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bedeckt München
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aus Heft 21/2016 Die Gewissensfrage

Tröstliche Texte

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Der Sohn ist jung gestorben und hinterlässt unverschlossene Tagebücher. Darf die Mutter sie lesen?

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»Mein einziger Sohn ist Anfang des Jahres mit 36 Jahren unvermittelt durch äußerst tragische Umstände verstorben. Unser Verhältnis war abgesehen von den rebellischen Zeiten der Pubertät harmonisch und liebevoll. In seiner Wohnung fanden sich seine Tagebücher. Sie sind nicht verschlossen. Darf ich sie lesen? Oder verletze ich damit seine Privatsphäre?« Stefanie L., München


In einem der scharfsinnigen Cartoons des Magazins The New Yorker sieht man eine Frau auf einem Dachboden in einem alten Tagebuch lesen, daneben sitzt ein Mädchen und fragt: »Welchen Sinn hatte es, einen Blog zu schreiben, den niemand anderer lesen konnte?« Der Cartoon spießt nicht nur den Selbstdarstellungsdrang der jungen Generation auf, sondern zeigt durch den Gegensatz zum öffentlichen Blog eines auf: Es ist gerade der Sinn eines Tagebuchs, dass es niemand anders lesen kann - es ist ein schriftliches Selbstgespräch. Das deckt sich mit den Erkenntnissen des Trierer Soziologen Alois Hahn, der nachgewiesen hat, dass das Tagebuch im Gefolge der Reformation vor allem vom Calvinismus als Mittel zur Gewissensprüfung gefördert wurde und somit die Funktion einer »Beichte ohne Beichtvater« erfüllt.

Dies alles spricht dafür, dass ein Tagebuch per se privat ist und von niemand anderem gelesen werden sollte, solange man nicht - zum Beispiel aus Gesprächen zu Lebzeiten - positive Hinweise darauf hat, dass der Verfasser keine Einwände gegen ein Lesen nach seinem Tode gehabt hätte.

Ich vermute, dass Sie die Tagebücher benutzen wollen, um den tragischen Verlust Ihres Sohnes zu verarbeiten; dennoch steht diesem verständlichen Wunsch die Persönlichkeit Ihres Sohnes gegenüber, die nicht mit dem Tod untergeht. Sich mit dieser auseinanderzusetzen und sie weiter zu achten, kann auch Teil einer Trauerarbeit sein.

Jedoch scheint mir jenseits aller ethischer Überlegungen noch ein Aspekt wichtig: Was genau erwarten Sie von der Lektüre? Sie wissen um die Zuneigung Ihres Sohnes in den vergangenen Jahren und die schwierige Zeit davor. Hoffen Sie auf eine Bestätigung oder befürchten Sie insgeheim, etwas anderes zu lesen? Ihre Motive, Erwartungen und den Umgang damit, aber auch mit eventuellen Enttäuschungen, würde ich auf alle Fälle vorab mit professioneller Hilfe ergründen.

Literatur:

Alois Hahn, Zur Soziologie der Beichte und anderer Formen institutionalisierter Bekenntnisse: Selbstthematisierung und Zivilisationsprozess. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 34, 1982: 407-434

Lesenswert in diesem Zusammenhang auch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Verwertbarkeit von Tagebuchaufzeichnungen des Beschuldigten im Strafverfahren in der amtlichen Sammlung BVerfGE 80, 367 - 383, sowie die Besprechungen dieses Urteils und des zugrunde liegenden Urteils des Bundesgerichtshofs von Knut Amelung in Neue Juristische Wochenschrift 1988, S. 1002 - 1006 und 1990, S. 1753 - 1760

Cartoon von William Haefeli, veröffentlicht am 11. Oktober 2010, die originale Bildunterschrift lautet: »What was the point of writing a blog that nobody else could read?«

Joachim Wittkowski (Hrsg.): Sterben, Tod und Trauer, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2003, S. 173-192

Sigmund Freud, Trauer und Melancholie, zuerst erschienen in: Internationale Zeitschrift für Ärztliche Psychoanalyse, Bd. 4 (6), 1917, S. 288-301

John S. Stephenson, Death, Grief and Mourning, Free Press, New York 2007

Neil Small, Jeanne Katz, Jennifer Lorna Hockey (Hrsg.), Grief, Mourning and Death Ritual, Open University Press, Buckingham/Philadelphia 2001

Joachim Wittkowski, Trauer, in: Héctor Wittwer, Daniel Schäfer, Andreas Frewer (Hrsg.), Sterben und Tod. Ein interdisziplinäres Handbuch, J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2010, S. 192-202

Vor 10 Jahren habe ich eine Gewissensfrage beantwortet, in der es um das Tagebuch einer Mutter ging, auf dem der Hinweis stand, dass man es nach ihrem Tod vernichten solle. Auch dort habe ich mich gegen das Lesen ausgesprochen. Die Antwort zu dieser Frage findet man hier.
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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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