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Gesellschaft/Leben 13. April 2016

Ein Mann löst sich auf

Text: Anonym  Fotos: Yves Suter

In der Abi-Zeitschrift wurde unser Autor noch als »dicker Clown« bezeichnet. Dann verlor er so viel Gewicht, dass er fast gestorben wäre. Für uns beschreibt er seinen zehnjährigen Kampf mit der Magersucht - als einer der wenigen Männer, die an dieser Krankheit leiden. 

Der Autor dieses Textes ist Journalist in Süddeutschland und zieht es vor, anonym zu bleiben.
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Der Hunger ist im Leben mit der Magersucht nicht unbedingt unerfreulich. Klar, er macht einem zu schaffen – ebenso wie Müdigkeit, Fahrigkeit, eine miserable Verdauung, schlechte Laune, schlaflose Nächte, weil die Gedanken ums Essen und Nichtessen nicht aufhören wollen zu kreisen. Aber fragen Sie einen bekennenden Magersüchtigen, und er wird Ihnen auch sagen: »Hungern wirkt stärker als jede legale oder illegale Droge.« Stellen Sie sich das Gefühl vor, etwas mit letzter Kraft erreicht zu haben, und multiplizieren Sie es mit 100. Ich weiß nicht, wie oft ich abends mit dem Gedanken einschlief, mich morgen endlich zusammenzureißen, einfach zu essen und mich statt wie ein Suppenkasper wie ein erwachsener Mann zu verhalten. Aber vor dem Aufstehen kommen meine Ausflüchte. Heute ist wieder so viel Stress, da komme ich bestimmt kaum dazu, etwas zu essen, und es ist ja auch so heiß draußen, da hat man gar keinen Hunger.

Magersüchtig. Dafür habe ich das falsche Geschlecht und bin mit 30 auch schon zu alt, oder? Je nach Studie leiden zwischen 0,3 und einem Prozent der Deutschen an Magersucht, etwa jeder Neunte davon soll ein Mann sein. Ich bin eine Randfigur innerhalb einer Randgruppe. Mal ehrlich: Man hätte Benjamin von Stuckrad-Barre vor Veröffentlichung seiner Autobiographie Panikherz wohl viel zugetraut, aber eine Essstörung gehörte bestimmt eher nicht dazu. Als selbst Essgestörter hatte ich so meinen Verdacht; man achtet auf gewisse Muster stärker als Normalesser, allzu dunkle Augenringe oder eingefallene Wangen – da dachte ich nicht nur an ein Drogenproblem. Ich finde es schade – und das auch, weil ich mich in meiner vermeintlichen Einzigartigkeit verletzt fühle –, dass Stuckrad-Barre meinen Eindruck bestätigte.

Nun möchte ich nicht verhehlen, dass es auch seine Vorteile hat, männlicher Magersüchtiger zu sein. Heute kennen die meisten Menschen aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreis eine junge Frau, die in Berührung mit der Magersucht kam. Kommen sie allzu dünn zur Schule, in die Universität oder zur Arbeit, besteht zumindest ein gewisser Verdacht. Als Mann hat man es leichter. Im Zweifel hat man eben schon gegessen, gerade kein Geld dabei, irgendetwas am Magen oder findet als Vegetarier mal wieder nichts auf der Speisekarte. Das können auch Frauen sagen, aber als Mann glaubt einem das fast jeder, egal wie dünn man ist. Man sei ein ziemlich schlanker Typ, heißt es dann. Ein toller Verwerter, wie beneidenswert. Auf diese Steilvorlage kann man nur mit dem kümmerlichen Rest an Energie, die einem die Magersucht lässt, eifrig mit dem Kopf nicken. »Ja, genau das ist es, war schon immer so, ich weiß auch nicht, woran es liegt.« Das ist gelogen, ich war nicht schon immer schlank, im Gegenteil.

