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Gesellschaft/Leben 11. Juli 2016

Ist es ein Verbrechen, nackt zu sein?

Von Johannes Waechter  Foto: Muir Vidler

Über fünfzigmal wurde der britische Nacktwanderer Stephen Gough bereits verhaftet. Ist er ein spinnerter Exzentriker oder doch, wie er selbst glaubt, eine Art Freiheitskämpfer?

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Nie zuvor hatte ich einen Brief aus dem Gefängnis erhalten. Aber im März vergangenen Jahres lag der Umschlag plötzlich im Kasten, auf der Rückseite der handgeschriebene Absender »Stephen Gough, Her Majesty's Prison Winchester«. Danach folgte die Gefangenennummer, die jeder Insasse einer britischen Haftanstalt erhält: »A3825CT«.

Ein paar Monate zuvor hatte ich zum ersten Mal vom ungewöhnlichen Fall des »Naked Rambler« Stephen Gough gehört: Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hatte er gegen die britische Justiz geklagt, die ihn damals schon seit fast zehn Jahren immer wieder ins Gefängnis gebracht hatte - allein wegen Nacktheit. Ist es in Ordnung, jemanden so lange einzusperren, der nichts Böses getan hat, außer nackt herumzulaufen? Mir kam die Strafe überzogen vor. Gleichzeitig war auch klar, dass die britische Justiz in Gough einen ungewöhnlichen Gegner gefunden hatte: Mehrmals hatte er sich vor Gericht ausgezogen oder war nackt aus dem Gefängnis spaziert - nur um gleich wieder festgenommen zu werden. Wer ist dieser Mann, fragte ich mich, der mit solch hohem persönlichen Einsatz für ein eher abseitiges Ziel kämpft?

Ich schrieb ihm einen Brief ins Gefängnis und erhielt bald darauf Antwort. Auf mehreren handgeschriebenen Seiten erklärte Gough relativ eloquent seine Beweggründe und schilderte Details aus seinem Knast-Alltag. Es würde ihm nicht in erster Linie um Nacktheit gehen, schrieb er, sondern um freie Meinungsäußerung: Er wolle sich von gesellschaftlichen Konventionen nicht diktieren lassen, wie er herumzulaufen habe, sondern dies lieber selbst entscheiden. Im übrigen habe ihm noch niemand erklären können, was am nackten menschlichen Körper, der ohne Zweifel zur menschlichen Natur gehöre, so ungebührlich sei, dass man ihn in der Öffentlichkeit stets verhüllen müsse.

Gleichermaßen konsequent und bizarr erschien mir Goughs Angewohnheit, auch im Gefängnis stets nackt zu sein, obwohl es dort, abgesehen von den Wärtern, überhaupt niemand sah. Ihm sei es aber wichtig, so legte er mir im Lauf unseres Briefwechsels dar, sich stets im Einklang mit seinen Überzeugungen zu verhalten. Dafür nahm er erhebliche Nachteile in Kauf: Weite Teile seiner Haftzeit saß er in Einzelhaft und konnte zum Beispiel nicht zum Arzt gehen. All das hätte sich in dem Moment geändert, in dem er sich etwas übergezogen hätte.

Als Gough im vergangenen Spätsommer aus der Haft entlassen wurde, holten ihn Unterstützer im Auto ab, so dass er nicht gleich wieder verhaftet wurde. Ich wollte Gough treffen, um einen Eindruck von diesem Mann zu bekommen und ihn zu seinen ungewöhnlichen Ansichten und Aktionen zu befragen. Aber weil er jederzeit wieder verhaftet werden konnte, musste es schnell gehen. Am Tag nach seiner Entlassung telefonierte ich mit Gough, wenige Tage später stand ich mit dem Fotografen Muir Vidler am Rand einer Landstraße in der Nähe von Winchester - Gough hatte uns mit dem Handy dorthin dirigiert. Dann kam er aus dem Wald.

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