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Fotografie 21. April 2016

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele

Interview: Florian Zinnecker  Fotos: Michael Wesely

Der Fotograf Michael Wesely macht ungewöhnliche Klassenfotos. Er porträtiert jeden einzelnen Schüler und legt die Einzelbilder übereinander. Das Ergebnis sagt mehr über die Schulklassen als die Schüler glauben.



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SZ-Magazin: Herr Wesely, als wir Ihre Fotos aus dem Bayreuther Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium in der Redaktion betrachtet haben, fanden wir sie zuerst unglaublich interessant – und dann auch ein bisschen gruselig. Denn sie zeigen ja, wie schnell einzelne Menschen bis zur Unkenntlichkeit in einer Gruppe verschwinden können. Finden Sie das nicht auch gruselig?

Michael Wesely: Nein, gar nicht. Ich finde es eher hilfreich, eine Gruppe auch mal aus diesem Blickwinkel zu betrachten.

Warum?
Eine Schulklasse ist eine Einheit, die meist über viele Jahre zusammengewachsen ist, und dadurch eine Art Gruppen-Individualismus herausgebildet hat. Am besten können das die Lehrer verstehen, die in jeder Klasse Eigenschaften entdecken, ähnlich wie bei einzelnen Menschen.
Es gibt ja manchmal Momente, in denen sich Menschen als Einheit fühlen wollen. Zum Beispiel bei einer Fußball-WM. Auf viel niedrigerem Niveau bestehen diese Einheiten aber ständig, meist bemerken wir sie gar nicht. Im Büro, in der Schule, in der U-Bahn. Jeder ist ständig Teil einer Gruppe, ob er will oder nicht.  Jede Gruppe – das weiß jeder, der über längere Zeit mit den gleichen Leuten zusammen war – hat eine eigene Identität. Und ein Gesicht.

Sie sind nicht der erste, der die Idee hatte, Gruppen auf diese Art abzubilden, oder?
Die Art von Arbeit ist schon so alt wie die Fotografie. Es gibt ethnologische Studien aus Zeiten, in denen man glaubte, man könnte Menschen anhand ihres Aussehens einer Stammes- oder Berufsgruppe zuordnen. Etwa eine Untersuchung aus dem Jahr 1870 mit Postkutschenfahrern aus Boston, 20 übereinandergelegt, alle mit Schnauzbart. Aber in diesem Sinne hat mich das nie interessiert – wenn ich heute Warenhausverkäufer auf diese Art fotografiere, treffe ich ja höchstens eine Aussage über den Geschmack des Personalchefs, der sie eingestellt hat.

Was sagen die Bilder über die Schule aus, die Sie porträtiert haben?
 Das Markgräfin Wilhelmine Gymnasium ist ein musisches Gymnasium, zwei Drittel Mädchen, ein Drittel Jungen, mit geringem Migrationsanteil. Durch die Mehrzahl der Mädchen wirken die Bilder insgesamt eher weiblich. Tatsächlich erkennbar ist aber niemand – nur deshalb dürfen wir die Bilder ja überhaupt zeigen.

Wie haben die Schüler reagiert, als sie die Bilder gesehen haben?
Beim Fotografieren waren alle begeistert. Später kam die Ernüchterung: ›Wo bin denn jetzt ich?‹ ›Bin ich gar nicht zu sehen, bin ich überhaupt dabei?‹ Als Außenstehende sehen wir auf den Bildern nur ein System, das uns nicht begreiflich ist. Aber jeder der Abgebildeten fängt sofort an, sich dazu in Bezug zu setzen: ›Sehe ich so anders aus als die anderen?‹ ›Wenn ich nicht zu sehen bin, wer ist zu sehen? Ach, die, ach der.‹

In einem so sensiblen Gefüge wie einer Schulklasse, in der es Außenseiter gibt und Stars, können solche Fragen ein kleines Erdbeben auslösen.
Es geht bei dieser Arbeit auch sehr viel um Akzeptanz und Hinnehmen. Ich bin kein Fotograf, der entscheidet, wie die fertigen Fotos aussehen, ich nehme nur das, was ich vorfinde, und generiere daraus Bilder, die ich nicht weiter beeinflussen kann. Wenn die Klasse 10c so aussieht, wie sie aussieht, dann nicht, weil ich mir das so gewünscht habe, sondern weil die alle diesen Eindruck auf dem Bild hinterlassen. Ich bilde nur die Individualität ab, die die Gruppe ausprägt. Das machen ja nicht nur Schulklassen, das lässt sich leicht ausweiten: auf Städte, auf Regionen und natürlich auch auf Nationen. Auch die haben, wenn man so will, ein eigenes Gesicht.

Wo ziehen Sie da die Grenze zu Gedanken, die, wenn man sie zu Ende denkt, an der Grenze zum Rassismus entlangschrammen?

Rassismus ist ja sozusagen die schärfste Form der Abgrenzung – wenn Leute glauben, sie seien aufgrund ihrer Abstammung besser als andere. Das geht überhaupt nicht, da hört der Spaß auf. Aber da sind wir gleich wieder beim Thema ›Hinnehmen‹. Diese fotografische Arbeit zwingt dazu, bestimmte Umstände hinzunehmen, auch wenn sie anders sind als man sie vielleicht gern hätte. Das kann man lernen, und das kann man sozusagen an meiner Arbeit üben. Das ist eine Tugend, die man gar nicht überschätzen kann.

Wie machen Sie die Bilder eigentlich technisch?
Jeder Schüler wurde einzeln fotografiert. Die Bilder habe ich dann so ausgerichtet, dass die Augen auf gleicher Höhe liegen, und mit einer selbstgeschriebenen Software zusammengerechnet. 1990 habe ich so eine Arbeit schon einmal gemacht, damals natürlich noch analog, per Mehrfachbelichtung. Heute gibt es natürlich viel mehr Möglichkeiten, mit meiner Software können die Kinder zum Beispiel auf einem Laptop, der in der Schule kursiert, mit ein paar Klicks selbst Gruppen zusammenstellen: Ich und meine besten Freunde, die Schulband, die Redaktion der Schülerzeitung.

Glauben Sie, Ihr Kunstprojekt wird Schule machen und eines Tages das herkömmliche Klassenfoto ablösen?
Das wird nicht passieren. Dazu ist der Wunsch, sichtbar und erkennbar zu sein, dann doch zu groß.

Der Fotograf Michael Wesely ist seit den 90er-Jahren vor allem für seine extremen Langzeitbelichtungen bekannt. Seine Werke hängen im MoMa New York, der Staatsgemäldesammlung München und vielen Privatsammlungen. Er lebt in Berlin und Sao Paulo.


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Florian Zinnecker

wurde auf die Fotos vor allem deshalb aufmerksam, weil es seine alte Schule ist, an der das Projekt stattfand. Zu seiner Zeit gab es noch gewöhnliche Klassenfotos – von denen er hofft, dass niemand sie je zu Gesicht bekommt.

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