Ich war mal dick. Nein, ich war fett. Und das meine ich nicht im magersüchtigen Sprachgebrauch. Viele Magersüchtige empfinden sich ja als übergewichtig, wenn sich ihre Oberarme nicht mehr mit Daumen und Zeigefinger umschließen lassen und der Po nicht mehr beim Sitzen selbst auf bestens gepolsterten Stühlen schmerzt. Körpertherapeuten sprechen da von einer Körperschemastörung. Die ist mir zum Glück immer erspart geblieben. Ich weiß ganz genau, dass ich zu dünn bin, ich sehe mich im Spiegel heute auch nicht als Fettkloß an. Aber mit Anfang 20 wog ich 120 Kilo, zuweilen auch mehr, bei einer Größe von 1,82 Metern. Heute bin ich dünn. Schwanke so irgendwo um die 50 Kilogramm – wiegen will ich mich nicht mehr, weil ich diesen Druck und die Angst vermeiden möchte, denn unzufrieden wäre ich ob des Ergebnisses eh. Wenn mich doch einmal jemand auf mein Gewicht anspricht, sage ich: »Ich habe schon einmal mehr als das Doppelte als heute gewogen, aber auch schon fast die Hälfte.« Ein Brüller auf den Partys, die ich nicht besuche. Der Vorteil: Die meisten nehmen das als Witz so hin. Dass es die Wahrheit ist, kann sich niemand vorstellen.

Zum Übergewicht vor knapp zehn Jahren war es nicht von heute auf morgen gekommen. Es war der Klassiker: Scheidung der Eltern zu Beginn der Pubertät. Ich trauerte still vor mich hin. Und ich aß. Und aß. Und aß. Meine Verwandten ließen es zu, beim Familientreffen am Wochenende gab es immer das extra Stück Kuchen. Auch meine Mutter schritt nie klar und deutlich ein, machte keine Ansage, sprach mich nie auf mein immer deutlicher sichtbares Übergewicht an. Das habe ich ihr lange zum Vorwurf gemacht. Klar, man sucht nach Schuldigen. Wahrscheinlich war sie schlicht zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Neue Beziehung, Berufswechsel. Ich verzeihe ihr heute diesen Fehler, vergessen werde ich ihn ihr nie können. Und ich habe es ihr weiß Gott heimgezahlt. Nicht nur ihr. Ich kann nicht an beiden Händen abzählen, wie vielen Menschen ich mittlerweile Kummer und Verzweiflung beschert habe. Ich kann auch nicht sagen, dass ich das ungeschehen machen wollte. So sehr ich mich auch bei diesem Gedanken schäme: Meine Magersucht war und ist auch eine stille Form der Rache an allen, denen ich am Herzen liege. Dafür, verlassen worden zu sein, vermeintlich nicht genug Liebe abbekommen zu haben. Der eigene Körper als letzte Bastion der Macht gegenüber anderen. Dass ich damit vor allem und am härtesten mich selbst bestraft habe (und immer noch bestrafe), nehme ich in Kauf.
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Mir war es immer wichtig, gemocht zu werden. Bis heute reagiere ich übersensibel, wenn ich das Gefühl habe, mein Gegenüber könnte etwas gegen mich haben. Seien es Arbeitskollegen oder der Chef, Bekannte oder Freunde. Als dicker Jugendlicher entwickelte ich Strategien, beliebt zu werden, im Bewusstsein, mit meinem Aussehen nicht punkten zu können. Ich konnte einigermaßen witzig sein, ich hörte mir ausdauernd die Sorgen meiner Freunde an und ich war verdammt hilfsbereit. Wenn man mich nachts anrief, sprang ich auf den Motorroller und später ins Auto und holte die feiernden Freunde aus der Disko ab. Auf der zwanghaften Suche nach Zuneigung geht jeglicher Respekt vor den eigenen Bedürfnissen verloren. Klar störte es mich, dass meine Mitschüler mich in der Abschlusszeitung als »kugelrunden Teddybär« und »dicken, lustigen Clown« bezeichneten. Und dass ich keine Freundin fand. Wenn ich ein Mädchen anziehend fand, schwitzte ich nicht nur wegen des Übergewichts, sondern auch aus Verzweiflung und Angst. Aber ich aß einfach zu gern.

