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Wild Wild West: Amerikakolumne 07. September 2016

Im Würgegriff der schwarzen Schlange

Von Michaela Haas  Foto: Reuters

Seit Monaten protestieren die Standing Rock Sioux gegen eine Öl-Pipeline, die quer durch ihr Land führen soll. Nun kam es dabei zu Gewalt.

Um den Bau der umstrittenen Pipeline nahe des Standing-Rock-Reservats zu stoppen, besetzen Demonstranten schwere Baumaschinen.
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»Wenn die schwarze Schlange über das Land kommt, wird unsere Welt enden«, das prophezeiten einst die Stammesältesten laut Iyuskin American Horse, einem Oglala Lakota von der Rosebud Reservation. Nun windet sich die schwarze Schlange von den Fracking-Ölfeldern bis nach Illinois und bahnt sich ihren Weg durch North Dakota mit schwerem Baugerät und bewaffneten Sicherheitskräften. »Die schwarze Schlange ist gekommen, und zwar in Form der Dakota Access Pipeline, und deshalb muss ich kämpfen. Ich bin hier, um das Wasser für unsere Kinder und künftige Generationen zu bewahren, und um unsere Lebensweise zu verteidigen.« Mit diesen Worten kettete sich Iyuskin American Horses an eine der Bohrmaschinen, bis er verhaftet wurde. Er ist einer von 4000 amerikanischen Ureinwohnern und Demonstranten, die im Standing Rock Sioux Reservat in North Dakota dagegen protestieren, dass eine 3,8 Milliarden Dollar teure Pipeline quer durch ihr Land gelegt wird, die täglich rund 80 Millionen Liter Öl nach Texas pumpen soll. (Formal gesehen soll die Pipeline eine halbe Meile nördlich der Reservatsgrenzen verlaufen, allerdings auf einem Gebiet, das ursprünglich den Sioux gehörte und ihnen 1958 rechtswidrig genommen wurde, weshalb sie die Gegend weiterhin als ihr Land betrachten.)

Die Szenen, die sich am letzten Wochenende in Dakota abspielten, erinnerten Beobachter an die brutalen Angriffe auf die afro-amerikanische Bürgerrechtsbewegung: Private Sicherheitskräfte mit scharfen Schäferhunden attackierten die unbewaffneten Demonstranten, die sich den Bulldozern in den Weg stellten. Mindestens sechs Indianer wurden von den Hunden blutig gebissen, darunter eine schwangere Frau und ein zwölfjähriges Mädchen. Rund dreißig Protestierenden sprühten die Sicherheitsleute Pfefferspray ins Gesicht. Die Indianer mussten zusehen, wie eine ihrer historischen Grabstätten von den Bulldozern durchpflügt wurde. Nicht zuletzt weil diese Angriffe von der populären Fernseh-Reporterin Amy Goodman gefilmt und in ihrer Sendung Democracy Now ausgestrahlt wurden, wächst die Solidarität mit den Indianern.

Der Kampf der Indianer gegen den Energiekonzern trifft nun einen Nerv in Amerika, denn die alten Wunden sind nie vernarbt. »Dies ist das dritte Mal, dass der Sioux Nation Land und Ressourcen ohne Berücksichtigung der Stammesinteressen weggenommen werden«, beklagt David Archambault II, der Chef der Standing Rock Sioux. »Die Sioux haben 1851 und 1868 Abkommen unterzeichnet. Die Regierung hat sie gebrochen, bevor die Tinte trocken war. Jetzt nehmen sie uns unser sauberes Wasser und heiligen Plätze weg. Ob es das Gold aus den Black Hills, Wasserkraft aus dem Missouri oder die Öl-Pipelines sind, die das Vermächtnis unserer Vorfahren bedrohen, die Stämme haben immer den Preis für Amerikas Wohlstand bezahlt.« 33 heilige Stätten würden durch den Bau der Pipeline bedroht. Obwohl die Bauträger rechtlich verpflichtet seien, den Stamm zu konsultieren, hätte der Staat die Genehmigungen im Eilverfahren erteilt, ohne dass eine richtige Konsultation stattgefunden habe, beklagt Archambault. Er hat Klage eingereicht, denn »die Bauarbeiten haben unsere Gräber, Gebetsstätten und bedeutende Kunstgegenstände zerstört. Die Entweihung unserer heiligen Stätten hat den Standing Rock Sioux unwiederbringliche Verluste zugefügt.« Am meisten aber fürchtet er die Möglichkeit, ein Leck könnte die einzige Wasserquelle seines Stammes, den Missouri River, kontaminieren.

Ich stand auf diesem Land, zusammen mit der einzigen im Reservat, die noch das warme, erdige Wichyena-Dakota spricht: Wagmuwahin oder »Rasselfrau« heißt Mary Louise Defender Wilson, 85, in ihrer eigenen Sprache - abgeleitet aus dem Namen eines Kürbis, der als Trommel den Rhythmus bei Zeremonien und Tänzen vorgibt, und Sinnbild für ein offenes, großzügiges Herz. Die großgewachsene, sehnige Frau mit den schwarzgefärbten Strähnen im langen, weissen Haar hat ihren Namen verdient: Sie ist standhaft, offen, und scheut sich nicht, Lärm zu machen. Sie hat die indianische Kultur verteidigt, lange, bevor es Mode wurde. Dafür wurde sie unter anderem mit dem National Endowment of the Arts geehrt, das vor ihr Ikonen wie John Lee Hooker oder B.B. King erhielten, und jüngst mit dem United States Artist Fellowship.

