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Gesundheit 16. Juni 2016

Tagebuch vom Sterbebett

Von Andrea Potter  Foto: wilma../photocase.de

Eine alte Dame stirbt. Ihre Tochter weicht in den letzten Tagen nicht von ihrer Seite – und schreibt alles auf, was ihre Mutter sagt. Daraus wird ein herzergreifendes Protokoll.



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In den letzten Tagen und Wochen meiner Mutter Edeltrut habe ich Notizen gemacht. Alles, was kursiv geschrieben ist, hat meine Mutter gesagt. Ich wollte nicht kommentieren, sondern nur aufschreiben. Oft waren so viele Leute anwesend, dass es viel Zeit gab, einfach nur im Hintergrund zu sitzen. Ich hatte das Gefühl, etwas ganz Besonderem und gleichzeitig Alltäglichem beizuwohnen. Und etwas, das normalerweise hinter verschlossenen Türen abläuft. Meine Mutter zeigte in ihrem letzten Lebensjahr klare Anzeichen von Demenz. Sie entschied am 30. April, nach einem Erstickungsanfall, zu sterben und starb am 10. Mai. Ihr 96. Geburtstag lag genau zwischen diesen beiden Daten. Ihre fünf Kinder waren die meiste Zeit dabei, meine Schwester Cora oder ich fast rund um die Uhr. Wir, das sind Beate, Cora, Sabine, Matthias und ich, Andrea.

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Anfang April (ich zu Besuch aus Köln im Seniorenheim)
Ich finde Mutti im Speisesaal. Sie ist natürlich ahnungslos, dass ich komme. Sagt nichts, umarmt mich, lässt mich nicht mehr los. Andrea… Sie weiß nicht, ob ich ihre Enkelin oder Urenkelin bin, aber sie kennt mich ansonsten genau und ist selig.

Wenn ich ins Bett gehe, ist die Welt zu Ende. – Ist das dein liebster Teil des Tages? – Nein. Ich habe verschiedene Klappen.

Sie isst ein Stück Brot, würgt. Ist es kratzig im Hals? – Das sag ich dir, wenn’s runtergerutscht ist.

Krümel im Mund: Da ist noch viel Geroschel.

Den langen Gang im Heim entlangblickend, wundert sich Mutti, dass ihr der Weg zu ihrem Zimmer so schwer fällt. Sie stoppt. Wie alt bin ich eigentlich? … Ach so, fast 96, na dann ist ja alles klar.

Nach Kaffeetrinken auf der Alm mit Matthias und Kindern. Sie ist gut drauf. Im Gehen (das heißt im Rollstuhl sitzend): Ach, Andrea, haben wir meine Beine mitgenommen?

Es ist mir peinlich. Kannst du mir ein bisschen aushelfen. Ich bin gerade klamm.

Vinicio (Enkel) beim Besuch im Seniorenheim. Hast du dich gut eingelebt, Muhme? – Ja, ich lebe hier. – Ich meine, fühlst du dich wohl? – Na, das wäre zuviel gesagt. Aber ich kenne es jetzt.

Nächster Tag, beim Aufwachen: Wo bin ich? Bin ich noch da?

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Samstag, 30. April
Am Morgen wird Mutti nach einem Erstickungsanfall mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht. Sie kann nicht mehr schlucken und erklärt Beate und Matthias, dass nun gut sei und sie das Krankenhaus nicht mehr verlassen werde. Das sagen meine Geschwister dem Arzt. Der erwidert, das müsse er selber hören. Er geht allein zu ihr ins Zimmer und kommt heraus mit den Worten: »Hier gibt es überhaupt keinen Zweifel.« Mutti liegt in einem unruhigen Mehrbettzimmer. Kann man hier nichtmal in Ruhe sterben? Sie wird nach dieser klaren Aussage auf die Palliativstation verlegt und dort gut versorgt. Die wunderbaren Schwestern erlauben mir, im Ledersessel neben Mutti zu nächtigen.

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Sonntag, 1. Mai
Was sie nun sagt, ist schwer verständlich – immer nur ein Satz, dann mitunter lange Pausen. Die Sätze sind nicht aus dem Kontext gerissen, der Kontext fand in Muttis Kopf statt oder manchmal auch nirgendwo, wir konnten ihn jedenfalls nicht hören.

