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Wild Wild West: Amerikakolumne 04. Juni 2016

Ein Stück vom Kuchen

Von Michaela Haas  Gettyimages / John Lamparski

Mindestlohn, Arbeitslosigkeit, Kinderbetreuung, Sozialhilfe – die Themen sind in den USA wie bei uns heiße Eisen. Bernie Glassman hat ein Rezept dagegen gefunden.

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Vielleicht haben Sie schon einmal Ben & Jerry's »Chocolate Fudge Brownies Eis« probiert, das cremige mit den dicken Kuchenstücken drin? Aber vermutlich wissen Sie nicht, dass die Brownies in dem Eis nicht aus einer »normalen« Bäckerei stammen, sondern aus einer Firma mit einer einzigartigen Einstellungspolitik: Die Greyston Bakery in Yonkers, New York, nimmt jeden, der durch die Tür kommt. Ausbildung? Vorstrafen? Alter? Egal. »Ihr Vorleben ist mir schnuppe«, sagt Gründer Bernie Glassman. »Ich achte nur auf eines: Wie arbeiten sie jetzt?«

Er konzentriert sich auf das, was Obdachlose am meisten brauchen: Arbeit. Das Firmenmotto steht in leuchtend lila Buchstaben an der Wand der hypermodernen, von Maya Lin entworfenen Bäckerei in Yonkers: »Wir stellen keine Leute ein, um Brownies zu backen. Wir backen Brownies, um Leute einzustellen.«
 
Glassman liefert seine Gourmet-Torten an Drei-Sterne-Lokale, den amerikanischen Naturkost-Giganten Whole Foods und sogar das Weiße Haus, aber die wenigsten, die sich dort ein Stück vom Kuchen abschneiden, wissen, dass er von ehemals Obdachlosen und Vorbestraften gebacken wurde.

Greyston gewann sogar die Auszeichnung für den besten Käsekuchen von ganz New York. »Das war für mich fantastisch, denn der beste Käsekuchen von New York ist der beste Käsekuchen der Welt, und er wird von Menschen gemacht, die unser Land für Müll hält – von Leuten, die weggeworfen wurden und denen keiner zutraute, dass sie irgendwas zustande bringen. Das ist das Großartigste!«

In Amerika ist die Zahl der Obdachlosen ungleich größer als bei uns: Wohlfahrtverbände schätzen, dass bis zu 3,5 Millionen Menschen auf der Straße leben. Glassman gründete die Bäckerei absichtlich in einem Stadtteil, der als verrufen galt, neben einem Bordell, in einer Straße, die mit Crackfläschchen und Spritzen zugemüllt war. Seither hat er Tausenden von Vorbestraften, alleinerziehenden Müttern und Verbrechern ohne Schulabschluss geholfen, wieder auf die Füße zu kommen.

Soziale Projekte gibt es wie Sand am Meer, aber Greyston ist so ungewöhnlich, dass das Magazin Forbes es zu den zwölf besten Firmen für die Welt hält. Glassman, 77, ist in jeder Hinsicht ein ungewöhnlicher Bäckermeister. Der in Brooklyn aufgewachsene jüdische Flugingenieur und Zen-Meister trägt ein verwaschenes Hawaii-Hemd und Schlabber-Jeans, die von Hosenträgern mit rosa Comic-Schweinchen gehalten werden. Seine grauen Haare hat er in einem losen Pferdeschwanz zurückgeschlungen, und in seiner Hosentasche steckt immer griffbereit eine rote Clown-Nase. Seit einem Schlaganfall im Januar dieses Jahres spricht er schleppend, aber die Clown-Nase setzt er sich auf und reißt Scherze, wenn eine Situation zu ernst und griesgrämig wird. Er ist ein Clown mit einer Botschaft. In Deutschland kennt man seinen Namen, seit er mit Konstantin Wecker 2011 das Buch »Es geht ums Tun und nicht ums Siegen« geschrieben hat.

