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Wild Wild West: Amerikakolumne 14. Juli 2016

Warum musste Danielle Jacobs sterben?

Von Michaela Haas  Foto: Facebook

Nicht nur Schwarze werden in den USA häufig Opfer von Polizei-Gewalt, auch psychisch Kranke. Eine junge, suizidgefährdete Frau, die von Polizisten erschossen wurde, war eine Bekannte unserer Autorin.

Die 24-jährige Amerikanerin Danielle Jacobs mit ihrem Rottweiler Samson. Im Februar wurde sie von Polizisten erschossen.
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Jeden Tag sterben in Amerika Menschen durch Polizistenhände. Es sind nicht nur die schlagzeilenträchtigen Skandale, die Aufmerksamkeit verdienen, sondern auch die alltäglichen: Seit den tödlichen Schüssen auf Philando Castile und Alton Sterling am 5. und 6. Juli, die in ganz Amerika Proteste auslösten, haben amerikanische Polizisten bereits mehr als ein Dutzend weitere Menschen getötet; der britische Guardian zählt täglich die Toten.

Von den meisten haben Sie noch nie gehört, die Fälle landen in den Zeitungen ganz weit hinten im Vermischten: Zum Beispiel Abraham Smith, gestorben am 8. Juli. Der 30 Jahre alte psychisch kranke Mann in Tucson, Arizona, steckte in einer akuten psychotischen Krise. Weil sich seine Familie nicht mehr zu helfen wusste, rief sie die Polizei. Die Polizisten stürmten das Haus. Und schossen, als Smith auf die Aufforderung, sein Messer fallen zu lassen, nicht reagierte.

Eine dieser Polizei-Toten kannte ich: die 24 Jahre alte Danielle Jacobs aus Mesa, Arizona, litt an Depressionen und Angstzuständen, sie wurde unter anderem mit dem Asperger Syndrom diagnostiziert. Danielle Jacobs und ich trainierten unsere Hunde bei der gleichen Hundetrainerin. Bei Angstzuständen beruhigte sie ihr Service-Hund Samson, ein gutmütiger Rottweiler. Ein mutiges Video, in dem sie zeigt, wie Samson ihr bei einem Panikanfall hilft, wurde von Millionen Menschen gesehen.

Aber als Danielle Jacobs sich im Februar dieses Jahres in ihrem Haus verkroch und die Tür nicht öffnete, fürchtete ihre Familie, sie könne sich etwas antun. Um ihr zu helfen und einen möglichen Suizid zu verhindern, rief die Familie die Polizei. Die Polizei drang in Danielles Haus ein. Weil Danielle mit einem Messer in der Hand aus ihrem Zimmer kam, schossen die Polizisten. Auch diese Kugeln waren tödlich.

Dieses Szenario wiederholt sich fast täglich. Während ich diese Kolumne schreibe, finde ich versteckt im Regionalteil der Los Angeles Times schon wieder die gleiche Nachricht: Die Polizei in Sacramento hat einen psychisch kranken Mann erschossen, der sich, Zitat der Polizei, »wirklich verrückt« benahm und mit einem Messer fuchtelte. Alltag in Amerika.

Wer verstehen will, warum Konfrontationen mit amerikanischen Polizisten so oft tödlich enden, muss nicht nur über Rassismus nachdenken, sondern auch über mindestens zwei weitere Faktoren: erstens, dass viele Polizisten im Schnelldurchgang minimal ausgebildet werden und nicht das fundierte Training haben, um in angespannten Situationen besonnen zu reagieren. Zweitens, dass es die amerikanische Gesellschaft unverhältnismäßig oft diesen schlecht ausgebildeten Polizisten überlässt, sich um psychisch Kranke zu kümmern. Kann man eine junge, akut suizidgefährdete Frau wirklich nicht anders überwältigen als durch tödliche Schüsse?

»In den meisten Fällen schießen die Polizisten nicht aus Wut, Frust oder Hass. Sie schießen, weil sie Angst haben«, sagt Seth Stoughton, ein ehemaliger Polizist, der nun als Juraprofessor bei der University of California Los Angeles Polizeibrutalität untersucht. »Polizisten müssen so ausgebildet werden, dass sie auch an anderes denken als den Waffengebrauch. Pfefferspray, Schlagstock, Taser und die Schusswaffe sind als letzte Mittel gedacht, wenn gewaltlose Methoden nicht erfolgreich waren oder keine Option sind.«

Dass Gewalt das letzte Mittel ist, gilt ganz besonders, wenn Polizisten auf psychisch kranke Menschen treffen; Menschen, die Befehle oft nicht verstehen oder nicht in der Lage sind, sie zu befolgen; Menschen, die eher sich selbst gefährden als andere. Die Werte einer Gesellschaft zeigen sich auch daran, wie sie mit psychisch Kranken umgeht. In Amerika ist diese Frage nach dem Umgang schnell beantwortet: Sie werden wie Verbrecher behandelt.
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In den ohnehin überfüllten amerikanischen Gefängnissen sitzen zehn Mal so viele psychisch Kranke wie in den Behandlungszentren. Laut Justizministerium leiden 15 bis 25 Prozent der Gefängnisinsassen an Psychosen, in Gefängnissen wie dem King County Jail in Washington kämpften gar 77 Prozent der Insassen mit »chronischen psychiatrischen Problemen«. Als das Treatment Advocacy Center und die Standford-Universität nachforschten, zählten sie mehr als 356.000 schwer psychisch kranke Menschen in amerikanischen Gefängnissen - verglichen mit 35.000 in psychiatrischen Kliniken.

