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aus Heft 11/2016 Liebe & Partnerschaft

»Ich hielt mich an dem Gedanken fest, dass es Kerstin gibt«

Interview: Max Fellmann  Foto: Theo Barth

Hätte Thees Uhlmann den Bestseller »Sophia, der Tod und ich« ohne seine Lektorin hingekriegt? Sicher nicht. Kerstin Gleba musste ihm zwölf Jahre Zeit lassen, der Schriftsteller zu werden, den sie in ihm sah.

Wer stützt wen? Die Lektorin Kerstin Gleba und der Autor Thees Uhlmann in Köln.
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SZ-Magazin: Kerstin Gleba ist eine extrem erfolgreiche Lektorin, sie hat unter anderem Christian Kracht betreut und Benjamin von Stuckrad-Barre. Wussten Sie das, als Sie sie zum ersten Mal trafen?

Thees Uhlmann: Nö. Nie gehört, den Namen.

Sie hätten sie mal googeln können.
Googeln war nicht, wir reden vom Jahr 2002, ich hatte damals ein 56k-Modem.

Wie kamen Sie zueinander?
Ich sang in der Band Tomte, Kerstin Gleba schrieb mir eine E-Mail: Ob wir uns mal treffen. Sie kommt also nach Hamburg, tolle Erscheinung, unfassbare Ausstrahlung. Gibt mir ein Essen beim Italiener aus. Und sagt: »Ich glaube, in dir schlummert ein Buch!« Ich so: »Sehr schön. Gibt es einen Vorschuss?« Sie: »Ja, 2000 Mark.« Ich freue mich, unterschreibe, bekomme mein Geld – und sie wartet zwölf Jahre auf den Hauch einer Idee von mir.

Warum so lange?
Mir ist nichts eingefallen.

Hatten Sie Kontakt in der Zeit?
Lose, ja. Aber mir war es endlos peinlich. Nach ein paar Jahren bin ich zu Helge Malchow gegangen, ihrem Verleger. Ich sagte, guten Tag, Sie kennen mich nicht, Ihre Kollegin hat mir einen Vorschuss gegeben, soll ich Ihnen den mal zurückzahlen? Er lachte mich nur aus und schnodderte in seinem breiten Kölsch: »Auf dat Buch von Bob Dylan han isch vierzisch Jahr lang jewartet.« Damit war die Sache erledigt.

Dann haben Sie sich endlich hingesetzt und geschrieben.
Und überhaupt erst gelernt, was ein Lektor eigentlich macht. Ich hatte vorher immer gedacht, das sind die Leute, die die Fehler rausmachen. Konnte ich aber auch brauchen, mein letztes Diktat war eine Sechs in der zehnten Klasse.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen?
Ich saß jeden Morgen allein mit meinem Buch in der Küche, es war die Hölle – wie soll man bitte 300 Seiten vollkriegen? Ich hielt mich an dem Gedanken fest, dass es Kerstin gibt.

Wie hat sie Sie ermutigt?
Nicht dass sie gesagt hätte, du bist so toll, es lief eher so: Ich schicke ihr ein paar Seiten, fünf Minuten später ruft sie an – wie kann jemand so schnell lesen? Zauberkräfte? – und sagt, Seite 42 ist langweilig, da musst du noch mal ran. Sie hat mir sozusagen kleine Aufgaben gestellt.

Zum Beispiel?
Sie hat gesagt, hey, in dem Kapitel hier verlierst du dich ein bisschen, aber da kommt der Vater im Altersheim vor, das interessiert mich, Thees, dein Vater ist im Altersheim, du hast selbst als Pfleger gearbeitet, da hast du mir was zu erzählen, schreib das auf. Und das immer in diesem Ton, der mich dazu bringt, dass ich nichts anderes will, als Kerstin Gleba zufriedenzustellen.

Klingt geschickt.
Sie ist die Chefin des Flughafentowers meines Schlechtwetterflugwunsches, ein Buch zu schreiben.

Schon ganz gut, wenn bei den Metaphern noch mal ein Lektor drüberschaut, oder?
Absolut.

Spielt es eine Rolle, dass sie eine Frau ist?
Ich hätte auch für einen Mann geschrieben, aber für eine Frau zu arbeiten hat dieses eine Molekül mehr, das seit Anbeginn der Zeit dafür sorgt, dass Männer sich waschen und höflich sind. Ich bin der klassische Tür-Aufhalter. Zehn Prozent mehr Mühe, sobald das Gegenüber eine Frau ist.

Erleben Sie das Verhältnis von Autor und Lektor auch als Hassliebe? Ständig will jemand was, man muss liefern …
Klar, man will Lob. Anerkennung. Meine Lektorin ist für mich zugleich Muse, Chefin und Freundin. Und ich habe einen Heidenrespekt vor ihr, manchmal war das heftig für mich.

Wieso?
Kerstin ist fürchterlich schlau. Die Frau liest in einem Jahr mehr Bücher, als ich in meinem ganzen Leben geschafft habe. Sie hat gesagt: »Thees, dein Roman ist ja eine klassische Eros-und-Thanatos-Geschichte.« Ich habe gesagt: »Genau! Endlich versteht das mal jemand.« Und musste das im Internet nachschlagen.

Wollen Sie ihr gefallen?
Auf jeden Fall. Darauf bin ich doch angewiesen. Ich möchte ja auch, dass die Musiker in meiner Band meine Riffs genial finden. Einfach, weil ich selbst mich nicht als genial empfinde.

Mittlerweile hat sich Ihr Buch ordentlich verkauft.
Ja, 80 000 Mal, und Kerstin Gleba wusste das schon vorher! Sie wusste, wie ein erfolgreiches Buch sein muss. Also war meine Aufgabe: etwas schreiben, was Kerstin Gleba gefällt.

Gab es Momente, in denen Sie im Gegenzug Ihre Lektorin eines Besseren belehrt haben?
Ich sagte ihr, dass ich eine Sexszene plane. Sie war dagegen: Oh nein, Sexszenen klappen nie! Ich habe es trotzdem versucht. Mann, war ich stolz, als sie beim nächsten Treffen sagte: Thees, es ist eine wunderschöne Sexszene.

Was wäre anders, wenn Sie ohne Lektor gearbeitet hätten?
Es gäbe kein Buch. So einfach ist das. Ich glaube ans Kollektiv. Ich mag es nicht, allein zu arbeiten.

Die Lektorin als Band-Ersatz.
Genau.

Jenseits des Romans – was haben Sie von ihr gelernt?
Viel über Kindererziehung. Wir sind beide getrennt und haben Töchter. Sie hat mir erklärt, dass man ruhig abends um zehn mit der Tochter in der Küche zu den Beatles tanzen darf, das ist vielleicht auch mal wichtiger, als für die Schule früh ins Bett zu gehen.

Sie bewundern Kerstin Gleba. Was glauben Sie: Warum schreibt die Frau nicht selbst mal ein Buch?
Aus dem gleichen Grund, warum es in Bands Bassisten gibt. Manche Leute finden es besser, am Rand zu stehen und zuzuschauen, wie das Schwein in der Mitte grölt. Und sie wissen genau, wie aufgeschmissen das Schwein ohne sie wäre.
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Max Fellmann

bräuchte manchmal einen Lektor für Alltagsaufgaben: »Max, mir missfällt an deiner Steuererklärung, dass du sie noch nicht gemacht hast.« - »Die Bedienungsanleitung des Druckers wäre noch besser, wenn du sie auch befolgen würdest.« - »Du solltest dringend die Emojis aus deiner SMS löschen.«

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