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Wild Wild West: Amerikakolumne 06. Mai 2016

Ein Tiger als Spielzeug

Von Michaela Haas 

In einigen US-Bundesstaaten ist es einfacher, an einen Tiger zu kommen als an ein Auto. Bis zu 20 000 Wildkatzen werden als Haustier, Partyattraktion oder Maskottchen gehalten. Und Prominente machen das Problem nur noch größer.

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Was ist das für ein gestreiftes Tier, das da gerade in den Büschen verschwand? Sagte Erin Poole zu ihrem Freund in Conroe, Texas. Jonathan Gessner hielt den Wagen an, rief »Ich werde es fangen!« und rannte todesmutig hinterher. Tatsächlich, ein Tiger, aber zum Glück ein freundlicher! »Ich ging auf den Tiger zu und er rannte direkt zu mir, küsste mich ins Gesicht und leckte mich ab«, erzählte er anschließend dem Lokalfernsehen. Der Tiger trug Halsband und Leine, und Gessner griff kurzentschlossen nach der Leine, bis die Polizei eintraf. Mit gut 45 Kilo wiegt das junge Tigerweibchen zwar nur etwas mehr als mein Hund, ist aber vermutlich nicht ganz so leicht Gassi zu führen.

Kaum hatten die Hundefänger den Tiger abgeholt und ins Tierheim verfrachtet, meldete sich der Besitzer, ein gewisser Cody Tibbits. Es müsse wohl, nuschelte der junge Texaner, wegen der jüngsten Unwetter »jemand eine Tür offen gelassen haben. Ich weiß es nicht.« Dann zeigte er ein Video von sich, in dem er beim Fernsehen die Beine hochlegt und das Tigerjunge - es heisst Nahla - brav wie ein Plüschtier auf dem Fusshocker neben ihm fernsieht.

Tibbits spricht so atemberaubend naiv, als sei er gerade aus einer »Hangover«-Szene entlaufen. In dem Film findet Zach Galifianakis bekanntlich einen Tiger in seinem Hotel-Badezimmer und kann sich nicht daran erinnern, dass er ihn in der Nacht zuvor aus Mike Tysons Privatzoo geklaut hat.

Dass in Texas Tiger in Kleinstädten spazieren gehen, ist abenteuerlich, aber das ist nicht einmal der irrsinnigste Aspekt dieser Geschichte. Das Erstaunlichste ist, dass bisher gar nicht klar ist, ob damit überhaupt ein Gesetz gebrochen wurde. Sich wilde Tiere als Haustiere zu halten, ist nämlich in Texas (und sieben anderen amerikanischen Bundesstaaten) legal. »Es ist einfacher, sich für 80 Dollar eine Lizenz für einen Tiger zu kaufen, als ein Auto«, sagt Tammy Thies, die Gründerin des Wildcat Sanctuary in Sandstone, Minnesota, über den Katzenjammer.

Thies rettet die Tiere, wenn sie den Besitzern über den Kopf wachsen. Sie schätzt, dass 10 000 bis 20 000 Wildkatzen in Amerika in privater Hand sind. Genau weiß es keiner, weil niemand zählt. »Gerade war wieder ein Berglöwen-Junges gratis in den Kleinanzeigen angeboten, Tigerbabys werden auf Supermarkt-Parkplätzen verkauft und auf Messen für exotische Wildkatzen.« In Massillon, Ohio, gibt es einen High-School-Football-Verein, der seit 44 Jahren für jede Saison wieder ein neues Tigerbaby als Maskottchen über das Sportfeld schleift und zur Erheiterung der Fans mit ihm auf Tournee geht.
 
Wenn dann, wie an diesem Wochenende, ein minderintelligentes Teenie-Idol wie Justin Bieber auf der Verlobungs-Party seines Vaters einen ausgewachsenen Tiger streichelt und damit auf Instagram prahlt, will der Bieber mit dem Tiger vermitteln: Ich bin ein cooles Party-Tier. Sagt aber in Wahrheit nur: Es ist mir schnurzegal, wie sehr dieses Tier leiden musste, damit es als Party-Dekoration herhalten kann. 

Der Besitzer dieses Tigers, der auch für Hollywood-Filme wie Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger Großkatzen zur Verfügung stellt, wurde kürzlich laut der Tierschutzorganisation PETA dabei erwischt, wie er einen jungen Tiger verprügelte

»Diese Tigerbabies werden ihren Müttern Tage nach der Geburt weggenommen, damit sie sich an Menschen gewöhnen«, erzählt Tammy Thies. »In der Wildnis würden sie zwei Jahre bei ihrer Mutter bleiben.« Oft werden sie unter Drogen gesetzt oder mit Schlägen gebrochen, damit sie auf Parties brav bleiben. »Das geht meistens einige Jahre gut, aber wenn sie älter werden, sind diese Tiere tickende Zeitbomben, und wenn ein Löwe oder Tiger einmal aggressiv geworden ist, verrotten sie den Rest ihres Lebens irgendwo in einem kleinen Käfig. Das bekommt die Öffentlichkeit nicht mit.«

In ihrem Schutzpark erholen sich derzeit 99 Wildkatzen. »Manche von ihnen hatten noch nie zuvor Gras unter den Pfoten, vielen von ihnen wurden Zähne und Krallen gezogen, damit sie weniger gefährlich sind. Die meisten haben Arthritis, weil sie in viel zu engen Käfigen gehalten wurden.« Der Teufelskreis aus Tiger-Maskottchen, Selfies und Party-Vermietung sei eine lukrative Multi-Millionen-Dollar Industrie. Die Biebers, Kardashians, Rapper, Football-Stars und Touristen, die gerne mit Tiger-Selfies ihre Instagram-Follower vermehren, fragt Thies: »Ist es dieses eine coole Foto wirklich wert? Das Foto dauert einen Moment, aber Tiger leben 20 Jahre, und die wenigsten verschwenden einen Gedanken daran, was nach dem Foto mit den Katzen geschieht.«

Justin Bieber hat bekanntlich bereits einen Affen in Deutschland zurückgelassen, der sich nun in einem Ort mit dem schönen Namen Hodenhagen von seiner kurzen Freundschaft mit dem Superstar erholt. Mir gefällt eher die Idee eines Bieber- oder Kardashian-Streichel-Zoos. Wieviel Geld man damit für einen guten Zweck verdienen könnte, diese seltenen exotischen Exemplare öffentlich zur Schau zu stellen!? Den Rest des Jahres würden sie natürlich in engen Käfigen gehalten, damit sie keinen Schaden anrichten und für die Öffentlichkeit kein Risiko darstellen.

Der einzige Löwe, der auf ein Sofa gehört, ist der »Großstadtlöwe« der Hamburger Fotografin Julia Werner. Ihr Löwe ist ein herrenloser Hund, den sie auf einer Reise in Spanien fand, adoptierte und mit nach Hause nahm. Weil er sie an einen Löwen erinnerte, band sie ihm eine wilde Mähne um. Seither ist er ihr ständiger Begleiter und posiert begeistert vor den Kulissen der Großstadt. Lieber ein Großstadtlöwe als ein Bieber oder ein Tiger.

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Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloss in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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