Das heißt auch: Es sind in den meisten Fällen Polizisten und Gefängniswärter, Menschen ohne psychologische oder psychiatrische Ausbildung, die Menschen in akuten Krisen betreuen.

»Wir können diese massive Unterdrückung von psychisch Kranken in ganz Amerika nicht länger ignorieren. Statt sie zu behandeln, verhaften wir sie«, schreiben Senator Darrell Steinberg und Professor David Mills im Stanford-Report. »Und wenn sie ihre Strafen abgesessen haben, entlassen wir sie mit minimaler oder gar keiner Unterstützung. Diese Praxis, auf dem Rücken dieser Menschen Geld zu sparen, kommt uns in Wahrheit teuer zu stehen. Es ist uneffektiv, weil wir viel mehr Geld für das Einsperren der psychisch Kranken ausgeben als uns Behandlung und Unterstützung kosten würden. Es ist unmoralisch, weil wir das Leben anderer Menschen abschreiben.«

Die Polizei nennt die Menschen, die immer wieder verhaftet werden, »Frequent Flyer«. Eigentlich bräuchten sie medizinische, psychologische oder psychiatrische Behandlung, stattdessen werden sie weggesperrt.

Am Anfang wurde die Auflösung der psychiatrischen Kliniken in den Sechzigerjahren als Fortschritt gefeiert: Kranke sollten nicht länger eingesperrt werden, sondern in Freiheit leben. Statt wie früher 550.000 Betten in psychiatrischen Behandlungszentren, standen nun nur noch 40.000 zur Verfügung. Bald danach begannen die Staaten, die Etats für psychiatrische Behandlungsprogramme massiv zu kürzen. So standen die Kranken plötzlich ohne Hilfe da. Und landen nun im Gefängnis, wenn sie »auffällig« werden.

Gut dokumentiert ist, dass sich psychische Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie im Gefängnis fast immer verschlimmern: Jede vierte psychisch kranke Gefängnisinsassin wird sexuell missbraucht. Psychisch Kranke sind in den Gefängnissen überdurchschnittlich oft Missbrauch ausgesetzt, werden verprügelt oder vergewaltigt, oder verbringen Jahre in Isolationshaft. Wenn ihre Strafe abgesessen ist, ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder verhaftet werden.

John Beraglia wurde 130 Mal verhaftet. Das 131. Mal überlebte der psychotische Mann nicht: Er starb an Kopfverletzungen in seiner Zelle in Miami. Beraglia war nach Aussage der Sheriffs »kein wirklicher Verbrecher«. Was ihm vorgeworfen wurde, war - gemessen an den Strafen - vergleichsweise harmlos: Hausfriedensbruch, Trunkenheit, kleine Ladendiebstähle. »Sein Verbrechen«, sagt ein Polizist, »war, dass er psychisch krank war.« Die Polizei sagt, Beraglia sei gestorben, weil er seinen Kopf gegen die Wand schlug. Aber ein halbes Dutzend Gefängnisinsassen sagten aus, sie hätten gesehen, wie drei Polizisten ihren Mitgefangenen zu Tode schlugen und traten.

Henry Farrell, bipolar, brachte es auf 190 Verhaftungen. Und der schizophrene Johnny Good brach einen Geschwindigkeitsrekord: 49 Verhaftungen in 40 Monaten in Palm Beach County. In New York verbrachte ein schizophrener Mann 13 Jahre in Einzelhaft.

Der Bericht des Treatment Advocacy Centers, aus dem diese Beispiele stammen, liest sich wie ein Horrorbuch. Natürlich bräuchte Amerika eigentlich eine grundlegende Reform der psychiatrischen Versorgung, aber bis dahin sind es Polizisten, die zu psychisch Kranken in akuten Krisen gerufen werden, und darin müssen sie geschult werden. Amerika braucht Polizisten, die mit Kriseninterventions-Spezialisten zusammen arbeiten und lernen, brenzlige Situationen zu deeskalieren und Kranke zu beruhigen. Wenn Polizisten trainiert werden, ist die Wirkung unmittelbar: In Portland, Oregon, zum Beispiel, verringerten sich nach einem Pilotproramm Polizeishootings um mehr als die Hälfte, Einsätze, bei denen Gewalt angewendet wurde, gingen innerhalb von sechs Jahren um 65 Prozent zurück, und Anschuldigungen wegen exzessiver Gewalt sanken um fast 75 Prozent.

Es ist kein Verbrechen, psychisch krank zu sein, aber es reicht in Amerika, um verhaftet zu werden. Oder erschossen.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes konnte der Eindruck entstehen, wir würden das Asperger Syndrom als psychische Erkrankung ansehen. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.
Michaela Haas

Michaela Haas, deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloss in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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