Ist die Sonne schon da?

(Zur/über die Krankenschwester): Das ist eine neue Freundin.

Die Edeltrut, die muss …


Mir fehlt noch das Buch.


Da freu ich mich schon auf den Frühling, wenn wir einen Ausflug machen.


Bringst du mir eine Schere mit? Und all die kleinen Dinge?


Wir gehen in eine Buchhandlung. Dann finden wir was.


Erstmal waschen.


Wie heißt denn das Buch?


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Später am Tag. Wach und gut drauf.

Strahlend, zu Matthias und mir: Ihr seid so hübsche Menschen geworden!

Habt ihr einen Hund?

Wo ist eigentlich der Bruno.

Ich muss diese (Lebens-)geschichte mal im Zusammenhang hören. Ist sie traurig? (Sie meint ihre eigene).

Ich glaube so eine Liebe, so ein Leben, gibt es nicht noch einmal. Angefangen mit dem Unfall…

Was für ein Leben. Kann das jemand als Buch schreiben?

Warum seht ihr so aus wie früher? Ihr seid ja gar nicht älter geworden!

Wer ist von damals noch übrig geblieben? (Beate, Cora und Sabine). Die Augen geweitet: Wie findet ihr das? Und der Gerd!

Lasst uns jetzt aufbrechen. Sonst haben wir nicht viel davon.

(Und immer wieder): Ihr seid so hübsch geworden.

Erich. Später: Irene.

Cora: Wie fühlst du dich? Ich bin noch nicht fertig mit Fühlen.

Als Beate, Cora, Matthias und ich da sind: Kinder, ich danke euch.

Zu Andrea: Können wir wieder mit Puppen spielen, wenn das hier alles vorbei ist?

Und es gibt keinen Gott!

Cora erzählt von einem Ausflug, bei dem Mutti einst die nörgelnde Meute hinter sich ließ und allein mit Picknickrucksack vorneweg lief. Mutti hört die Geschichte gern. Verschmitzt: Und dafür muss ich jetzt so früh sterben.

Katja (Enkelin) kommt. Ich weiß, warum du hier bist, aber du bist noch zu früh.

Am Nachmittag ist die Stimmung eine ganz andere. Mutti ist von vermuteten Realitäten bedroht und davon, dass sie nicht alles zu Ende gebracht hat.

Müssen wir aufpassen, dass keine Bombe einschlägt? Die Bombe kam direkt von oben auf mich zu … Es gab eine Bombe in meinem Leben. Zu Matthias und Andrea: Ihr wart gerade in der Schule …

Erschrocken: Habe ich nicht ganz kleine Kinder? – Nein, wir sind alle groß. Du darfst gehen. – Wie groß? – Ich bin die Jüngste und ich bin 55. – (Fassungslos) Wo wart ihr denn?

Gibt es Katastrophen?

Großen Liebeskummer?

Habt ihr ein Haus?

Also wohnt niemand in einem Loch? (Sie ist so besorgt).

Immer mal wieder das Thema Arzt: Hat mir der Arzt nicht die Garantie gegeben … Sie wird mit diesem Thema nicht fertig.

Cora und ich singen altbekannte und dereinst geliebte Lieder. Mutti hört skeptisch zu. Dann bestimmt: Wir hören mal auf.

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Montag, 2. Mai, 4 Uhr morgens (kaum verständlich, die Schlaftablette wirkt noch).
In einer Woche ist alles gut.

8 Uhr
Sie schläft noch. Hin und wieder streckt sie die Arme in die Luft, und sie bleiben dort. Ich halte ihre Hand, aber sie ist weit weg.

19:30 Uhr
Sabine kommt aus Hamburg. Mutti erkennt Sabine und dann auch Schwiegersohn Gerd, vor Freude schlägt sie die Hände vors Gesicht.

