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aus Heft 09/2016 Musik

Noch einmal von vorn

Von Max Fellmann  Foto: Andy Kania

AnnenMayKantereit ist eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands. Hoffentlich schadet ihnen ihre neueste Idee nicht: ein Debüt-Album.

Von links im Uhrzeigersinn: Der Sänger Henning May und seine Kollegen Severin Kantereit, Christopher Annen und Malte Huck
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Eigentlich müssten hier zwei Texte stehen. Einer für die Leser, die noch nie was von AnnenMayKantereit gehört haben, es gibt ja von dieser Kölner Band kein richtiges Album, sie tauchen bisher eher wenig im Radio oder im Fernsehen auf. Und ein Text für die Leser, die jetzt lässig abwinken, weil sie AnnenMayKantereit schon seit Jahren kennen, ihnen auf ausverkauften Konzerten zujubeln, jeden Ton mitsingen und der Band auf Facebook vorschwärmen, wie sehr ihr Leben begleitet wird von Liedern wie Mir wär lieber, du weinst und Jugendhymnen wie 21, 22, 23. Die einen werden die Band in der nächsten Zeit ziemlich sicher kennenlernen. Die anderen werden das Gefühl haben, Hilfe, jetzt wird das alles eins zu groß, das war doch immer UNSERE Band, UNSER kleines Geheimnis.

Ein Geheimnis ist es nicht mehr. AnnenMayKantereit sind eine der erfolgreichsten jüngeren Bands in Deutschland, dazu genügten eine Facebook-Seite und ein paar Youtube-Videos, sie spielen vor ausverkauften Häusern und auf den größten Festivals – aber ihr erstes Album (bisher gab es nur eine eher übersehene CD mit fünf Liedern) erscheint absurderweise erst jetzt, in zwei Wochen. Es heißt Alles nix Konkretes und wird veröffentlicht von Universal, der größten Plattenfirma der Welt, die ansonsten gerade beschäftigt ist mit neuen Platten von Elton John, Rihanna, Sarah Connor und Drake.

Ab sofort mittendrin: AnnenMayKantereit. Drei Nachnamen. Klingt wie ein Architekturbüro. Nicht gerade Pop. Aber dann sitzt man den Kerlen gegenüber – es sind übrigens vier, der Bassist kam später dazu –, und man möchte diese verwuschelten T-Shirt-Träger sofort ziemlich gern haben und ihnen glauben, dass sie den Bandnamen vor allem: ehrlich finden. »Wir wollen wir sein«, sagt Henning May, der Sänger, »Lady Gaga ist in der Öffentlichkeit die Kunstfigur Lady Gaga und nicht … wie auch immer sie in echt heißt. Wir sind Christopher Annen und Henning May und Severin Kantereit und Malte Huck. Fertig.«

Wir wollen wir sein. Würde auch als Werbespruch funktionieren. Wer eins ihrer Konzerte erlebt, hat den Eindruck, da feiert eine große Clique, und mittendrin singen vier Freunde über das, was alle im Raum bewegt. Aber für das Jungs-von-nebenan-Ding könnte der Vertrag bei Universal, der Sprung in die erste Liga ein bisschen gefährlich sein. Wie soll das in Stadien funktionieren und im öligen Samstagabendfernsehen? Wäre man ein Marketingmensch, müsste man sagen, die Unverstelltheit ist das Alleinstellungsmerkmal, die Stärke der Marke AnnenMayKantereit. Das Identifikationspotenzial. Vier Jungs, Anfang/Mitte zwanzig, Kapuzenpullis, ausgelatschte Turnschuhe, singen über die Liebe, die erste Trennung, WG-Leben, Umzug, Angst vor dem Älterwerden. Nie zu weit in der spröden Tocotronic-Ecke, nie zu nah an der Fußballfröhlichkeit der Sportfreunde Stiller. Eher so: Tagebücher, gute Gespräche mit Freunden abends am Flussufer.

Im Lied 3.Stock singt May: »Ich würd gerne mit dir in ner Altbauwohnung wohnen. Zwei Zimmer, Küche, Bad und nen kleinen Balkon.« Kleinbürgerlich? Hmnja. Der Sänger sagt: »Es gab mal einen Artikel über uns mit der Überschrift ›Eine Band wie ein Zuhause‹. Super! Ich stell mir vor, ein Mädel in der Wohnung schält grade Kartoffeln, hört dabei unsere Musik. Ich finde das schön.«

AnnenMayKantereit mögen klassische Ideale besingen, aber als Band gehören sie zu den ersten Vertretern einer neuen Ära. Das Geschäft mit der Musik verändert sich gerade grundlegend. Mit CD-Verkäufen verdient kaum mehr jemand was, Musik wird gestreamt, die Pop-Mittelschicht (also: alles unterhalb von Grönemeyer) ist angewiesen auf Konzerteinnahmen. Downloads allein bringen kaum Umsatz. Sogar das neue Rihanna-Album: Millionen Mal aus dem Netz geladen, aber mäßig als CD verkauft. Die Preise verfallen. Sehr viele Musiker müssen damit umgehen, dass ihr Beruf nicht mehr funktioniert wie bis vor ein paar Jahren. AnnenMayKantereit aber, und das ist das sehr Besondere an ihnen, kommen aus der Gegenrichtung: Sie hielten sich als reine Live-Band schon früh über Wasser (lustiger, ziemlich deutscher Satz im Gespräch: »Ab dem Punkt waren auch unsere Eltern einverstanden, dass wir es mit der Musik weiterprobieren«). Sie haben sich alles über Nebenwege aufgebaut, sie bräuchten im Grunde gar keinen Plattenvertrag. Ihr Album war noch nicht richtig angekündigt, da hatten sie, ein halbes Jahr im Voraus, schon fast alle Konzerte für 2016 ausverkauft, in der Münchner Muffathalle zum Beispiel gleich zwei Abende hintereinander. Macht 3000 Besucher.

