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aus Heft 31/2016 Die Gewissensfrage

Hilfe, ich liebe einen Spion

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Soll ich einem geliebten Menschen dabei helfen, auf Facebook mögliche Verbrecher zu überwachen, obwohl das meinen Prinzipien widerspricht? Die Gewissensfrage.


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»Ich bin gegen Überwachung, besonders im Internet. Müsste ich zwischen Freiheit und Sicherheit wählen, wäre es immer Freiheit. Nun bat mich eine geliebte Person, ihr die Mechanismen sozialer Netzwerke näher zu erklären. Sie braucht das Fachwissen, in ihrem neuen Job geht es darum, potenzielle Verbrecher online zu erkennen, bevor sie zu Tätern werden. Verrate ich mit meiner Hilfe meine Prinzipien?« Alex C., Köln

 
Der Fall ist deshalb schwierig, weil vier Werte bei der Abwägung betroffen sind: Freiheit, hier des Internets, Sicherheit, hier Straftaten zu verhindern, Ihre Prinzipien und die Beziehung zu der von Ihnen geliebten Person.

Wie Freiheit und Sicherheit in der Abwägung zu gewichten sind, hängt stark von den konkreten Umständen ab. Wenn ausgewertet werden soll, was jemand öffentlich im Internet postet, ist das etwas anderes, als wenn es darum geht, in dessen Account einzubrechen. Und die Verhinderung der Tötung eines Menschen rechtfertigt tiefere Eingriffe als der Schutz vor Ladendiebstahl. Deshalb hielte ich persönlich, sosehr ich Ihre Wertschätzung der Freiheit teile, einen absoluten Vorrang gegenüber Sicherheit für falsch. Mir sind die deutschen Waffengesetze lieber als die in den USA. Aber die Prioritäten setzen Menschen dabei unterschiedlich.

Der eigentliche Konflikt entsteht erst nach dieser Abwägung. Spricht sie gegen einen Eingriff in die Freiheit, fände ich es schwierig, wenn Sie diese Abwägung zugunsten von Grundrechten anderer Ihrer eigenen Liebe wegen über Bord würfen. Darin sähe ich einen eigennützigen Verrat an den Grundrechten.

Tendiert die Abwägung hingegen zu einem Eingriff in die Freiheit, stellt sich die Frage, ob das Einhalten von Prinzipien es rechtfertigt, sich dennoch gegen diesen Eingriff zu stellen. Ich bin kein Freund von kategorischen persönlichen Prinzipien, kann aber verstehen, dass man sich nicht zu sehr verbiegen will. Deshalb hielte ich es für falsch, wenn Sie die Tätigkeit der geliebten Person verhinderten, sehe jedoch keine Pflicht Ihrerseits, daran aktiv mitzuwirken, solange man Ihr Wissen auch anderswo erlangen kann.

Und schließlich die Abwägung zwischen Ihren Prinzipien und Ihrer Liebe: Nun, die können nur Sie selbst treffen.

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Literatur:

Zur Freiheit:
Isaiah Berlin, Freiheit. Vier Versuche, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006

Zur Integrität (hier der Frage, wie weit man sich verbiegen kann, will und soll):
- Bernard Williams, Kritik des Utilitarismus, Klostermann, Frankfurt am Main 1979, dort S. 61 ff. mit den beiden berühmten Fallbeispielen von Chemiker Georg und Jim in Südamerika.
- Arnd Pollmann, Integrität, transcript Verlag, Bielefeld 2005

Dr. Dr. Rainer Erlinger

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