode herrscht ein Vollkommenheitsanspruch, und den überträgt Helmut auf sich selbst. Es ist fast unmöglich, einen von Schönheitssehnsucht getriebenen Perfektionisten wie ihn dazu zu bringen, sich vor der Kamera zu entspannen. Aber manchmal glückt es eben doch. Ich glaube, ein paar der besten Fotos gemacht zu haben, die es von ihm gibt.

Werden Sie gern fotografiert?
Nein, ich hasse das. Ich finde auch, dass nur ganz wenige Leute mich gut fotografieren. Manchmal schaut man sich beim Autofahren im Rückspiegel an: Es ist ein schöner Tag, der Wind weht durchs offene Fenster, und plötzlich schaut man großartig aus. Auf einem Foto sieht man fast nie so aus. Stimmung, Licht, Tagesverfassung, irgendetwas stimmt immer nicht.

Helmut Lang hat seine Firma an den Prada-Konzern verkauft und lebt heute als bildender Künstler auf Long Island. In Erscheinung tritt er so gut wie nie.
Ich kenne nur ganz wenige Menschen, die es mit sich selber aushalten. Viele sagen, sie könnten gut allein sein, aber so gut wie Helmut kann es keiner.

Wie nah sind Sie sich?
Helmut ist mein bester Freund. Als Kurt mit 49 Jahren an Herzversagen starb, waren unsere Söhne zehn und 18 Jahre alt. Helmut half mir, ihnen Halt und Sicherheit zu geben. Wir waren eine Familie.

1993, ein Jahr nach dem Tod Ihres Mannes, quartierten Sie sich im New Yorker Apartment von Helmut Lang ein und begannen, als Porträt- und Modefotografin für Magazine wie Interview, Esquire, Allure, i-D, Harper’s Bazaar und den New Yorker zu arbeiten. Warum ließen Sie Wien hinter sich?
Eine Woche nach Kurts Tod sah mein kleiner Sohn mich an und fragte: »Mama, wann lachst du wieder?« Da wusste ich, es ist Zeit, einen Schnitt zu machen und mein Fotografenleben nach New York zu verlegen. Ich konnte nicht verhindern, dass ich trauerte, aber ich wollte es so wenig wie möglich vor den Augen meiner Kinder tun. Deshalb konnte ich meinem kleinen Sohn reinen Herzens antworten: »Jetzt!« In Wien hätte ich den Boden unter den Füßen verloren, denn jeder in der Branche wusste, dass ich meinen Mann verloren hatte, und gerade in der Modewelt ist der Tod ein Tabuthema, dem man panisch aus dem Weg geht.

Wie haben Sie Ihren zweiten Mann kennengelernt, den Künstler Martin Kippenberger?
Als ich mit Helmut Lang und ein paar Moderedakteuren im Pariser Restaurant »Davé« saß, kam er zu uns an den Tisch und wollte Bilder von sich gegen Anzüge von Helmut tauschen. Als Helmut das ablehnte, zog er wieder ab.

Ein Dreivierteljahr nach Kocherscheidts Tod lud Sie Michel Würthle, Künstler und Betreiber der »Paris Bar« in Berlin, zu seinem 50. Geburtstag in sein Haus auf der griechischen Insel Syros ein. Während der dreitägigen Party mit 120 Gästen machten Sie das erste Foto von Kippenberger.
Mein Geschenk für Michel war, das Fest zu fotografieren. Ich machte von allen Gästen Bilder, nur um Martin machte ich einen Bogen. Er war immer von zwanzig, dreißig Leuten umringt, die er pausenlos unterhielt. Zu seiner Show gehörte, auf einen Tisch zu steigen und Schildkrötenwitze zu erzählen, die kein Ende und keine Pointe hatten. Wagte es jemand, ihn zu unterbrechen, fing er zur Strafe wieder von vorne an. Deshalb dauerten seine Auftritte mitunter zwei, drei Stunden. Mich wegen eines Fotos zu den Leuten zu legen, die ihm andächtig zu Füßen lagen, war mir zu blöd. Am letzten Tag kam er zu mir und fragte, warum fotografierst du mich nicht? Ich tat es und reiste ab.

