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Wild Wild West: Amerikakolumne 24. Mai 2016

»Ich stand in Flammen«

Interview: Michaela Haas  Fotos: Courtesy of John O'Leary

Beim Spielen mit einem Benzinkanister ging John O'Leary als Kind in Flammen auf – die Ärzte sahen keine Überlebenschancen. Heute ist er glücklicher Familienvater und findet, er hat dem Feuer einiges zu verdanken.

 

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Das erste, was auffällt, sind seine Hände: es fehlen die Finger. Auch die Narben, die sich den Hals entlang ziehen, verraten, dass John O'Leary, 38, durchs Feuer gegangen ist. Aber sein Lachen ist ansteckend. Jahrzehnte lang hat er seine Hände und seine Narben versteckt, aber inzwischen sagt er, er sei stolz auf sie. Der amerikanische Autor und Motivationstrainer ist buchstäblich ein Feuerwerk. Er lebt mit seiner Frau und vier Kindern in St. Louis, Missouri.



SZ-Magazin: Wie haben Sie sich verbrannt?
John O'Leary:
Als kleiner Junge sah ich andere Kinder in der Nachbarschaft mit Feuer und Benzin spielen. Diese Jungs verschütteten ein wenig Benzin auf dem Gehsteig, warfen ein angezündetes Streichholz hinein und die Flammen tanzten. Das wollte ich auch machen. Ich wartete, bis meine Eltern aus dem Haus waren, ging in unsere Garage, zündete ein kleines Stück Karton an und wollte darauf etwas Benzin aus einem 19-Liter-Kanister schütten. Weil ich den Kanister nicht heben konnte, habe ich ihn mit meinem ganzen Körper umklammert. Dann machte es Boom! Der Kanister explodierte, das ganze Benzin ergoss sich über meinen Körper, ich stand in Flammen und wurde mit Wucht gegen die Garagenwand geschleudert. Das war am 17. Juni 1987.

Wie haben Sie überlebt?
Hundert Prozent meines Körpers waren verbrannt. 87 Prozent davon waren Verbrennungen dritten Grades, an manchen Stellen durch die Muskeln bis auf die Knochen. Verbrannte Haut wächst nie wieder zurück, man braucht Hauttransplantationen, und die einzige Stelle, die weniger verbrannt war und von der man bei mir noch Haut entnehmen konnte, war meine Kopfhaut. Man berechnet die Sterblichkeitswahrscheinlichkeit eines verbrannten Patienten, indem man rechnet, wieviel Prozent verbrannt sind und dazu das Alter addiert. Ich war zu 100 Prozent verbrannt und neun Jahre alt, es war also mehr als hundertprozentig sicher, dass ich sterben würde. Ich hörte die Krankenschwester sagen: »Er hat keine Chance.« Als meine Mutter in die Notaufnahme kam, dachte ich, sie würde mir sagen, daß alles gut wird, wie sie es immer machte, aber stattdessen sagte sie: »John, willst du sterben? Es ist deine Entscheidung, nicht meine.« Ich sagte, ich wolle nicht sterben, sondern leben. Ich wollte kämpfen. Fünf Monate später, nach Dutzenden Operationen, Amputationen und Therapie, wurde ich im Rollstuhl aus dem Krankenhaus entlassen.

Es überrascht mich, dass Sie sich dann trotz Ihrer schweren Verletzungen als junger Mann eine körperlich anspruchsvolle Karriere als Bauunternehmer ausgesucht haben.
Ich wollte mein eigener Chef sein und nicht für jemand anderen arbeiten. Klar, es war körperlich eine Herausforderung. Wir sprechen über einen Mann, der am ganzen Körper nicht schwitzen kann, einen Mann ohne Finger. Es vergeht kaum einen Tag, an dem ich keine Schmerzen habe. Ich kann nur mit Mühe einen Stift halten oder das Lenkrad greifen, schon gar nicht einen Bohrer oder eine Kreissäge halten oder einen Sack Zement schleppen. Warum also sucht sich ein Mann, der die Dinge, die dieser Job verlangt, kaum leisten kann, genau diesen Job? Damals hätte ich gesagt, weil ich meinen Lebensunterhalt verdienen wollte, aber im Rückblick denke ich, dass ich beweisen wollte: Es gibt nichts, was dieser Junge nicht kann. Schau ihn dir an, wie er arbeitet, wie er sich ins Zeug legt! Ich wollte mir und der Welt beweisen, dass ich nicht gebrochen bin und dass ich alles tun kann, was andere auch können. Dass ich normal bin.

