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München/Lokales 16. September 2016

Nach hinten buckeln, nach vorne treten

Von Bernhard Heckler  Fotos: dpa; danii/photocase.de

Zur Wiesn-Zeit stehen sie in München an jeder Ecke: Fahrrad-Rikschas, die Touristen für ein paar Euro zur Theresienwiese oder ins Hotel bringen. Hinter der Idylle steckt ein hartes Geschäft. Unser Autor ist zwei Saisons lang mitgefahren.

»Der Ton ist rau und direkt, aber daran gewöhnt man sich«, sagt unser Autor (der nicht auf diesem Bild zu sehen ist). »In der Regel herrscht unter den Fahrern Solidarität. Aber nicht immer.«
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Die Münchner Rikschaszene ist ein eigener Mikrokosmos. Man findet sich gut darin zurecht, wenn man einfache Regeln berücksichtigt: Drück nicht den Preis. Stell dich in der Wartereihe hinten an. Und, am wichtigsten: Nimm nicht vier betrunkene Pöbler auf einmal mit. Kurz, vermeide es, dich zu verhalten wie ich an meinem ersten Tag.

München im Juni. Die Nachmittagssonne taucht den Englischen Garten in gleißendes Licht. Es ist heiß. Eine Horde von zehn bis zum Haaransatz mit Alkohol aufgefüllten Engländern hat es irgendwie zu Fuß vom Hofbräuhaus zur Eisbachwelle geschafft. Unter ihnen mein erster Kunde, nennen wir ihn Gregory. Es ist heiß, es ist laut, Gregory kann nicht mehr. Da entdeckt er seine Rettung: mich. Zur Abfahrt bereit, mit branchenunüblich dünnen Beinen.

Gregory trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift »Oktoberfest 2012 – I survived«. Es verhüllt nur notdürftig seinen Bauch. »Araight Buddy, lz go«, lallt Gregory und wedelt mit einem Geldschein. Zwei seiner Kumpels quetschen sich dazu. 400 Kilo Fracht. Ich radle los, Kraft meiner Thomas-Müller-Beine. Als auf halber Strecke noch ein Engländer aufspringt, ächzt mein rechter Hinterreifen. Es quietscht und ruckelt, ich kann kaum noch die Spur halten. Als ich dann über einen spitzen Kiesel rolle, knallt es kurz, ich kriege Schlagseite und komme nicht mehr voran. Der Schlauch ist geplatzt, die Speichen verbogen. Ausgestattet mit zwei linken Händen schraube ich ein bisschen am Reifen herum. Viel ist nicht zu machen.
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Dass ich am nächsten Morgen wieder losradle, liegt nur daran, dass ich die Rikscha in meinem Anfangsenthusiasmus gleich für mehrere Tage gemietet habe. Am Marienplatz treffe ich einen erfahrenen Fahrer, der meinen Unfall beobachtet hat. Er gibt mir ziemlich klar zu verstehen, dass ich in Zukunft so einen Scheiß besser lassen sollte. Vier betrunkene Pöbler, die auf einer Rikscha hängen, werfen ein schlechtes Licht auf die gesamte Branche. »Wenn du schon Besoffene mitnimmst, dann wenigstens nicht mehr als zwei«, sagt er. Dann zeigt er mir, wie man mithilfe einer Bierkiste einen Reifen wechselt.

In den darauffolgenden Wochen lerne ich meine Kollegen kennen. Zum Beispiel einen Griechen, der in den Sommermonaten in München fährt und im Winter auf Kreta auf einem Bauernhof arbeitet. Er hat sich eine Rikscha in Form eines Bootes gebaut. Das Boot ist der Renner bei Kindern und bietet genug Platz, um darin zu übernachten – was der Grieche tatsächlich gelegentlich tut, um morgens vor allen anderen am Marienplatz zu stehen. Außerdem treffe ich einen Schwaben mittleren Alters, ein echtes Rikscha-Urgestein. Er sagt, er sei von Anfang an dabei gewesen. Er fährt in München seit 1997 Rikscha, hauptberuflich. In den Wintermonaten arbeitet er als Fahrradkurier. Erst ist er betont mürrisch, aber dann kommt er doch ins Reden.

