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Wortewandel: Sprachkolumne 21. Juli 2016

Lapsus beim Koitus

Von CUS  Illustration: Nathan Nankervis

Auf der Suche nach Wörtern, die in Einzahl und Mehrzahl gleich geschrieben, aber anders ausgesprochen werden, stößt unser Sprachkolumnist auf einen  anzüglichen Witz – und die kleinste deutsche Rechtschreibreform.

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Diesen Dienstag gab der Internationale Währungsfonds in Washington mal wieder seine Sicht der Lage der Weltwirtschaft preis. Das allein ist noch kein Partyknaller, doch der folgt in Kürze. Die Weltwirtschaft kann uns hier schnuppe sein, ganz im Unterschied zum Fonds an sich. Fällt Ihnen bei diesem Wort etwas auf? Mir schon. Ist der Fonds doch eines jener raren Wörter, die wir in Einzahl und Mehrzahl zwar gleich schreiben, aber unterschiedlich aussprechen: Die Einzahl Fonds sprechen wir mehr oder weniger korrekt französisch aus. Für die Mehrzahl die Fonds haben wir eine deutsche Sonderaussprache - denn in der Mehrzahl, und nur dort, wird das »s« hörbar: »Foh‘s«. Kurios?

Es gibt eine Handvoll Begriffe aus dem Französischen mit dieser deutschen Plural-Eigenheit. Es gibt auch eine Handvoll Begriffe aus dem Lateinischen - bitte nicht abschrecken lassen, denn da steckt der Partyknaller. Mit diesem Wissen lässt sich mächtig Eindruck schinden und der anzüglichste Herrenwitz aufpeppen. Zuvor aber: Gibt es auch deutsche Wörter, keine Fremdwörter, die in das Schema passen? Gibt es, wenn auch nur ein einziges. Also nicht Mädchen oder Adler, denn das sprechen wir in Ein- und Mehrzahl gleich aus. Das gesuchte Wort kennt jedes Kind. Ein stinknormales deutsches Wort neben den eher hochgestochenen Begriffen aus Latein und Französisch. Dieses einsame Wort muss man schon genau aussprechen - dann aber!

Zuerst zu den französischen Begriffen, denen wir als deutschen Sonderweg im Plural ein s anhören: Das Chassis (Schassih), die Chassis (Schassihs), na bitte. Ebenso ergeht es Grand Prix, Avis, Logis, Relais, Remis. Die Schachspieler trennten sich nach einem Remis oder nach zwei Remis. Keine Allerweltswörter das und doch nicht ganz aus der Welt gefallen.
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Das gilt ebenso für die lateinischen Begriffe im Deutschen. Dabei schlagen wir keinen Sonderweg ein, sondern folgen einer Marotte der Lateinlehrer: Der Status, aber die Status (Statuhs) - die Betonung schiebt sich also nach hinten und das u wird besonders lang gesprochen, ein Leckerbissen für den Bildungsprotz. Soweit habe ich noch den Lateinlehrer im Ohr. Schon damals hat mich der abstruse Quark fasziniert, Sie auch? Hätten Sie nur besser aufgepasst, dann hätten Sie es zur Koryphäe unter den Partytalkern gebracht. Höchste Zeit, dass wir das nachholen.

Für Smalltalk auf der Party sah der Lateinlehrer keinen Bedarf, wir aber: Wer bei der Vernissage mit dem Koitus in der Einzahl weniger Eindruck schindet, mag mit der korrekten Mehrzahl die Koitus (Koituhs, stark!) zu Potte kommen: »Kennen Sie eigentlich die Mehrzahl von Koitus?« Der Brüller! Damit schlagen Sie am Kalten Bufett bestimmt jeden aus dem Felde, der nur die Einzahl hervorzubringen vermag und beim Plural jämmerlich versagt. Genauso ergeht es dem Kasus. Dem Lapsus hängen schon dermaßen Gescheite gern den Plural Lapsi an - oder vielleicht Lapsusse? Beides Lapsus. Wer's nicht glaubt, der repetiere die lateinische u-Deklination - heute noch so gut wie damals, versprochen.

Bleibt das eine, das einsamste deutsche Wort: Das Knie (hörbar nur ein i), aber die Knie, in offizieller Aussprache mit e hinten. Zugegeben, das Umgangsschlabberdeutsch macht sprachlich oft keinen Unterschied zwischen das Knie und die Knie. Die empfohlene Aussprache im Plural, und da sekundiert der Duden, ist aber die Knie.

Im Duden von 1930 war das noch anders. Der listet zwei Wörter mit einem bizarren Plural: Der Klee, die Kleee und das Knie, die Knie(e). Wie sagt der Heidi-Roman über den Alp-Öhi: »Hier saß er, eine Pfeife im Mund, beide Hände auf seine Kniee gelegt ...«. (Was uns zu der Frage bringen könnte, warum der Alp-Öhi, der ursprünglich mit dem Schweizer Wort Alp daherkam, heute meist ein Alm-Öhi ist mit dem bayerischen Wort Alm. Ein andermal.) Dem Klee, man weiß nicht wie, wurde sein drittes e wegreformiert und dem Knie sein zweites e. Die Aussprache von die Knie blieb jedoch auf dem alten Stand stehen. Ist das nicht schön?

Und weil wir gerade beim Pluralwegreformieren sind: Ein missverständlicher Plural sorgte für die kleinste aller Rechtschreibreformen, der von 1927, die nur einem Wort galt. Die Waage war seit 1901 zur Wage degradiert, das zweite a galt als überflüssig wie in Lage, Sage, vage. Nun lautete der Plural Wagen, was die ehrwürdigen Wa(a)genmacher, die gab's noch, aufbrachte. Die Wa(a)genmacher wurden so in einen Topf mit den bloßen Wagenmachern geworfen, die schon immer Wagen machten und nie Waagen. Hätten die Ur-Wagenmacher doch nur Wägen gemacht, wäre das Problem gar nicht entstanden, aber nein, sie mussten Wagen machen. 1927 folgte das Reichsinnenministerium dem Vorbild Österreichs und beförderte die Wage wieder zur Waage, und die Waagenmacher kehrten in ihren angestammten Beruf zurück. Danke.
CUS

Als 1990 das erste SZ-Magazin erschien, war CUS schon dabei. Seitdem macht er jede Woche »Das Kreuz mit den Worten«, eine der beliebtesten Rubriken im Heft. In seiner Online-Kolumne »Wortewandel« untersucht er nun sprachliche Kuriositäten und ungewöhnliche Redewendungen, die uns im Alltag vielleicht gar nicht so schnell auffallen. Mehr von CUS gibt es auf seiner Webseite cus-raetsel.de.