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Wild Wild West: Amerikakolumne 02. Juli 2016

Nach mir die Sintflut: Noahs Arche in Kentucky

Von Michaela Haas  Fotos: Ark Encounter

Um vor den Freveln der Welt zu warnen, baut ein konservativer Millionär eine neue Arche Noah. Dinosaurier sind diesmal willkommen, Schwule eher nicht.

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Mitten in den Wäldern von Nord-Kentucky, tausend Kilometer vom Meer entfernt, erhebt sich plötzlich ein Schiffsrumpf aus Tannenholz, und was für einer: 7 Stockwerke hoch, 152 Meter lang, das größte freistehende Holzbauwerk der Welt. Darin könnte Deutschland gegen Italien spielen. Da würde das Weiße Haus zweimal reinpassen. Oder man kann damit die ganze Menschheit retten.

Diese Arche Noah ist ein Projekt von wahrhaft biblischen Ausmaßen. Sie hat knapp 100 Millionen Euro gekostet, soll Millionen von Besuchern anlocken und wird nächste Woche vom Stapel laufen, jedenfalls metaphorisch gesprochen: Dann eröffnet Ken Ham sein »Ark Encounter« in der Nähe von Williamstown. »Wir bauen die Arche nicht als Entertainment«, predigte der grauhaarige Arche-Kapitän der New York Times. «Ich meine, es ist nicht wie Disney oder Universal, nur dazu da, dass Leute sich amüsieren. Es hat eine religiöse Bedeutung. Wir sind Christen und wollen die christliche Botschaft verbreiten.«

Soweit klingt das ganz gut, aber was Ken Ham unter Christentum versteht, unterscheidet sich gravierend vom Bibelverständnis der meisten Glaubensgenossen. Der Präsident von »Answers in Genesis« nimmt die Bibel nämlich wörtlich, wie ein Geschichtsbuch. Er glaubt, dass Gott die Erde wirklich in sechs Tagen schuf. Sozusagen in einer 45-Stunden-Arbeitswoche. Komplett mit allen Tieren, vom Dinosaurier bis zur Wüstenmaus. Vom Grand Canyon bis zur Zugspitze. Von Adam bis Eva.
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Demzufolge wäre die Welt 6000 Jahre alt. Kein Big Bang, keine Evolution, kein langsames Aufrichten des Zweibeiners vom Affen zum Homo Sapiens. »Junge Erdler« nennen sich die Kreationisten. Der Trend geht eben überall zur Verjüngung, selbst Mutter Erde schönt nun ihr Geburstdatum. In dem »Kreations-Museum«, das Ham seit Jahren um die Ecke von der neuen Arche Noah betreibt (und das Ham zufolge bereits fast drei Millionen Touristen besuchten), versucht er zu »beweisen«, dass die Menschen gleichzeitig mit den Dinosauriern existierten: Kinder spielen dort neben lebensgroßen Modellen von Tyrannosaurus Rex. Und natürlich wissen die Kinder, die sein »Museum« besuchen, dann auch, warum die Dinosaurier ausstarben: Weil sie mit ihren langen Hälsen nicht auf die Arche passten. Logisch.

Da können die Wissenschaftler noch so stichhaltig argumentieren, die Erde sei Milliarden Jahre alt, die Sintflut nur eine Legende, und die Dinosaurier längst ausgestorben, bevor der Mensch daher spaziert kam: Als der bekannte amerikanische Wissenschaftsautor Bill Nye den Kreationisten Ken Ham zu einer öffentlichen Debatte herausforderte, um all die Mythen zu widerlegen, guckten Millionen im Internet zu, und die weltweit übertragene Online-Diskussion brauchte der Bewegung die Aufmerksamkeit, die sie brauchte. Anschließend schossen die Spenden für Hams Arche in Millionenhöhe.

Ham geht es darum, die Menschheit zu retten: Weil »die Erde voller Frevel« ist, wie es im ersten Buch Mose heißt, schickte Gott vor 4000 Jahren die Sintflut und sprach zu Noah: »Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus; denn dich habe ich gerecht erfunden vor mir zu dieser Zeit.« Ähnliche Gefahren sieht Ham aktuell: »Wir werden immer mehr wie in Noahs Tagen, weil wir unsere Kultur immer mehr säkularisieren.« In seinem Kreations-Museum werden die gefährlichsten Übel unserer Zeit auf Videos drastisch verdeutlicht: masturbierende Teenager, Schwulenhochzeiten, unverheiratete Schwangere, kurz: die Erde voller Frevel; die Welt vor dem Untergang.

Eigentlich wollten die Arch-ivare echte Tiere auf dem Schiff versammeln, aber dann wurde es doch zu aufwändig, Tiger, Löwen, Bären, Vögel, Mäuse, also insgesamt 1400 biblische Tierpaare in einen Schiffsrumpf zu zwängen. Nun muss ein Streichelzoo genügen und 30 lebensgroße Bären- und Giraffenstatuen, an deren Fell die Handwerker kurz vor der Eröffnung letzte Hand anlegen. »Wir müssen schließlich Dutzende und Dutzende von Klos in der Arche unterbringen«, beschwerte sich ein Schiffs-Designer, »das musste Noah alles nicht.« Auch der Kentucky-Noah, der die Massen auf dem Schiff begrüßen wird, ist nur bedingt authentisch: In dem Roboter steckt modernste Elektronik.

Ähnliche Pläne für einen religiösen Erlebnispark mit Arche Noah-Nachbau gab es übrigens vor einigen Jahren mal in Deutschland, die »Genesis-AG« hatte sich schon einen Standort bei Heidelberg ausgesucht, aber die deutsche Arche Noah lief nie vom Stapel: Es gibt einfach nicht genügend Deutsche, die bereit sind, Überschwemmungen für Vorboten der Sintflut zu halten und für diese Art von Weltrettung Geld zu spenden. Auch die Kirchen protestierten, das Projekt sei kompletter Unsinn. In Amerika dagegen hat die Kreationisten-Bewegung Millionen von Anhängern. Ham produziert auch Bücher, Videos und Material für den Schulunterricht, damit Kinder dort nicht die böse Mär von der Evolution lernen müssen. Selbst gestandene Politiker wie Jeb Bush, der ehemalige Gouverneur von Florida, haben sich zum Kreationismus bekannt. Um es mit der Bibel zu sagen: »Wer klug ist, hat Einsicht und weiß, was er tut. Wer dumm ist, hat nur Dummheit; damit täuscht er sich selbst und andere.«

Nun kann natürlich jeder glauben, was er will. Mag sich jeder den Gott basteln, der ihn glücklich macht. Aber: Der Staat, der die Arche als Touristenattraktion mit 18 Millionen Dollar Steuernachlässen subventioniert, las offenbar das Kleingedruckte erst im Nachhinein. In den Arbeitsverträgen steht nämlich, dass auf der Arche nur Heteros arbeiten dürfen, die keinen Sex vor der Ehe haben und die Bibelverse wörtlich nehmen. Der Staat subventioniert also eine religiöse Nischenbewegung, die eindeutig diskriminiert.

Ich persönlich interpretiere Gottes Wille so: Sie möchte, dass sich alle Bibel-Leichtmatrosen in Kentucky versammeln, auf der Arche. Wenn alle zusammen sind, werden wir die Betonverankerung lösen und das Narrenschiff mit der nächsten Flutwelle auf hohe See schicken. Es wird dann schon rechtzeitig - wie ihr Vorbild - auf irgendeinem Berg stranden.

Das Ding hat nur einen Nachteil: es kann nicht schwimmen.
Michaela Haas

Michaela Haas, deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloss in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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