Als mir dann ständig auf meinen opulenten Männerbusen gestarrt wurde, war selbst mir klar: So kann es nicht weiter gehen. Das Studium, die beste Zeit des Lebens, hatte begonnen, ich machte weiter keinen Stich bei Frauen. Und dann lernte ich jemanden kennen. Auch sie trug einige Kilos zu viel mit sich herum und wollte abnehmen. Sie wählte die Weight Watchers, damals war noch keine Rede von Fitness-Apps. Mir erschien das sinnvoll, ich schloss mich an. So weit, so harmlos. Doppeltes blaues W statt goldenem M. Meine Freundin hörte so schnell wieder damit auf, wie sie nicht mehr meine Freundin war. Ich war da bereits im Rausch. Schnell reichten mir nicht mehr einige Hundert Gramm weniger auf der Waage in der Woche. Es konnte, sollte, musste doch immer noch etwas mehr sein. Jedes Kompliment fühlte sich an wie eine Neugeburt. Jedes »Du hast ganz schön abgenommen, sieht super aus« wirkte wie ein Verstärker meiner inneren Stimme, die mich immer weiter antrieb. Nie hätte ich geglaubt, dass ein paar Light-Produkte hier, ein bisschen Sport da einen solchen Effekt auf mein kümmerliches Ego haben könnten.

Ich nahm ab. Aber nicht die drei bis viereinhalb Kilo binnen einem bis zwei Jahren, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung dem Programm der Weight Watchers attestiert. Auch nicht zehn oder zwanzig. Nach eineinhalb Jahren hatte ich mein Gewicht halbiert. Statt 120 Kilogramm plus X knapp 65. Komplimente bekam ich da nicht mehr. Ich war süchtig. Nach immer weniger Kilos. Nach immer mehr Sport. Nach einem halben Jahr Studienaufenthalt in Kanada – wie hatte ich das für Studenten kostenlose Fitnessstudio dort genossen! – war ich in Deutschland kaum aus dem Flugzeug gestiegen, als ich die Laufschuhe an den Füßen hatte und zwei Stunden durch die Sommerhitze rannte. Bevor ich den Rest meines Kofferinhaltes überhaupt anrührte. Das allmorgendliche Laufpensum – 15 bis 20 Kilometer mindestens – musste zu diesem Zeitraum längst erfüllt werden, egal ob 35 Grad im Schatten oder Schneesturm. Muskelfaserriss? Wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich, und verschleppte ihn. Mit der Folge eines Kompartmentsyndroms, vereinfacht gesagt eines Blutergusses innerhalb des Muskels. Mich kostete es beinahe das rechte Bein, ich verdanke ihm zwei 30 Zentimeter lange Narben auf beiden Seiten des Unterschenkels und – dank geschädigter Nerven – ein dauerhaftes Taubheitsgefühl. So eine Magersucht lässt einen die Zeichen des Körpers herzlich ignorieren. Ich jedenfalls wurde zu ihrem blinden Erfüllungsgehilfen.

In meinem Kühlschrank herrschte weiter kaum Platz. Aber nicht mehr wegen Pudding, Sahne oder Kuchen. Sondern wegen Gemüse. Beim Besuch des guten Italieners um die Ecke bestellte ich Cola light – ausnahmsweise, sonst stilles Wasser. Natürlich hatte ich Lust auf Genuss. Aber solange ich nicht detailliert einschätzen konnte, wie ein Restaurant kocht, kam das kaum infrage – bis heute nicht, das wäre für mich die Königsdisziplin. Wenn andere sich auf Feste freuen, überlege ich wochenlang, wie sie für mich zu leisten sein sollen, weil ich mit einem Übermaß an Essen nicht umgehen kann. Solange ich alles selbst steuere, komme ich irgendwie klar. Die Magersucht hat mich zum Kontrollfreak werden lassen. Irgendwann erwischst du dich dabei, wie du zum ersten Mal Essen aufs Gramm genau abwiegst, dann zählst du Kalorien. Kaufst erst nur noch Magermilchprodukte und isst irgendwann gar keinen Joghurt mehr. Man kennt die Redewendung, für schlechte Zeiten vorzusorgen. Als Magersüchtiger habe ich für reichhaltigere Zeiten vorgehungert und während meiner schlimmsten Phasen Früchte- durch Kräutertee ersetzt, weil der eine Kalorie weniger hat.