Eine Ausstellungseröffnung von Michel Würthle im Burgenland brachte Sie 1995 schließlich zusammen.
Spät in der Nacht schob Martin zwei Sessel zusammen und redete zwei Stunden lang, über sich und warum es richtig und wichtig sei, dass wir ein Paar werden: Ich sei jemand, er sei jemand, ich hätte meine Arbeit, er hätte seine Arbeit, keiner sei vom anderen abhängig. Einerseits klang es wie eine arrangierte Hochzeit, andererseits war es das Verführerischste und Poetischste, was ich jemals von einem Mann über das Leben zu zweit gehört habe. Als ich mit meinem todmüden Sohn heimfahren wollte, setzte er sich auf die Kühlerhaube unseres Autos und verlangte einen Kuss. Ohne den würde er uns nicht fahren lassen. Am nächsten Tag rief er an und fragte, ob wir uns sehen könnten. Nachdem wir uns zweimal in Wien zum Essen getroffen hatten, musste ich nach Paris zu einer Modenschau. Er sagte, er komme mit. Auf einem Stempel, den er mit nach Paris nahm, stand: »Hier ist es wunderschön.« So aus dem Blauen heraus hat es mit uns angefangen.

Mit zunehmendem Alter und abnehmender Gesundheit wurden Kippenbergers Freundinnen immer jünger. Mit Ihnen kehrte sich das um. Dass Sie zwölf Jahre älter waren, kommentierte er mit den Worten: »Sie ist 53, ich bin Jahrgang 53.«
Martin war kein Mann, dem man als ältere Frau über den Hinterkopf streichelt und das Leben erklärt. Das habe ich nicht einmal in Gedanken gemacht. Er war so komplex und kompliziert, dass das Alter keine Rolle spielte.

Kippenberger galt vielen als Halbwahnsinniger: tyrannisch, penetrant, hyperaktiv, hemmungslos, wehleidig und maßlos egozentrisch. Wenn er mit wichtigen Museumsleuten am Tisch saß, furzte er gern oder servierte als Vorspeise After Eight.
Martin war kein netter, ausgeglichener Mensch. Viele hatten Angst vor ihm, weil er Menschen vor Publikum bloßstellte und lächerlich machte. Das war eine schreckliche Angewohnheit von ihm. Um die Finger in offene Wunden zu legen, verriet er die Schwächen und Intimitäten anderer Menschen. Es war ein Spiel: Hältst du mich aus? Liebst du mich wirklich? Andererseits gab es keinen Menschen, der mehr Wärme, Zärtlichkeit, Charme und Großzügigkeit besaß als er.

Kippenbergers Schwester Susanne schreibt in ihrer Biografie über den Bruder: »Nie hätte Martin hinter dem Rücken einer dicken Frau über ihre Figur getuschelt. Aber wenn er mit ihr aus der Disco auf die Straße trat, fragte er, gehen wir runter oder rollen wir runter? Einen Tag lang hat die Freundin dann geweint. Die Wahrheit tat weh, das sollte sie auch, so wie die Kunst.«
Martin hatte sich irgendwann vorgenommen, nie mehr zu lügen, egal ob es um Kunst ging, ein Kleid oder einen Haarschnitt. Allen alles ins Gesicht zu sagen ist ein Albtraum und hat ihm sehr viele Feinde eingetragen. Andererseits finde ich es ehrenhaft, dass er sich nicht an dem österreichischen Brauch beteiligt hat, nach einem Fest über die Gäste zu schimpfen.

Anzeige

Seite 1 2
Sven Michaelsen

erfuhr bei seiner Vorbereitung auf das Interview, dass Martin Kippenberger auch Möbel entwarf. Zu seinen Schöpfungen zählen Barhocker mit hölzernen Alka-Seltzer-Pillen als Sitz.

  • Fotografie

    »Wir haben zweieiige Zwillinge der Vorlage geboren«

    Das gab's noch nie: Vor ein paar Wochen stellten elf Londoner Fotografen im SZ-Magazin-Modeheft ihre Lieblingsorte vor. Zwei Touristinnen haben die Bilder jetzt an den Originalschauplätzen nachgestellt – sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich.

    Von Judith Röschner und Janice Wartchow
  • Anzeige
    Fotografie

    Bilder eines Landes

    Was würden Sie fotografieren, wenn Sie Deutschland in einem Bild erklären wollten? Zeigen Sie es uns - und gewinnen Sie beim Fotowettbewerb des SZ-Magazins in Kooperation mit CEWE.

  • Fotografie

    »Ich habe die ›Allahu akbar‹-Rufe der IS-Kämpfer gehört«

    Für eine Fotoreportage war Robin Hinsch kürzlich in Mossul. Im Interview spricht der Fotograf über heftige Gefechte, surreale Kriegsbilder und eine absurde Angewohnheit der irakischen Soldaten.

    Interview: Johannes Waechter