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Wild Wild West: Amerikakolumne 18. März 2016

Hier hat jeder einen Schuss

Von Michaela Haas  Foto: Plainpicture

In der Kleinstadt Kennesaw in Georgia treibt man den US-Waffenkult auf die Spitze: Dort ist es nicht nur erlaubt, sondern Pflicht, schussbereite Waffen und Munition im Haus zu haben. Die Begründung dafür ist abenteuerlich.

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Die Leute in Kennesaw, Georgia, reden nicht gerne mit Journalisten. Genauer: Die meisten reden gar nicht. Interview-Anfragen werden grundsätzlich abgelehnt. Die Standard-Antwort: »Alles, was Sie wissen müssen, ist, dass alle Menschen ein gottgegebenes Recht haben, sich zu verteidigen. Unsere Rechte gewährt uns nicht die Regierung, sondern Gott.«

Gott wohnt also in Kennesaw, vermutlich weil er dort am besten beschützt wird.

Ist ja auch nett in der amerikanischen Kleinstadt bei Atlanta: 32.000 Einwohner, eine adrette weisse Holzkirche aus der Kolonialzeit, ein idyllisches Geschichtsmuseum, die typischen Shopping Malls. Und Gott hat die Stadt (mit Hilfe des Stadtrats) mit einem einzigartigen Gesetz ausgestattet: Jeder Haushalt muss mindestens eine funktionierende Waffe besitzen, plus passender Munition. Ja, das gilt auch für Haushalte mit kleinen Kindern. »In Kennesaw, it's the Law« reimt das Motto der Stadt, so steht es auf den Aufklebern im Bürgerkriegsladen. Seit 35 Jahren.

Natürlich gibt es in ganz Amerika Waffennarren. Nirgendwo in der westlichen Welt besitzen Menschen mehr Waffen. Man kann sich hier sogar per Shopping-Kanal im Fernsehen Gewehre ins Haus bestellen. Die Amis verteidigen ihr Recht, Waffen zu tragen, mit dem Hinweis darauf, dass das Recht auf Selbstverteidigung in der Verfassung verankert ist. Je mehr Waffen, desto mehr Sicherheit, lautet das Mantra der Waffen-Lobby. Da kann man noch so sehr mit Tatsachen argumentieren, etwa mit den 33.000 Waffentoten pro Jahr in Amerika, die eindeutig beweisen, dass mehr Waffen zu mehr Toten führen. In Amerika ist mein Risiko, erschossen zu werden, nicht doppelt, dreimal oder fünf Mal so groß wie in Deutschland, nein: die Gefahr ist fünfzehn Mal höher.

Es ist unglaublich, dass es in weiten Teilen Amerikas einfacher ist, sich eine AK 47 zu besorgen als ein anständiges Vollkornbrot. Man braucht in Georgia ohnehin keine Genehmigung, um sich eine Waffe zu kaufen, auch nicht, um mit einer Pistole offen am Holster ins Cafe zu spazieren. Selbst Achtjährige trifft man in Georgia schon am Schießstand. Und in den örtlichen Waffenläden kann man selbstverständlich auch Maschinengewehre erstehen. Ohne Lizenz.

Aber wieso dann aus dem Recht, Waffen zu tragen, auch noch eine Pflicht machen? Vor gut 35 Jahren ärgerten sich die Bürger von Kennesaw so sehr über die positiven Schlagzeilen über eine andere Kleinstadt, daß sie beschlossen, sich das nicht bieten zu lassen: Die Bürger von Morton Grove in Illinois hatten ein Gesetz verabschiedet, Schusswaffen im ganzen Stadtgebiet zu verbieten. Das Thema beherrschte die Titelseiten. Wo kämen wir da hin, wenn das Schule macht? Deshalb beschloss der Stadtrat von Kennesaw, mit gutem Gegenbeispiel voranzugehen und Waffenbesitz per Verordnung zur Pflicht zu machen.

Wer wirklich partout keine Waffe im Haus haben will, kann sich auf religiöse Gründe berufen, eine Geisteskrankheit geltend machen oder sich ein eindrucksvolles Vorstrafenregister zulegen. Dann wird er von der Pflicht befreit.

Aber die meisten stehen enthusiastisch hinter dem Beschluss. Manche haben sich zusätzlich zu den echten Pistolen noch künstliche auf die Hüften tätowieren lassen, wie der Fotograf Nicolas Levesque herausgefunden hat, der  in Kennesaw eine recht gruselige Fotoreportage aufgenommen hat. Dent Myers, der Besitzer des Bürgerkrieg-Souvenirladens im Ort, sieht mit seinen langen Haaren, dem grauen Bart und der Bandana um den Kopf zwar eher wie ein friedliebender Hippie aus, aber seine Totenkopfringe, seine 35-Kaliber Magnum und die Kriegsdevotionalien in seinem vollgestopften Laden sind alle Teil der »Selbstverteidigungs-Kultur«.

Die Einwohner behaupten hartnäckig, die Verbrechens-Rate sei seit dem Beschluss um 89 Prozent gesunken. So verbreitet es zum Beispiel Robert Jones, der Präsident von Kennesaws Historical Society, der das Gesetz »für eine der besten Entscheidungen hält, die die Stadt je getroffen hat«. Tatsächlich aber gibt es dazu gar keine harten Zahlen. Und die Anzahl der Morde lag schon 1981, im Jahr vor der Einführung des Gesetzes, bei Null. Sie kann also nicht wirklich drastisch gesunken sein, es sei denn, Kennesaws Schiessübungen können Tote wieder zum Leben erwecken.

Selbst als 2014 ein 19 Jahre alter Amokläufer im Fedex-Laden von Kennesaw sechs Menschen verletzte, wurde über das Gesetz nicht einmal diskutiert. (Es waren nicht die bewaffneten Bürger, die den Amokläufer stoppten, sondern er erschoss sich selbst.)

Insofern ist es nicht falsch zu sagen: In Kennesaw hat wirklich jeder einen Schuss.

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Michaela Haas

, deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloss in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.