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Familie 20. Juni 2016

Die heimlichen Freuden der peinlichen Eltern

Von Nataly Bleuel  Foto: Jeanette Dietl/Fotolia.de

Von den Beginnern gibt es einen neuen Song. Was passiert, wenn man diesen mit den eigenen Kindern hört?

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Achtung Leute, es wird jetzt richtig peinlich.

Sonntag, der Papa kommt nach Haus. Von seiner Posse. Kicken. In der Posse ist ein Hamburger. Und der packt Hamburg jetzt wieder auf die Karte. Der Papa sagt: Hey, Jungs, habt ihr schon den neuen Song von Beginner gehört? Beginner! Die hießen früher Absolute Beginner! Jan Delay, aus Hamburg, kennt ihr den nicht? Der mit der Stimme!

Die Jungs gucken den Papa mit großen Augen an. Der Papa gilt in der Familie nicht als Musik-Hipster. Der Papa ist der, der alle Jubeljahre »alte Scheiben« hört. Mit Bruce Springsteen drauf. Simple Minds. Oder Sade. Einmal sogar Kate Bush.

Der Papa summt: Auf St. Pauli brennt noch Licht / Da ist noch lange noch nicht Schicht

Der Große sagt: So so.

Der Kleine kichert. Er gilt in der Familie als Musik-Checker, er kommt morgens schon mit Kopfhörern aus dem Zimmer.

Die Mama sagt: Zeig doch mal, den neuen Song! Der Papa googelt »Ahnma«. Die Mama denkt: Wow. Geil. Die Beats, tief. Die Hupe. Und das in schwarz-weiß, yo! Und sagt: Hört mal, die gesampelte Schiffshupe. Die Mama gilt in der Familie als die, die mal Hip Hop hörte. In einer Zeit, die, denkt jetzt der Kleine, ist so unvorstellbar lang her, lang vor meiner Geburt, im letzten Jahrtausend, ts.

Der Mama rutscht raus: So bisschen Public-Enemy-mäßig, satt. Und denkt, sagt es aber lieber nicht: Paris, The Days of Old. Der Kleine guckt die Mama an, schräg von unten, süffisantes Grinsen. Hintergedanke: Ohgott, die Alte!

Die Mama ruft: Guckt mal, die scratchen! Das ist eine Platte! Die kratzen mit der Nadel...! Der Große sagt nichts, er erträgt still. Innerlich tippt er sich an die Stirn. Die Mama sieht das, der Paps auch. Und dass die von Beginner und Gzuz und Gentleman in ihrem Alter sind und es jetzt allen noch mal zeigen. Wer hier der Boss ist.

Der Kleine sagt: Ach, Mama. Und die Mama denkt, genau: Dear Mama, ihr kleinen People in the Middle.

Und sagt dann, entschuldigend, und quasi schon auf dem Rückzug, ja, mann, ist eben Old School. Und da kräuselt der Kleine die Lippen und lässt sich das Wort genüsslich darauf zergehen: O-l-d S-c-h-o-o-l. Und bricht in schallendes Lachen aus.

Und die Mama muss daran denken, wie ihre eigene Mama, in der Hotel-Disco plötzlich auf die Tanzfläche kam und zu tanzen begann. Und das sah so old aus, so... uhhhh. Aber man muss da durch. Es ist nur eine Phase in der musikalischen Menschwerdung. Man fängt ganz unten an, Alle-meine-Entlein, und arbeitet sich dann langsam hoch. Qualitätsmäßig. Und dann auch breiter und tiefer, in die Musikgeschichte rein. Geschmack muss man erwerben. Die Jungs haben mal Justin Bieber gehört, sind immerhin schon auf Macklemore-Niveau angekommen und werden sich irgendwann zu Grandmaster Flash zurückbuddeln. Da glaubt die Mama fest dran. Immerhin wollte sie selbst mit den Bay City Rollers anfangen und wurde stattdessen von ihrer Mama zu Bobby Brown geschleift.

Abends, als alle im Bett lagen, hat die Mama dann ihre ganzen alten Scheiben rausgeholt und woah, diese Bässe, dieser Sound, als ihr noch im Sack von eurem Vater wart!

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