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Wortewandel: Sprachkolumne 16. August 2016

Gisele Bündchen macht Bäuerchen

Von CUS  Illustration: Nathan Nankervis

Welche Stiefmutter ist zu kurz geraten und welche Mutation haben Zicken hinter sich? Unser Autor untersucht, wie die Verkleinerungsform die Bedeutung von Wörtern ändert.

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Nun steigen sie in Rio wieder aufs Treppchen. Die Deutschen eher weniger, andere umso mehr. Um Medaillen geht es uns hier nicht, wohl aber ums Treppchen - also um ein Wort, das verkleinert einen neuen Sinn annimmt: Es ist eben keine simple kleine Treppe, sondern führt zu Gold.

Gibt es andere solche Wörter? Dumme Frage, es gibt sie zuhauf. Ein Bäuerchen ist kein Kleinbauer und ein Stiefmütterchen keine zu kurz geratene Stiefmutter. Mit Köpfchen beweist man mehr Verstand als einem kleinen Kopf zuzutrauen wäre. Das Bäumchen wechselt sich, das Bündchen ist eine Gisele. Ähnlich geht es Fäustchen, Freundchen, Höschen, Körbchen, Zünglein. Ein Gipfel kann ein Horn sein wie das Matterhorn. Und was ist dann ein Gipfeli in der Schweiz? Ein Hörnchen natürlich, neudeutsch Croissant.

Gleich zur anderen Variante: Wörter, für die wir keine geläufige Grundform haben. Dem Märchen sehen wir mit Mühe noch das Grundwort Mär an. Aber was ist mit dem Nonnenfürzle oder Nonnenfürzchen, dem Schmalzgebäck aus dem Schwäbischen? Also nein, gar nicht dran zu denken. Es muss sich zwingend um eine Verkleinerung ohne Grundform handeln. Wir haben ja auch keinen Kaffeekranz, keine Schäferstunde und keinen Hutspieler. Kein Flitt und kein Frett, weder Veil noch Kanin noch Eichhorn oder Gummibär, keinen Sensibel und keinen Nesthaken. Wehweh sind uns lieber eine Nummer kleiner, Schnapp ebenso. Was wäre von Schneewitt und Rumpelstilz zu halten, was von Rotkappe und Dornrose, ja von Hans und Grete? Schluss mit Sperenz, Kinkerlitz und Matz, Donnerlitt!
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Männer und Frauen, au weia. Herrchen und Frauchen haben einen Hund, doch der macht nur Männchen. Männchen und Weibchen paaren sich. Das Männlein steht im Walde. Das Fräulein serviert im Thüringer Wald noch Kännchen mit Sahne. Männeken, der kleine Mann des Nordens, kam auf Umwegen über Holland, Frankreich und eine kleine Geschlechtsumwandlung als Mannequin wieder zu uns (damals, als es noch Fräuleins gab). Männeken wirkt unfreundlich, doch was ist über das Pendant Frauke zu sagen, das zum Vornamen wurde? Sönke ist im Grunde ein Söhnchen, vielleicht sogar ein Muttersöhnchen. Ein Strichmädchen ist weiblich, welchen Geschlechts aber ist ein Strichmännchen?

Oft mutieren Tiere durch Verkleinerung zu Menschen, zu mehr oder weniger gottgefälligen: Dem Schäflein geht es so, zuweilen auch dem Pferdchen, leider auch dem Entlein. Mäuschen dürfen wir immerhin noch spielen. Nur das Zicklein ist ganz Tier geblieben - stattdessen entwickelte sich seine Grundform zur Krone der Schröpfung. In der Botanik menschelt das Früchtchen.

Am Ärgsten erwischt es die Hühner und das europaweit: Der Hahn läuft frei herum, auch das Huhn, falls es nicht schon in der Suppe köchelt. Dagegen schmoren Hähnchen wie Hühnchen auf Witwe Boltes Pfanne oder als Hendl im Wienerwald. Das Küken ist immer schon durch das norddeutsche -ken verkleinert - ein Schicksal, das es mit englisch chicken teilt. Dem Französischen verdankt die Schweiz ihr Nationalgericht: Poulet im Körbli. Poulet verkleinert la poule, das Huhn.

Tröstet euch, ihr Hühnerartigen, und seht, was man aus dem Namen für verschiedene Fischarten gemacht hat, dem Silberfisch: Verkleinert muss er wirbellos durch Bodenritzen krauchen.

Warum nur einmal verkleinern, wenn man auch zweimal kann? Aus Junge wird Jungchen oder doppelt verkleinert Jüngelchen. Der Knochen reduziert sich zu Knöchel und noch weiter zu Knöchelchen wie bei den Gehörknöchelchen.

Manche Verkleinerungen bieten überdies einen eigenen Plural für die Verkleinerung: Eierchen zum Beispiel, sonst wären es ja Eichen. Dingerchen, Männerchen (statt Männchen), Kinderchen. Kleiderchen können viel mehr sein als Kleidchen - schon die Kleider haben eine weitere Bedeutung als das Kleid.

Ausländische Verkleinerungen im Deutschen? Die Operette als quecksilbrige Schwester der Oper, Zigarette und Zigarillo, Pianino, Minirock, Bonsaibier, Kalinka (Schneeflöckchen). Im Englischen, so habe ich es gelernt, gibt es keine Verkleinerungssilben. Glatt gelogen: Verkleinert wird aus Book ein Booklet und aus Star ein Starlet. Duckling ist das Entenküken und chicken wie gesagt das Huhn. Das Königswort ist das Cello - es besteht überhaupt nur aus zwei Verkleinerungssilben. Eigentlich heißt es ja Violoncello alias kleiner Violone. Das Grundwort Violone ging flöten. Übrig blieb die Verkleinerung Cello.

Ein Weltrekord gebührt dem Ländle: Es geht als Spitzname für drei Länder durch, je nachdem, wo man es sagt. Auf eines dieser drei Länder kommen Sie sofort, aber auf alle drei? Wette dagegen. Tipp: In allen drei Ländern schwäbelt man. Oder für Nichtwürttemberger: Man alemannisiert. Wenn Sie in Deutschland wohnen, ist mit Ländle Baden-Württemberg gemeint. Für Österreicher ist es das Bundesland Vorarlberg. Schweizer halten das Ländle für einen souveränen Staat: Das Fürstentum Liechtenstein.
CUS

Als 1990 das erste SZ-Magazin erschien, war CUS schon dabei. Seitdem macht er jede Woche »Das Kreuz mit den Worten«, eine der beliebtesten Rubriken im Heft. In seiner Online-Kolumne »Wortewandel« untersucht er nun sprachliche Kuriositäten und ungewöhnliche Redewendungen, die uns im Alltag vielleicht gar nicht so schnell auffallen. Mehr von CUS gibt es auf seiner Webseite cus-raetsel.de.