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Gesellschaft/Leben 12. August 2016

Sechs Regeln gegen den Smartphone-Wahnsinn

Von Nataly Bleuel  Foto: georgejmclittle/fotolia.de

Als ihr Handy kaputtging, fühlte sich unsere Autorin auf einmal frei. Also stellte sie neue Regeln auf, um nie wieder zur Sklavin ihres Geräts zu werden.

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Anfang Mai habe ich das Ding einfach mal weggelegt. So wie der Spiegel es empfiehlt, nur richtig. Ich habe meine Tasche mit dem Smartphone drin auf den Boden geschleudert. Als hätte ich es unbewusst zerstören wollen.

Jedenfalls – es war Schrott. Ein klitzekleiner Sprung im Bildschirm und dahinter die Platine im Eimer und, ehrlich? Ich habe mich so gefreut! Habe mein altes Nokia reaktiviert und frohlockt, dass ich damit nicht permanent und überall mit dem Netz verbunden bin. Keine Nachrichten, kein blödes Gesurfe, keine überflüssigen Chats und vor allem keine Mails. SMS nur, wenn es wirklich nötig ist. Und öfter mal telefonieren statt tippen. Emojis, das war das allergeilste, kamen sämtlich als Quadrate bei mir an.

Es hat mir nichts gefehlt, ich fühlte mich clean. Das Ding war so klein und leicht und ich konnte es immer wieder fallen lassen, nichts ging kaputt. Es klingelte retro und die Leute starrten mich bewundernd damit an, als wäre ich der Mega-Hipster, bestimmt laufen bald alle so rum.

Okay, es kam auch zu einigen saudämlichen Situationen. Wenn man mit dem Smartphone verwachsen ist, macht man sich oft nicht bewusst, wofür es gut ist. Ich war verabredet, im Biergarten, keiner da. Ich warte, ich kann ja nicht so lang surfen, chatten oder simsen. Das fühlt sich schon mal seltsam ungewohnt an. Warten. Ich habe die Telefonnummer von der Freundin nicht im Telefon, ich habe da überhaupt keine von den schätzungsweise 4000 Kontakten, die sich in meinem wahnsinnig bewegten Leben angesammelt haben. Ich kann nicht in den Mails gucken, ob wir wirklich hier und jetzt verabredet waren. Ich kann auch nicht die Freundin von der Freundin anrufen. Ich stehe da wie ein begossener Pudel und rufe meinen Sohn daheim an, er solle bitte meine Mails und Kontakte checken. Funkt.

Während des Essens zieht sich der Himmel zu, aber ich kann nicht im Regen-Radar (meine Lieblings-App!) gucken, ob es in 15 oder 30 Minuten runterplattern wird. Und, ups, wie komme ich denn nach Hause? Ich krieg' ja gar nicht raus, wo die nächste Sharing-Chaise steht? Taxi rufen geht auch nicht, weil... Nummer? Also fahre ich mit der Tram. Schwarz. Weil, kein Kleingeld und die Ticket-App...

Daheim suche ich den Stadtplan raus, den ich seit Jahren nicht mehr benutzt habe, und auf längere Ausflüge nehme ich das Ipad mit, wegen des Adressbuchs. Ich komme mit viel mehr Leuten ins Gespräch, weil ich nach dem Weg fragen muss. Und weil das Getippe auf dem Nokia so nervt, dass ich eher anrufe. Es ist generell ruhiger in meinem Leben, ich schaue beim U-Bahn-Fahren auf die Leute und aus dem Fenster. Hallo, Welt, ich bin wieder da!