Sie wurden kürzlich auf einer Veranstaltung gefragt, ob sie das Feuer gerne ungeschehen machen würden, wenn Sie die Zeit zurück drehen könnten, und Sie sagten: »Nein, ich würde es wieder tun.« Sind Sie verrückt?
Das Feuer war vernichtend und hat mich fast umgebracht, und ich kämpfe bis heute mit den Folgen. Aber das Feuer hat mich auch zu dem gemacht, der ich heute bin. Wenn ich nicht verbrannt wäre, hätte ich nicht all die Schwierigkeiten durchlebt, die ich meistern musste, aber ich hätte auch nicht das Leben, das ich heute führe. Alles Schöne und Bereichernde in meinem Leben wuchs aus dieser Tragödie des Feuers. Es hat meinen Charakter geformt, meinen Mut, mein Mitgefühl, meinen Glauben, meinen Antrieb. Wegen des Feuers habe ich gelernt, nichts für selbstverständlich zu halten, und ich bin dankbar für jeden Tag, den ich erlebe. Das Feuer hat mir neue Freunde gebracht, die für mich da sind, ein Netzwerk, es hat mich zu der Uni geführt, auf der ich studierte, da habe ich wiederum meine Frau kennengelernt, und fast alles, was ich heute an meinem Leben liebe, lässt sich auf das Feuer zurück führen. Ich kann es selbst kaum fassen, dass das so ist.

Zu dieser Einsicht kamen Sie aber sicher nicht über Nacht, oder?
Das hat 30 Jahre gedauert. Ich habe mich für meine Narben geschämt, ich wollte meine Hände verstecken, und über das Feuer wollte ich nie reden. Aber vor acht Jahren haben meine Eltern ein Buch über die Katastrophe veröffentlicht, und als ich ihre Perspektive las, habe ich auch meine Geschichte klarer gesehen und zum ersten Mal verstanden, dass diese schreckliche Tragödie, für die ich mich so schämte, in Wahrheit zu einem Triumph geworden ist. Auf dem Buch meiner Eltern ist ein Bild von mir im Rollstuhl, wie ich aus dem Krankenhaus komme. Ich habe überall Narben, trage eine Nackenstütze, und all die Jahre habe ich das Bild für schrecklich gehalten, aber wenn ich mir das Bild jetzt ansehe, sehe ich nicht die Gebrochenheit, auf die ich mich so lange fixiert habe, sondern ich sehe auch, dass der Junge lacht, und zwar nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Augen. Mir wurde auch klar, dass ich nicht der einzige war, der verbrannt wurde: Meine Eltern und Geschwister wurden ebenfalls verbrannt und vernarbt, im übertragenen Sinn, und diese Tragödie hat uns enger zusammen gebracht und uns stärker gemacht statt uns auseinander zu bringen.

Nachdem Sie Jahrzehnte nicht über den Unfall sprechen wollten, machen Sie nun das genaue Gegenteil: Sie reisen als Motivationstrainer durch Amerika und haben einen Bestseller über Ihr Leben veröffentlicht. Was war der Wendepunkt?
Nachdem meine Eltern ihre Version veröffentlicht haben, hat mich eine Gruppe von Pfadfinderinnen gefragt, ob ich bei ihnen einen Vortrag halte. Ich bin eigentlich introvertiert und hatte nie zuvor eine Rede gehalten, und über meine Verletzungen habe ich mit überhaupt niemandem gesprochen. Obwohl es nur eine kleine Gruppe von Pfadfinderinnen war, war ich so nervös, dass ich mich vorher übergeben musste. Aber inzwischen empfinde ich das als befreiend. Man denkt vielleicht, meine Geschichte sei einzigartig, weil sonst niemand zu 100 Prozent verbrannt wurde, aber in gewisser Weise werden wir alle im Leben einmal verbrannt. Wenn Sie Ihren Partner verlieren, werden Sie verbrannt. Wenn Sie einen wichtigen Job verlieren, gehen Sie durchs Feuer. Wenn wir nicht die Photoshop-Version unseres Lebens teilen, sondern die echte Geschichte dahinter, dann sagen andere: Genau, das kenne ich auch! Jeder brennt anders, aber für mich sind das alles Gelegenheiten zu wachsen. Der Auschwitz-Überlebende Viktor Frankl hat gesagt: »Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.« Das ist mein Warum geworden: anderen Menschen den Mut zu geben, ihre Narben zu akzeptieren. Wir haben keine Kontrolle darüber, was uns im Leben passiert, aber wir können kontrollieren, wie wir darauf reagieren.





 
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