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Gesellschaft/Leben 30. Mai 2016

Knitterschutz

Von Annabel Dillig  Foto: Getty /BSIP

Seit 15 Jahren macht Botox Millionen von Menschen auf der Welt faltenfrei – und Pharmakonzerne milliardenschwer. Doch der Erfolg wirft Fragen auf.



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Um eine Frau mittleren Alters zu beschreiben, verwendete Roger Willemsen einmal die Formulierung: »In ihrem Gesicht war der Herbst«. Es ist ein schöner, ein poetischer Satz, aber einer, der auf viele Frauen mittleren Alters bald nicht mehr zutreffen wird. Zumindest nicht in den westlichen Ländern.

Und das liegt an Botox. Vor knapp 15 Jahren in den USA und genau 10 Jahren in Deutschland zur Faltenbehandlung zugelassen, hat sich das Gift schleichend ausgebreitet, heute ist es ein Massenphänomen. Allein seit 2013 hat sich laut Deutscher Gesellschaft für Ästhetische Botulinumtoxin-Therapie die Zahl der Anwender auf nun eine Million Deutsche verdoppelt. Weltweit lassen sich derzeit 23 Millionen Menschen Botox spritzen, der Markt für kosmetische Behandlungen wie diese wächst jährlich um zehn Prozent. Ein Milliardengeschäft.

Botulinumtoxin, wie es korrekt heißt (Botox ist nur der Handelsname), hat Allergan, den Marktführer im Botox-Geschäft, zu einem der begehrtesten Pharmaunternehmen der Welt gemacht. Vor kurzem sollte Allergan von Pfizer für die Rekordsumme von 160 Milliarden Dollar übernommen werden. Die Übernahme platzte im Nachgang der Panama Papers. Zweitgrößter Botox-Hersteller ist der Lebensmittelkonzern Nestlé, der 2014 »Nestlé Skin Health«, eine Sparte zur »Hautgesundheit«, gegründet hat – mit Schönheit lässt sich noch besser verdienen als mit Lebensmitteln. Und immer mehr Hersteller drängen auf den Markt. Die Ärzte beziehen Botox direkt von ihnen, ohne Zwischenhändler. Von den rund 3800 Dermatologen in Deutschland bieten es rund 90 Prozent an. Allein in München kann man in 250 Praxen Botox bekommen. Die Preise für Faltenbehandlungen sinken seit Jahren.

Botox wird nicht nur kosmetisch eingesetzt, für 27 medizinische Indikationen ist es heute zugelassen, von Akne, über krankhaftes Schwitzen, chronische Migräne und Blasenschwäche. Permanent werden neue Anwendungsgebiete erforscht, derzeit prüft die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA die Zulassung bei Depressionen. Es könnte der nächste Meilenstein sein für Botox, das seinen Siegeszug in der Augenheilkunde begann und seinen Durchbruch erlebte, als eine Nebenwirkung auftrat, die mehr als erwünscht war: die Fähigkeit, Stirnfalten zu glätten.

Die Diskussion um diesen kosmetischen Effekt war anfangs, nun ja, vergiftet. Von Maskengesichtern, eingefrorenen Zügen war die Rede. Von abertausenden Mäusen, die in brutalen Tierversuchen für die nach Jugendlichkeit lechzende Klientel sterben mussten (das tun sie übrigens noch heute). All dem zum Trotz ist Botox heute gut beleumundet von Ärzten, der Pharmaindustrie, Stars und Zeitschriften. Wie konnte das passieren? Wie wurden die Kundinnen in den vergangenen Jahren immer jünger?

Botox wirft viele Fragen auf – nicht nur die Frage nach möglichen Langzeitschäden, die immer noch unbeantwortet ist. Auch gesellschaftliche, psychologische: Warum ist Botox für so viele Menschen so verführerisch? Und: Wie wollen wir altern? 2050 werden mehr als zwei Milliarden Menschen auf der Erde über 60 sein. Ist Botox Doping im Wettrennen um Attraktivität? Ein Distinktionsmerkmal, ein Statussymbol und somit: sozialer Sprengstoff?

Lesen Sie hier den Essay mit SZPlus:



 



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