Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

Wild Wild West: Amerikakolumne 06. April 2016

Gebrauchsanweisung für Schwulenhasser

Von Michaela Haas  Foto: AP

In mehreren US-Bundesstaaten wird die Diskriminierung von Homosexuellen nun gesetzlich erlaubt. Besonders zynisch sind schon die Namen der neuen Gesetze.

Demonstranten protestieren vor dem Amtssitz von Phil Bryant, Gouverneur von Mississippi, gegen die Diskriminierung von Homosexuellen.
Anzeige
In unserer losen Reihe »So diskriminieren Sie richtig, effektiv und ganz legal« möchte ich Ihnen heute 200 neue Ideen aus Amerika vorstellen. Warum 200? Weil das die Zahl der Anträge ist, die allein in dieser Legislaturperiode zur »Anti-Diskriminierung« von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in amerikanischen Parlamenten eingebracht wurde.

So hat Phil Bryant, der Gouverneur von Mississippi, gerade das »Gesetz zur religiösen Freiheit« unterschrieben. Es tritt am 1. Juli in Kraft. Es war auch bisher in Mississippi schon legal, Homosexuelle zu diskriminieren, aber mit dem neuen Gesetz wolle er sicherstellen, sagt Bryant, dass Geschäftsleute, die Homosexuelle abweisen, nicht belangt werden, dass also »religiöse Freiheit und moralische Überzeugungen vor den diskriminierenden Aktionen der Regierung geschützt werden.«

Diese Gesetzesänderungen sind nötig, weil, so versichern christliche Kommentatoren, das Sakrament der Ehe in Amerika bedroht ist. Während Deutschland noch über die Legalisierung der Schwulen-Ehe debattiert, hat das höchste Gericht in Amerika dazu 2015 das Ja-Wort gesprochen. In Amerika können nun Frauen Frauen heiraten, Männer mit Männern vor den Standesbeamten treten, und die erfolgreichste Popsängerin der Welt, Taylor Swift, hat gerade bei den GLAAD Awards in Hollywood gesungen, also den Schwulen-Oscar vergoldet. Sogar Waylon Smithers von den Simpsons hat Mr. Burns gerade seine Liebe gestanden. Kein Wunder, dass für Schwulenhasser der Weltuntergang naht und sie mit allem, was das Gesetz hergibt, das Land vor dem drohenden Sittenverfall retten möchten.
Anzeige

Amerika bringt es fertig, gleichzeitig ein besonders liberales und extrem bigottes Land zu sein. Weil die Mehrheit der Bevölkerung in vielen westlichen Staaten (in Amerika inzwischen 68%) die Homo-Ehe gut findet, sind progressive Schwulenhasser gezwungen, die Brachial-Diskriminierung unterentwickelten Staaten in Afrika zu überlassen (Siehe etwa Sierra Leone: lebenslänglich, Sudan: Todesstrafe, Togo: Gefängnis oder Bußgeld). In Amerika geht es um die subtilere, feinsinnigere Art der Diskriminierung, wie sie in sogenannten Demokratien praktiziert wird. Sozusagen White-Collar-Diskriminierung, bei der sich keiner die Hände schmutzig macht, sondern alle nur den Mund.

Regel Nummer 1: Bringen Sie einen Gesetzesvorschlag zur Anti-Diskriminierung ein!

Ein gewiefter Schachzug! Wer diskriminieren möchte, bemüht sich als erstes um eine Gesetzesänderung, die Diskriminierung legalisiert. Um Zweifel an unlauteren Absichten sofort auszuräumen, nennen Sie es »Anti-Diskriminierungsgesetz«. North Carolina hat gerade vorgemacht, wie das geht: Eben trat ein neues Anti-Diskriminierungsgesetz in Kraft, das Homo- und Transsexuelle vom Diskriminierungsschutz ausnimmt. Konkret heisst das: Ein Wirt kann entscheiden, dass er einem Schwulen kein Bier einschenkt, eine Bäckerin, dass sie für eine Lesben-Hochzeit keine Torte backt und ein Hotelbesitzer, dass er seine Zimmer keinem gleichgeschlechtlichen Paar vermietet. Eine transsexuelle Frau wird gezwungen, die Männertoilette aufzusuchen, weil in ihrer Geburtsurkunde nun einmal männlich eingetragen ist, und was Gott einmal so geschaffen hat, kann ein Mensch nicht einfach ändern. Das sind nur einige Beispiele von vielen, die zeigen, dass Wirte, Bäcker und Hoteliers nicht länger diskriminiert werden dürfen, wenn sie ihrem Herzen folgen.

Auch schön: Der Name »Free Exercise Protection Act« für das Gesetz in Georgia, das Standesbeamten die Freiheit garantiert, dass sie sich weigern dürfen, homosexuelle Paare zu trauen.

2. Verlieren Sie keine Zeit!

Wichtig: Die Zeit drängt. Gehen Sie hastig vor. Berufen Sie eine Sonderkonferenz ein, bevor die Proteste Fahrt aufnehmen. Lassen Sie sich nicht auf Diskussionen ein. In North Carolina fand man die Notlage so dringend, dass extra das Parlament aus den Ferien zurückgeholt wurde, um in Windeseile das Gesetz zu verabschieden. Zack zack, Gouverneur Pat McCrory unterzeichnete es innerhalb von 12 Stunden. Mag es sonst auch Monate oder Jahre dauern, bis ein neues Brückenbau-Projekt oder eine Initiative für Obdachlose unterschriftsreif ist, kann man einen Floristen, der vielleicht schon heute mit der Entscheidung konfrontiert ist, ob er einem schwulen Paar einen Brautstrauß verkauft, nicht so lange im Ungewissen lassen.

