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aus Heft 14/2016 Tiere/Pflanzen

Der leise Tod

Von Roland Schulz 

Als ein toter Wal an der Küste Spaniens strandet, will der Ozeanologe Renaud de Stephanis ihn untersuchen. Doch der Kadaver ist plötzlich verschwunden. Die Suche nach dem Tier und der Todesursache gerät zu einem Krimi - mit traurigem Ende.


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Am Ende ging er Gänge entlang, gesäumt von toten Tieren - getrocknete Schildkröten, ausgestopfte Affen, in Schnaps eingelegte Schlangen, als Pelz archivierte Wölfe, akkurat auf Kleiderbügeln aufgehängt. Er hatte kein Auge für sie. Er suchte die Reste seines Wals.

Renaud de Stephanis ist Ozeanologe. Er arbeitete lange als Spezialist für Meeressäuger an der Forschungsstation des Nationalparks Doñana im Süden Spaniens, die in ihren Kellern ein einzigartiges Archiv des Lebens aufbewahrt, in dem alles tot ist - die biologische Sammlung. Hier zeigte Stephanis dem Reporter des SZ-Magazins Kisten voller Knochen, jeder übermannsgroß. »Seine Rippen«, sagte er. Es war alles, was von seinem Wal geblieben war.

Wale entziehen sich schnellem Begreifen. Die Welt des Wassers, in der sie leben, verbirgt sie vor Beobachtung, und ihre Kräfte vereiteln Versuche, sie zu verfolgen: Sie dringen in Tiefen vor, in deren Finsternis die Fische blind sind und das Blut von Tauchern zu brodeln beginnt. Zum Licht kehren sie nur kurz zurück, um Luft zu holen. Wale sind fremdartige Wesen, die Faszination des Menschen für sie ist alt. Zeugnisse reichen bis zur Bibel zurück; der Wal ist das einzige Tier, das wörtlich in der Schöpfungsgeschichte genannt wurde. Gerade die großen Walarten wurden Legende: Einem Walfisch kettete man die schöne Andromeda als Opfer an eine Klippe, ein Walfisch verschlang den Propheten Jona, ein Wal riss Ahab in den Abgrund.

Lange war der einzige Weg, etwas über Wale zu lernen, sie zu töten. Auf den ältesten aller Wale, den Pottwal, hatte es der Mensch besonders abgesehen. Sein Tran spendete Licht, sein Walrat schmierte Maschinen. Als die Wissenschaft anfing, im Pottfisch nicht nur ein Schlachttier zu sehen, war die Art fast ausgerottet. Bis heute ist das Wissen über diese Wale spärlich: Wie sie sich verständigen, wie komplex die soziale Struktur einer Walschule ist, haben Forscher erst angefangen zu begreifen. Ein Mittel der Erforschung ist dabei der tote Wal geblieben - wann immer Wale an Land gespült werden und verenden, versuchen Meereswissenschaftler, ihre Kadaver zu untersuchen.

Renaud de Stephanis hatte Jahre darauf gewartet, dass ein Pottwal an den Küsten Spaniens strandete. Er hoffte, den Kadaver sezieren zu können, wie ein Mordopfer in der Gerichtsmedizin - und so Leben und Sterben des Tieres zu entschlüsseln.

Als es aber im März 2012 soweit war, entspann sich eine aufreibende Jagd: Die Behörden wünschten den Wal schnell zu entsorgen, Stephanis hetzte dem Kadaver hinterher, bis er ihn nach Tagen auf einer Müllkippe entdeckte - und entsetzt feststellte, was dem Wal tatsächlich den Tod gebracht hatte.

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