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Dienstag, 3. Mai

Sie spricht, aber man versteht meistens nur den Satzanfang, den sie oft drei, vier, fünf Mal versucht.
Sie freut sich über den Besuch von Nina (Enkelin) und dem kleinen Philipp, seine kleine Hand auf der ihren. Später wieder eine neue Stimmung. Sie ist traurig, dass sie gehen muss. Ein paar Tränen, die ersten seit Jahrzehnten.

Zu den gerade anwesenden Kindern: Ich liebe euch so sehr.

Jetzt muss ich sterben.

Verwirrt zu Sabine und Andrea: Ihr seid ja so ähnlich?!

Zu/über Gerd: Er ist ein guter Freund.

Im Laufe des Tages: Heinrich (ihr Mann).

Am Abend erzähle ich ihr von meiner Tochter Fiona, die Geburtstag hat. Sie weiß nicht genau … Ich zeige ihr ein Foto auf dem Handy. Sie strahlt. Ja, ja… Wollen wir sie anrufen? Sie strahlt und nickt. Wir rufen Fiona an. Hallo, hallo. Fionas bestes Geburtstagsgeschenk, sagt sie.

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Mittwoch, 4. Mai
Mutti ist fast den ganzen Tag wach, ziemlich ruhig, kann aber nicht sprechen. In ihrem Alter hat sie viel zu verarbeiten, sagen die Schwestern.

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Donnerstag, 5. Mai
Cora war über Nacht geblieben. Die Nacht war schlimm, die Unruhe und Atemnot groß, der Schleim wurde abgesaugt. Am Morgen weint Mutti leise. Am Abend lese ich ihr die Geburtstagspost von ihren Nichten Irene und Angelika vor.

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Freitag, 6. Mai/Samstag, 7. Mai
Ich wache über zwei unruhige Tage und Nächte, in denen Mutti wenig zu schlafen scheint. Sie rudert mit den Armen, der Blickkontakt ist schwach, aber manchmal hält sie ihn, und ich freue mich, da zu sein, auch wenn die Schwestern andeuten, dass unsere Mutter ja nicht gehen könne, wenn wir sie so halten, mit unserer Liebe. Manchmal gehe ich spazieren, um ihr den Platz zu geben. Aber ansonsten: Wir haben ihr versprochen, wenn möglich da zu sein, und was sind schon zwei Tage mehr? Vielleicht lohnt es sich für sie ja noch. Sie redet sehr viel, aber ich kann fast nichts mehr verstehen.
Irgendwann mal: Angelika?
Wenn ihre Augen meine finden, mache ich ihr Mut zu gehen, versuche es jedenfalls.
Am Samstagmorgen verabschiedet sich Sabine. Mutti sagt ganz leise: Geh nicht. Arme Sabine.
Später, als es einen Blickkontakt gibt: Ich zeige ihr ein Foto von meinem Sohn Niall und lese ihr seine Geburtstagskarte vor. Sie sagt etwas, aber ich kann es nicht verstehen.

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Sonntag, 8. Mai
In den Morgenstunden guckt sie immer wieder von ihrem Bett zu mir hinüber. Der Blick hält nicht lange, aber als ich mich zu ihr setze, halten wir noch ein bisschen unsere Hände. Ich packe die kleine, winkende Eselmaus aus Stoff ein, die ich ihr immer zum Abschied in der Wohnung versteckt hatte (ich brauche sie jetzt mehr als sie), und gehe. Beate hat Frühstück für Cora und mich im Besucherwohnzimmer. Cora bleibt jetzt bei Mutti.

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Montag, 9. Mai
Cora erzählt mir am Telefon, dass Mutti ruhig ist und schläft.

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Dienstag, 10. Mai
Gegen fünf Uhr hört Cora, wie Mutti leise spricht. Sie liegt still, ihre Stimme klingt ruhig, die Worte sind nicht zu verstehen. Gegen sechs Uhr weckt die Schwester sie: »Ihre Mutter ist eingeschlafen.« Muttis Gesicht ist entspannt, sie sieht friedlich aus. Cora bleibt lange neben dem Bett sitzen und legt ihr schließlich die rechte Hand auf den Scheitel. Das Fensterholz gibt einen lauten, knackenden Ton von sich. Cora legt ihre Hand nun auf Muttis Herz – es ist ganz warm.

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