Gemeinsam besuchten wir einige der heiligen Stätten und Steinzirkel ihres Stammes in der dauergewellten Einsamkeit dieses Missouri-Tals. Mit ihren grazilen Fingern zeichnete sie die Abdrücke im Felsen nach: Büffelhufe, den Umriss einer Schildkröte und die Hieroglyphen, die dem heiligen »Hieroglyphen-Felsen« seinen Namen gaben. »Wir glauben, dass sie nicht von Menschenhand gemacht sind«, sagte sie. »Wer an einem so kraftvollen Platz fastet und betet, wird sein eigenes Zeichen im Felsen finden, als Omen unserer Vorfahren.« Was wird von diesem Erbe nun bleiben?

»Dakota« bedeutet »Freund«, aber wie Freunde sind die amerikanischen Ureinwohner noch nie behandelt worden. »Wir haben sie wie Feinde behandelt, sogar schlimmer als alle anderen Feinde in den Kriegen, die unser Land geführt hat«, kritisierte der MSNBC-Reporter Lawrence O'Donnell in einem flammenden Kommentar. »Nach allen anderen Kriegen haben wir zumindest Friedensabkommen unterzeichnet. Die Ursünde dieses Landes ist, dass wir uns als Eroberer unseren Weg freigeschossen haben und so viele Ureinwohner töteten wie wir nur konnten. Dieses Land wurde auf dem Genozid gegründet. Als wir endlich aufhörten, die Ureinwohner nur wegen ihres Verbrechens umzubringen, dass sie hier schon vor uns lebten, haben wir jedes einzelne Abkommen, das wir mit ihnen schlossen, wieder gebrochen. Jedes einzelne.«

Wagmuwahin Defender Wilson wehrt sich, indem sie die alten Rituale pflegt. An ihren Ohren hängen silberne Kojoten, die den Mond anheulen. Auf ihrer Brust springt eine silberne Wölfin, Sinnbild für die nährende aber auch kämpferische Weiblichkeit, um die Handgelenke reiten silberne Pferde. Sie hat jahrelang indianische Studien an der Standing Rock Universität in Fort Yates gelehrt, das Indianische Amerikanische Kulturzentrum in Jamestown und ein Therapieprogramm für Psychiatriepatienten gegründet, das auf dem traditionellen Geschichtenerzählen und den indianischen Handwerken beruht.

Doch es ist symptomatisch, dass sie selbst von ihrem Zuhause vertrieben wurde. Seit den Siebzigerjahren kämpft Wagmuwahin um ihr Land und lebt nun in einem Container, der ihr gespendet wurde. »Meine Familie war zuerst da, und die heutigen Bewohner haben ihr Land erst viel später von den Kolonialisten bekommen«, beharrt sie. Sie benennt bis heute unverblümt die bestehende Übermacht der weißen Siedler, übt aber auch Kritik in den eigenen Reihen, vor allem an jenen Halb- und Viertelindianern, die mit den Weißen zusammenarbeiten und die eigene indianische Kultur abgelegt haben. Ihr Großvater Sieht-den-Bär erzählte ihr noch von seiner eigenen Vertreibung aus dem fruchtbaren Land auf der anderen Seite des Missouri. Wie er Bäume fällen und daraus ein Kanu bauen musste, um Frau und Kinder den Fluss hinunter zu transportieren, während die Männer mit den Pferden schwammen. Wie Wagmuwahins Urgroßmutter Guter Tag von der Kavallerie im Sommer gefangen genommen und in der eisigen Winterskälte ohne Nahrung wieder freigelassen wurde. Und gelegentlich sprach er von ihrem Vater, der starb, als sie erst eineinhalb Jahre alt war und an den sie sich nicht mehr erinnert.

Vor allem aber lehrte sie Sieht-den-Bär, stolz auf ihre indianische Herkunft zu sein und nie, nie, nie eine Internatsschule der Weißen zu besuchen. So kam es, dass Wagmuwahin eine der letzten ihres Stammes ist, die ihre Kulturen und Gebräuche tatsächlich kennt und wertschätzt: »Ich bin nicht durch die Gehirnwäsche der Internate gegangen, wo einem eingetrichtert wird, dass die Indianer primitiv sind.« Bis weit in die Siebzigerjahre wurden indianische Kinder gewaltsam aus ihren Familien gerissen und in meist christlich-missionarischen Internaten »umerzogen« - die indianische Sprache und Kultur sollte ihnen ausgetrieben werden.

Es ist Krieg im Indianer-Land - ein Krieg, der vor einigen Hundert Jahren mit der Ankunft weißer Siedler begann und der nie wirklich endete. Der Kampf um Land und Ressourcen, aber auch um Werte und Kulturen, dauert für die Indianer bis heute fort. Ständig bricht dieser Konflikt in Wagmuwahins Lebenslinien durch: So gerne wäre sie stolz auf ihre Leute, ihre Kultur und ihr Land, und doch ist so wenig davon übriggeblieben. Wagmuwahin arbeitete fast 20 Jahre lang als Immobilienexpertin für indianische Agenturen in Nord- und Süddakota, zog dafür sogar zeitweise nach Washington und wurde zu einer resoluten Verfechterin für indianische Land- und Menschenrechte, wenn auch, wie sie selbst sagt, wenig erfolgreich: »Den Indianern wird bis heute Land weggenommen.«

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben die Sioux gute Chancen, den Kampf um ihr Land gegen die Regierung zu gewinnen: Am 9. September entscheidet ein Richter, ob Archambaults Klage auf einen Baustopp stattgegeben wird. Schon jetzt wertet der Sioux den Protest als Erfolg. »Wir sind ein widerstandsfähiges Volk, das unaussprechliche Härten überlebt hat. Wir wissen, was auf dem Spiel steht.« Und selbst Wagmuwahin lacht ihr herzhaftes Jungmädchen-Lachen. »Manchmal hole ich noch die Kampfstiefel raus und gehe aufs Schlachtfeld.«

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Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.