Die gute Nachricht: In vielen Staaten muss das Gesetz gar nicht geändert werden. In 29 amerikanischen Bundesstaaten ist es schon jetzt legal, Schwule allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung das Leben schwer zu machen, sie zu benachteiligen oder zu feuern. Das gilt übrigens auch für minderjährige Homosexuelle in der Schule. Sie müssen diese Menschen also nur outen, der Rest ergibt sich von allein.

3. Wenn sich Protest regt....

Wie immer, wenn man Fortschritte macht, wird sich Widerspruch regen, in diesem Fall massiv: Mehr als hundert große Firmen protestierten gegen die geplanten Gesetzesänderungen in Mississippi, Georgia, North Carolina, Indiana, Arkansas und Missouri. Apple, Facebook, Paypal, Walmart, Bank of America, Google, American Airlines, die National Basketball Association,.... Die Liste der namhaften Firmen, die offen erwägen, Großprojekte in andere Staaten zu verlegen ist lang. Ann Hathaway, Disney und halb Hollywood drohten damit, nie wieder in Georgia zu drehen, wenn der Gouverneur den »Free Exercise Protection Act« unterzeichnet. (Der ist dann auch davor zurück geschreckt.)

Forbes zufolge hat Indiana wegen des geplanten Anti-Diskriminierungs-Gesetzes 60 Millionen Dollar Einnahmen verloren (obwohl es letztendlich nicht in Kraft trat). Hunderte demonstrierten vor dem Haus des Gouverneurs von North Carolina. Der CEO von Paypal gab bekannt, er werde wegen des Gesetzes nun doch nicht die geplante Zentrale in Charlotte mit 400 Arbeitsplätzen bauen. Und sogar die amerikanische Bundesregierung erforscht derzeit, wie viele Milliarden Fördergelder sie wegen des Anti-Diskriminierungsgesetzes aus North Carolina abziehen kann.

Sehen Sie den kollektiven Aufschrei aber nicht etwa als Indiz dafür an, dass Sie daneben liegen, sondern als Beweis, dass Sie Recht haben und das eigentliche Opfer sind.

4. Drehen Sie den Spieß um!

Statt offen auf Minderheiten loszugehen, erklären Sie sich selbst zu einer verfolgten Minderheit. (Ja, das funktioniert auch, wenn Sie männlich, weiß, Millionär und Teil der Regierung sind.)

Knicken Sie nicht wie der Gouverneur von Georgia ein, nur weil einige Hollywood-Stars schlecht gelaunt sind. Vorbild: Wieder North Carolina und Mississippi, die sich dem Druck nicht beugten. Würgen Sie wie Gouverneur Pat McCrory Kritik mit dem Hinweis ab, sie seien Opfer einer »hinterhältigen, nationalen Schmutzkampagne.« Wenn Sie darauf angesprochen werden, warum Sie denn den bestehenden Diskriminierungsschutz aufweichen möchten, lügen Sie einfach und sagen, das sei gar nicht so. Gehen Sie zum Gegenangriff über, erklären Sie, ihre Kritiker »kennen die Fakten nicht«. Lassen Sie Ihren Sprecher ausrichten, die Kampagne gegen Sie und Ihr schönes neues Gesetz sei »totale Heuchelei und Demagogie«.

Die „Allianz zur Verteidigung der Freiheit" lobte den Gouverneur von Mississippi dafür, dass er »Schulen, Kirchen und Geschäftsleute beschützt, damit sie vom Staat nicht diskriminiert werden. Schliesslich ist man nicht frei, wenn man seinen Glauben nur in Gedanken leben darf. Was Amerika einzigartig macht, ist unsere Freiheit, diese Überzeugungen friedlich auszuleben, und die Verfassung schützt diese Freiheit.« Übersetzt heisst das: Nehmen Sie sich die Freiheit, Schwule nicht nur im Geiste, sondern auch in Taten zu diskriminieren.

5. Berufen Sie sich auf die Verfassung/die Bibel/Gott!

Tun Sie so, als müsse das gesamte Christentum/die westliche Zivilisation/die Menschheit gerettet werden. Lernen Sie die Bibelverse auswendig, die Ihre Position unterstützen und verschweigen sie andere Passagen, die nicht zu Ihrer Meinung passen. Die meisten Menschen kennen die Bibel nicht gut genug, um Ihnen mit anderen Versen zur Toleranz oder zur Nächstenliebe entgegenzutreten. Wenn Sie doch einmal auf einen belesenen Christenbruder treffen, legen Sie Ihre Hand auf Ihr Herz und beteuern Sie, dass sie nur tun, was Ihnen Gott befohlen hat.

Bonus-Rat: Die beschriebene Gebrauchsanweisung funktioniert auch bei Schwarzen/Flüchtlingen/Behinderten. Beachten Sie die geltenden Gesetze, und wenn nötig, setzen Sie sich darüber hinweg oder machen neue. Oder Sie ziehen einfach in den Bibelgürtel, am besten nach North Carolina. Dort ist die Landschaft übrigens wunderschön.

Zu Nebenwirkungen und Risiken befragen Sie bitte Ihren Anwalt und Ihr Gewissen.
Michaela Haas

Michaela Haas, deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloss in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.