Anfang der 60er-Jahre war Glassman bei dem Raumfahrtunternehmen McDonnell-Douglas in Kalifornien der Projektdirektor für den ersten benannten Flug zum Mars. Aber bald konzentrierte sich seine Vision mehr darauf, eine innere Revolution zu zünden statt Raketen ins All. Er wandte sich dem Zen-Buddhismus zu und leitete jahrelang das Zen Center in Los Angeles, doch statt für die Ruhe und Einsamkeit eines Zen-Klosters entschied sich Glassman dafür, ins Leben zu tauchen. Und nicht in irgendeinen Lebensbereich, sondern in die Randzonen der Gesellschaft: Gefängnisse, Straßenstriche, Kriegsgebiete. Er fand es unmoralisch, nur auf einem Kissen zu meditieren, wenn vor der Tür Menschen verhungern und gründete eine internationale, gemeinnützige Organisation, die Zen Peacemaker, die heute in zwölf Ländern mit Gefängnisseelsorge, Hospizpflege und Sozialarbeit aktiv ist.

Glassmans Vision war von Anfang größer, als bloß die Obdachlosigkeit in seinem Viertel zu lindern: Er suchte nach einer Idee, Obdachlose dauerhaft von der Straße zu bringen. Fast ein Jahr lang recherchierte er Programme und Konzepte. Bald wurde ihm klar, dass die Antwort nicht sein konnte, eine weitere Suppenküche oder Obdachlosenunterkunft zu eröffnen. »Die Leute brauchen richtige Wohnungen und feste Jobs. Um in die Arbeit gehen zu können, brauchen sie Kinderbetreuung, und wenn sie krank sind, brauchen sie Krankenversorgung.« Das alles gibt es jetzt bei Greyston: bezahlbare Wohnungen, Kinderkrippe, Schulnachhilfe, kommunale Gemüsegärten und ein Heim für diejenigen, die zu alt, zu krank oder zu verwirrt sind, um die Anforderungen eines Arbeitsplatzes zu erfüllen. Ökologisch vorbildlich ist die Bäckerei natürlich auch.

Wie funktioniert das? Nun, die Brownies sind so köstlich, dass die Bäckerei damit 13 Millionen Dollar im Jahr verdient. Sie werden auf altmodische Art gefertigt, das heißt, mit viel Handarbeit und ohne industrielle Fertigmischungen. Zweitens arbeiten die Angestellten im Team, und die Teams werden nach der gemeinsamen Leistung bezahlt. Wenn jemand nicht mitzieht, immer zu spät kommt oder auf Drogen zur Arbeit erscheint, kann ihn das Team hinauswerfen. Greyston ist ein gewinnbringendes, professionell geführtes Wirtschaftsunternehmen, kein Kindergarten.

Aber der Clou ist: Der ganze Gewinn geht an die Greyston-Stiftung, und die fördert damit die sozialen Projekte. Was vor 32 Jahren in Bernie Glassmans Küche mit dem ersten Keksrezept begann, ist nun ein bewährtes Rezept dafür, Obdachlose von der Straße zu bringen. Als Greyston loslegte, zählte die Obdachlosenquote in Yonkers zu der höchsten in ganz Amerika. Nun, sagt Glassman, habe sich die Quote mehr als halbiert, während sie in den meisten anderen Städten stetig steige.

»Mit meinem Vorstrafenregister wollte mir niemand Arbeit geben«, erzählt Drew Dion, ein ehemaliger Drogendealer. Dion wollte ein neues Leben anfangen, konnte aber keinen Chef davon überzeugen, ihm eine zweite Chance zu geben. »Sie haben mir das Leben gerettet. Ohne sie wäre ich jetzt entweder tot oder im Gefängnis.« Er war kurz davor, wieder mit dem Dealen anzufangen, als er das Job-Angebot von Greyston bekam. Erst schuftete er in der Nachtschicht beim Kisten packen, inzwischen hat er sich zum Manager hochgearbeitet. Nun hat er eine Frau, ein Bankkonto und eine kleine Tochter, die wie er Bäcker werden möchte. »Greyston hat mein Leben um 180 Grad gedreht.«

Bernie Glassman arbeitet immer noch jeden Monat zwei Tage in der Bäckerei. »Ich liebe die Arbeit hier!«, ruft er strahlend. Und dann steckt er seine Hände wieder in den Teig, um die nächsten Brownies anzurühren. Und wir haben eine Entschuldigung, soviel Brownies zu essen wie nie. Wenn sie auch noch kalorienfrei wären, hätten wirklich alle gewonnen.

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Michaela Haas

Michaela Haas, deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloss in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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