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aus Heft 34/2016 Die Gewissensfrage

Die Natur der Sache

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Ein millionenfach geklicktes Youtube-Video zeigt, wie ein Sperber eine panisch schreiende Elster ertränkt. Hätte der Mensch hinter der Kamera einschreiten müssen?

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»Auf einem millionenfach geklickten Video im Internet sieht man, wie ein Sperber über eine Elster herfällt, sie zu einem Wasserbecken schleppt, derweil die Elster herzzerreißend schreit, und sie darin ertränkt. Furchtbar. Die Kommentare gehen von ›Das ist Natur‹ bis ›Warum hat die Person, die das filmt, nicht der Elster geholfen?‹ Hätte man eingreifen müssen?« Georg L., Starnberg

Auch wenn es widersprüchlich klingen mag: Ich kann beiden Kommentaren zustimmen. Das ist in der Tat die Natur, die unendlich grausam sein kann. Wem Kettensägenmassaker zu harmlos sind, der sollte sich Tierfilme ansehen. Mit einem großen Unterschied: Was Menschen tun, unterfällt den Kategorien gut und böse.

Der Sperber handelt zwar grausam, aber nicht »böse« oder »unmoralisch«. Diese Begriffe kann man nur auf menschliches Verhalten anwenden, weil nur der Mensch, anders als eben Tiere, die Möglichkeit hat, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden und sich zu entscheiden. Auch wenn die Natur erbarmungslos ist, ist sie nicht böse; sie ist in den Worten des englischen Biologen T. H. Huxley »moralisch indifferent«. Der Göttinger Anthropologe Christian Vogel gab seinem Buch zu diesem Thema den Titel Vom Töten zum Mord, weil eine noch so bestialische Tötung in der Natur nur eine Tötung ist, ohne moralische Bewertung. Erst wenn ein Mensch sie begeht, kann sie den Unrechtsgehalt bekommen, der es rechtfertigt, sie als Mord zu bezeichnen, von anderen Tötungen abzugrenzen – und entsprechend zu bestrafen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht Gründe dafür gäbe, einzugreifen. Ich will sie an Ihrer Bezeichnung »herzzerreißend« für die Schreie festmachen. Denn auch wenn der Sperber nicht böse handelt, leidet die Elster offenbar, und Leid berechtigt zum Eingreifen. Das kann nicht so weit gehen, nun alle Raubtiere, die regelmäßig andere Tiere töten, dem Hungertod preiszugeben oder gar auszurotten. Aber nicht jedes Beuteschlagen ist in diesem Ausmaß brutal. Warum hat dieses Video so viele Klicks? Weil es selbst für Verhältnisse der Natur auffallend grausam ist. Das darf man verhindern, vielleicht sollte man es sogar. Zu einem »müssen« kann ich mich allerdings nicht durchringen. Es ist eben nicht böse, sondern »nur« die Natur.
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Literatur:

Das Video kann man sich hier ansehen

- Christian Vogel, Vom Töten zum Mord. Das wirkliche Böse in der Evolutionsgeschichte. Hanser Verlag, München 1989
- Der Untertitel „Das wirkliche Böse“ zielt auf den Titel „Das sogenannte Böse“ des bekannten Buches von Konrad Lorenz mit dem Untertitel „Zur Naturgeschichte der Aggression“, dtv, München 1998

Zu dem Thema lesenswert (mit einer Kritik an Lorenz):
- Michael Schmidt-Salomon, Eckart Voland, Die Entzauberung des Bösen, in dem auch sonst lesenswerten Band: Franz Josef Werz (Hrsg.), Kolleg Praktische Philosophie, Band 1, Ethik zwischen Kultur- und Naturwissenschaft, Reclam Verlag, Stuttgart 2008, S. 97-123


Dr. Dr. Rainer Erlinger

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