Eine Band, die ohne Marketingkampagne auskommt, ohne Heavy Rotation und Castingshow-Quatsch, gibt ihren Fans natürlich das Gefühl einer einmaligen Beziehung. Wer AnnenMayKantereit irgendwann in den vergangenen Jahren entdeckte, durfte sich fühlen, als wäre er da ganz allein auf etwas gestoßen. Eine fast private Entdeckung. Und es gibt kaum etwas, was so eine enge Bindung zwischen Band und Fans herstellen kann wie das Gefühl, ein Geheimnis zu teilen. Nähe.

AnnenMayKantereit haben, noch mal in der Sprache des Marketings gesagt, viel Marktforschung hinter sich. Auf Facebook konnten sie die Resonanz nach jedem Konzert direkt prüfen: Kommt das neue Lied gut an? War der Spruch vor der Zugabe okay? Aus welcher Stadt melden sich gerade genug Fans, damit sich eine Reise lohnt? Selbst verstolperte Schlussakkorde und verpasste Texteinsätze sorgen für Identifikation. Ein Fan schreibt: »Ich danke euch! Einfach ein gelungener Abend! Und gerade die Situationen, wenns nicht rund läuft, machen es einzigartig.« Die Plattenfirma Universal täte sich schwer, eine andere Band mit so präzise grundierter Zielgruppe zu finden.

Aus Marketingsicht total unschlagbar ist übrigens auch Henning Mays Stimme. Unglaubliche Stimme. Tief, rasplig, das böse Knurren eines angeschossenen Wilderers. Als wäre er kein junger Studienabbrecher aus Köln, sondern hätte dreißig Jahre mehr Leben, mehr Alkohol hinter sich. Oft erinnert er an Rio Reiser, der Ton, die Lebensgenervtheit, die da immer mitzuschwingen scheint. Die Musik gleicht das wieder aus: einfacher Folk-Pop, akustische Gitarre, keine aufwendigen Arrangements. Auch auf der Bühne klingen sie immer wie Jungs, die bei der WG-Party spontan ein paar Instrumente in die Hand genommen haben.

So ähnlich ist es tatsächlich losgegangen: Annen, May und Kantereit besuchten dieselbe Kölner Schule, machten Abi, danach spielten sie in der Kölner Fußgängerzone, um ein paar Euro zu verdienen. Beatles, Dylan, das Übliche. Dann eigene Songs. Das war 2011. Es lief gut. Sie wurden wiedererkannt. Menschen blieben stehen, fragten, ob sie auch Konzerte geben, so richtig auf Bühnen und so. Nach einem Jahr mal ein Versuch. Ein kleiner Club in Köln, ein bisschen Werbung auf Facebook. Der Laden war voll.

Dann erste Konzerte in anderen Städten. Größere Clubs. Hallen. Festivals. Immer noch keine Plattenfirma, keine Verträge, keine Werbung. Nur ein gut gepflegter Facebook-Auftritt mit Terminen – und 220 000 Fans. Ein Freund, der die Band filmt, mal auf der Straße, mal im Wald. Youtube ist voll mit AnnenMayKantereit. So wurden es mehr als 300 Auftritte. Allein im vergangenen Jahr waren es gut hundert, zwei Tourneen, 43 Festivals.

Dass eine Band aus der Facebook-Generation sich in aller Ruhe ausprobiert und dann, nach reiflichem Überlegen, einen Vertrag unterschreibt, ist immer noch selten. Der Schlagzeuger Severin Kantereit erklärt: »Wir haben uns vorgenommen, erst mal alles selber zu machen, um es auch zu verstehen. Wir haben Konzertveranstalter angeschrieben und gelernt: Was macht eigentlich so eine Booking Agentur? Jetzt haben wir eine – aber kennen auch genau deren Job. Und so haben wir dann stückweise Aufgaben abgegeben.« Erst jetzt ist der Punkt gekommen, an dem der nächste Schritt nicht mehr ohne Weiteres möglich wäre. Henning May sagt: »Wir können Facebook, aber das, was eine Plattenfirma macht, können wir nicht.« Ein Album in großer Stückzahl pressen, vertreiben, Werbung machen, noch mehr Menschen erreichen.

Und so geht das alles plötzlich los. Meetings. Fototermine. Interviewtage. Medienunsinn, auf den sich die Musiker erst mal einen Reim machen müssen. Am ersten langen Tag in Berlin will ein überdrehter Hipster-Journalist dringend mit der Band übers Kiffen reden. Die Band versucht höflich, auszuweichen, er kommt immer wieder mit dem Thema. Nach dem Gespräch sind die vier wie benommen. Kurz checken: Hat sich irgendwer zu einer unbedachten Bemerkung hinreißen lassen? Nein. Alles gutgegangen.

Mit der Leichtigkeit der vergangenen Jahre ist es jetzt erst mal vorbei. Auf einmal zählt jedes Wort, auf einmal gelten neue Regeln. AnnenMayKantereit werden sich verändern müssen, um bleiben zu können, wie sie sind.

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Max Fellmann

erkundigte sich am Rande des Treffens, wie lange man eigentlich ein Lied mit dem Titel 21, 22, 23 singen könne. Die Band entgegnete guter Dinge, wenn sie alle 30 seien, würden sie das Lied einfach als 31, 32, 33 neu aufnehmen. Ein Konzept, das Jahrzehnte tragen kann.

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