Ich überlege, ob ich nicht ganz detoxe und auch in Zukunft auf ein Smartphone verzichte. Doch dann kommt es zum Showdown. In einem dänischen Weizenfeld. Ich bin eigentlich in Kopenhagen, für eine Recherche, und außerhalb mit Leuten verabredet, in deren Haus. Die Frau hatte es mir aufgemalt und ich hatte gesagt, pah, find ich! Durch eine Verkettung von ungünstigen Vorfällen, die zu imaginieren einem per GPS ortbaren Smartphoneträger nicht vorstellbar sind und über die ich ein ganzes Buch schreiben könnte, aber Robinson Crusoe gibt's ja schon, lande ich in einem Weizenfeld. Die Sonne bretzelt auf mich runter. Ich bin anderthalb Stunden zu spät. Ich weiß, aufgrund meines großen Orientierungstalents immerhin, wo Süden ist, und dass mein Ziel ganz da hinten im Wald liegen muss, irgendwo. Ich habe keine Telefonnummer. Außer von meinem Sohn. Aber leider auch keinen Empfang. Ganz ehrlich? - Ich habe geflucht wie nie in meinem Leben, die übelsten Emojis tanzten vor meinem inneren Auge herum. Dann habe ich geweint.

Und beschlossen, mir doch wieder ein Smartphone zuzulegen. Allerdings mit der festen Absicht, es anders zu nutzen:

1. E-Mails lasse ich nicht mehr automatisch laden, sondern lade sie manuell. Dann, wenn ich sie sehen will. Ich habe festgestellt: Am Ende des Tages sind es gar nicht so viele (wichtige). Doch im Laufe das Tages begleiten, nein: verfolgen sie mich bei jedem Schritt, im Supermarkt, im Kino, im Park. Versetzen mich in einen ätzenden Alarmzustand. Es könnte von einem Arbeitgeber sein. Und wenn es das ist, muss ich dauernd drüber nachdenken. Ein hässliches affektuöses Syndrom. Das mir andauernd meine Abhängigkeit vor Augen führt. Weg damit! Noch dazu: Sitze ich ja sowieso ein Drittel des Tages vor dem Computer.

2. Push-Meldungen jeglicher Art stelle ich total ab. Nicht nur die von Spiel-, Sport- und Spannungs-Apps, die immer mehr werden. Auch die Nachrichten. Die Welt, habe ich in den drei Monaten festgestellt, geht auch ohne mich unter.

3. Ich versuche zu vermeiden, wie ein Pawlowscher Pudel überall und andauernd das Ding zu zücken, in der Schlange vor der Supermarktkasse, in der Tram, auf dem Weg aus dem Haus. Es ist die vermutlich schwierigste Übung, sie erfordert den schwarzen Gürtel in reaktiver Selbstbeobachtung.

4. Ich daddle nicht mehr mit meinen Dutzenden von Apps rum. Mir ist klar geworden, dass mich im Grunde nur das Wetter interessiert. Zumindest auf dem Smartphone. Romane lesen macht tausendmal mehr Spaß, Zeitung auch. Und Nachrichten guck ich am Abend. Dann ist die Welt halt kurz vor mir untergegangen.
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5. Ich simse kein hohles Zeug mehr herum, nur weil man halt mal ein Emoji schicken könnte. Sondern: Ich rufe an. Oder, sogar auf den Geschmack bin ich gekommen, ich klingle einfach mal bei der Freundin in der Nachbarschaft und frage sie direkt ins Gesicht: Wie geht's dir eigentlich?

6. Ich lobe und preise das Smartphone - als Ortungsgerät. Auch wenn das meinen staatsbürgerlichen Auffassungen von Privatsphäre und Nicht-Überwachung diametral widerspricht. Ja, das großartige Scheiß-Netz hat alles pervertiert. Und dieses Ding ist ein genialer Kompass. Er sagt mir, wie ich von A nach B komme. Und wo das ist. Nämlich nicht im dänischen Weizenfeld.


Ach, und die Kinder? Wir müssen der »Generation Smartphone« doch beibringen, dass sie die Dinger öfter mal weglegen sollen und ich habe zwei davon und sie sind damit verwachsen!? Ich halte es mit Karl Valentin, der sagt: Kinder brauche keine Vorbilder, sie machen uns eh alles nach. Wenn ich es also nicht schaffe, mich an meine sechs Regeln zu halten, dann schmeiße ich das Ding einfach wieder auf den Boden.
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