Einkaufen wird irgendwann zum Schrecken. Erst weil man diese scheinbar unauffälligen Zeilen namens »Nährwerte« auswendig lernen muss. Nach einigen Jahren kannte ich die, irrte aber stundenlang mit knurrendem Magen im Supermarkt umher, um schließlich ein Kilo Kaffeepulver und einen Familienjahresvorrat Kaugummis – ich brauche nicht darauf hinweisen, ob Zucker enthalten sein darf, oder? – zu kaufen.

Mein gesamtes Wesen veränderte sich durch die Krankheit. Ich wurde ernster, verbissener. Der dicke Clown war gestorben. Ich legte nicht nur jede Tomate auf die Goldwaage, sondern auch jedes Wort. Ich war übersensibel, bin es bis heute. Widerworte waren keine Basis mehr für Diskussionen oder gar Späße, sie griffen mich jedes Mal persönlich an. Und es zählte nur noch eines: Immer noch schlanker zu werden, diesem Ziel musste ich alles unterordnen. In erster Linie die Freude am Leben. Freunde und Familie erkannten mich nicht wieder. Buchstäblich. Als ich mich nach sehr langer Zeit wieder mit meinem Vater traf, ganz unverfänglich an einem öffentlichen Ort, jagte er mich weg mit den Worten: »Was wollen Sie? Ich warte auf meinen Sohn!« Schockierte mich das? Ja. Ließ es mich umdenken? Nein. Im Gegenteil, ich war stolz, dachte mir: Seht her, ihr Schluffis, die ihr nicht diszipliniert genug seid, wie weit man es bringen kann.

Mit dem Eingeständnis, dass etwas nicht mit mir stimme, war das erst einmal so eine Sache. Die ersten Freunde äußerten ihre Sorgen, aber ich nahm das nicht ernst. Dachte wie die meisten Menschen: Ich zu einem Psychologen? Ich bin doch nicht verrückt! Stattdessen igelte ich mich immer mehr in einer Welt aus Heimlichkeiten ein, aß erst nicht mehr mit Familie und Freunden und traf mich dann auch immer weniger mit ihnen. Natürlich war mir irgendwann bewusst, dass mir mein Leben entgleitet. Aber es fehlte mir eine Person, mit der ich darüber sprechen konnte. Stuckrad-Barre beschreibt in Panikherz auch, wie er durch seine Essstörung immer asozialer und menschenscheuer wurde. Er übertreibt nicht. Mit keinem Wort.

Das Ende des Studiums ließ mich endgültig stürzen. Ich fühlte mich leer und ohne Zukunft. Während mein Umfeld zwischen Familien- und Karriereplanung entschied, wählte ich zwischen Magerjoghurt und Knäckebrot. Hals über Kopf nahm ich schließlich eine Arbeitsstelle in einer fremden Stadt an, im Glauben, ich bräuchte weder die Familie noch die Freunde um mich. Die waren ja eh nie für mich da, dachte ich. Ich wurde der einsamste Mensch der Welt. Ich machte eine Arbeit, die mir keinerlei Freude machte, mit Kollegen, die mich schnitten. Wirklich verübeln konnte ich ihnen das nicht. Dass ich seltsam gewesen wäre zu jener Zeit, wäre schamlos untertrieben. Irgendwann sah auch ich ein: Du brauchst Hilfe.

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