Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

Neue Fotografie 21. August 2016

Sowjetischer Tapetenwechsel

Von Sabine Fischer  Fotos: Elena Amabili, Alessandro Calvaresi

Im früheren Ostblock rotten zahlreiche Häuser vor sich hin. Elena Amabili und Alessandro Calvaresi erzählen die Geschichten ihrer Bewohner - durch Fotos abblätternder Tapeten. 


Anzeige
Name:
Elena Amabili und Alessandro Calvaresi
Alter:
geboren 1976 (Elena) und 1980 (Alessandro) in Italien
Ausbildung:
Master in Linguistik und Sprachwissenschaften (Elena) und Abschluss in Computer- und Webtechnologie (Alessandro)
Wohnort:
Berlin
Website: www.sovietinnerness.com

SZ-Magazin: Sie reisen seit zwei Jahren durch den ehemaligen Ostblock und fotografieren dort abblätternde Tapeten, Kacheln und Wandzeichnungen in verlassenen Wohnhäusern. Warum gerade diese Motive?

Elenea Amabili: Die Gebäude dort sind seit Langem verlassen. Sie rotten vor sich hin und wir wollen sie durch unsere Bilder davor bewahren, ganz zu verschwinden. Dabei geht es uns vor allem darum, die Spuren der Leute festzuhalten, die dort mal gelebt haben.

Was sind das für Gebäude, in denen Sie fotografieren?
Viele davon gehörten zu Militäranlagen oder geheimen Städten, wie dem polnischen Borne-Sulinowo. Es sind aber auch normale Wohnhäuser darunter, die heute leer stehen. In der früheren UdSSR und ihren Satelliten-Staaten gibt es eine Menge Häuser, die seit den Neunzigern brach liegen, weil ihre Bewohner in den Westen oder in größere Städte gezogen sind.

Wie kommen Sie hinein?
Fast immer ist irgendwo eine Tür offen. Legal ist das natürlich nicht ganz, aber die Gebäude sind zum Großteil so verlassen, dass uns niemand davon abhält, sie zu betreten.

Liegt Ihren Bildern auch eine politische Idee zugrunde?
Eigentlich wollen wir keine politischen Bilder machen, aber auf eine Art sind sie es natürlich trotzdem, denn man kann viel Sozialpolitisches aus ihnen herauslesen. Sie spiegeln das Vor-sich-hin-Rotten der ehemaligen Sowjetunion.
Anzeige


Haben die Reisen Ihren Blick auf die Sowjetzeit verändert?
Ja. Von außen erscheint die Sowjetunion immer sehr grau und trostlos, von innen erkennt man dann erst ihre Farben. Man merkt plötzlich, dass mitten in diesem politisch repressiven System Familien mit Kindern auch einfach versucht haben, glücklich zu sein. Wir wollen von den Menschen hinter den Mauern erzählen. Wenn wir in diese Häuser kommen, sind wir oft überrascht, wie viel von ihnen man noch heute dort findet. Wir begegnen dort viel Leben, vielen Mustern und Farben, die für uns erstmal überraschend sind. Sehr viel rosa, alles ein bisschen kitschig.

Aber was sagt Ihnen das über die früheren Bewohner dieser Gebäude?
Die Bilder zeigen den zerfallenden Wohnraum der Familien – das ist schon sehr intim. Wir finden zum Beispiel oft abblätternde Zeichnungen für Kinder. Dinge, die sie glücklich gemacht haben, wie kleine Bilder oder Cartoon-Figuren aus sowjetischen Fernsehserien. Wir konnten bisher leider nie herausfinden, wer die Leute konkret waren, die dort gelebt haben. Aber es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Freude oder Traurigkeit diese Räume noch heute ausstrahlen.
  • Neue Fotografie

    »Übersteigertem Nationalismus bin ich immer wieder begegnet«

    Kein schöner Land: Der niederländische Fotograf Otto Snoek hat nationale Feiertage und Großereignisse in ganz Europa begleitet. Dabei hat er herausgefunden, wie schlecht es um den Kontinent wirklich steht.

    Interview: Jona Spreter
  • Anzeige
    Neue Fotografie

    »Alkohol spielt im deutschen Brauchtum eine wichtige Rolle«

    Saufen, schießen und toten Gänsen die Köpfe abreißen: Der Fotograf Moritz Reich hat alte Bräuche in ganz Deutschland dokumentiert. Er stieß dabei auf viel Herzlichkeit, aber auch auf Misstrauen. Und auf jede Menge Bier.

    Interview: Jona Spreter
  • Neue Fotografie

    Von drauß' vom Walde komm ich her

    Die Fotografin Lorraine Hellwig hat vier Aussteiger begleitet, die sich in der Schweiz im Wald verstecken und dort ein denkbar einfaches Leben führen. Gefunden hat sie die Vier allerdings auf ungewöhnliche Weise.

    Interview: Stefanie Witterauf