Er erzählt mir von den Entwicklungen der Rikschaszene. Lange Zeit gab es nur die ›Pedalhelden‹, bis dann vor ein paar Jahren ein Zwillingspaar den ›Lederhosenexpress‹ gegründet hat und in den Markt gedrängt ist. Jetzt sind in den Sommermonaten etwa 150 Fahrer unterwegs. Zum Oktoberfest werden es rund doppelt so viele. Der ›Lederhosenexpress‹ vermietet seine Rikschas hauptsächlich an Studenten, verteilt Trachten-Outfits und ist ziemlich erfolgreich. Das finden natürlich nicht alle gut, die schon länger dabei sind. »Aber du scheinst ja okay zu sein«, sagt der Schwabe.

Viele der Kollegen sind ganz in Ordnung. Der Ton ist rau und direkt, aber daran gewöhnt man sich. In der Regel herrscht unter den Fahrern Solidarität. Aber nicht immer: Als mein Rad locker ist, muss ich mir einmal Werkzeug von einem anderen Fahrer ausleihen. Er gehört zu einer kleinen Zahl derer, die neue studentische Fahrer in Lederhosenkluft nicht skeptisch beäugen, sondern offen hassen. Jetzt stehe ich in seiner Schuld und er nutzt meine Lage, um mich in ein eigenartiges Machtspiel zu verwickeln: Beim Chinesischen Turm stehen wir nebeneinander. Er will, dass ich ihm als Dankeschön für das Werkzeug ein Eis kaufe. Die Art, wie er danach fragt, lässt keinen Zweifel daran, dass es Konsequenzen geben wird, wenn ich seinem Wunsch nicht Folge leiste. Seitdem grinst er mich jedes Mal, wenn ich ihn treffe, maliziös an und sagt: »Hey, kauf mir ein Eis!«

Ich fahre meistens gegen 10 Uhr aus der Garage und bin dann acht bis zehn Stunden auf der Straße. Ich weiß relativ schnell, wann ich wo stehen muss, um Kundschaft zu bekommen. Ab 11 Uhr ist der Marienplatz ideal, weil dann das Glockenspiel beginnt. Ab 13 Uhr ist eher der Chinesische Turm günstig, später dann die Eisbachwelle. In flautebedingten Pausen eigne ich mir historisches Wissen über die Oper, das Rathaus und andere Sehenswürdigkeiten an, für die Rundfahrten. Die klassische Tour startet am Rathaus, führt vorbei am Alten Hof, dann über die Oper und die Residenz zum Hofgarten. Dort möglichst nicht in dem Nadelöhr von Einfahrt steckenbleiben. Dann an der Staatskanzlei und dem Haus der Kunst vorbei, Halt bei der Eisbachwelle. Schweiß abwischen, schnell zwei Bananen reinstopfen und weiter zur FKK-Wiese. Dort entweder lang verweilen (mit amerikanischen Fahrgästen) oder schnell vorbeifahren und dem Mann helfen, die Frau vor dem Anblick zu schützen (mit saudi-arabischen Fahrgästen). Dann weiter zum Monopteros und schließlich zum Chinesischen Turm und wieder zurück.

Im Schnitt mache ich 10 bis 15 Fahrten pro Tag. Meistens Rundfahrten oder kurze Strecken, doch manchmal auch extravagante Spritztouren: Ein Mann aus Dubai zum Beispiel möchte zum Arzt gefahren werden, die Praxis ist in der Kaufingerstraße. Ich darf nicht hineinfahren, Fußgängerzone. Kein Problem, sagt der Herr, da finden wir eine Lösung. Tun wir dann auch. Die nächsten Stunden verbringe ich damit, den Mann schiebend durch die Fußgängerzone zu manövrieren. Das ist so ein Grenzfall. Erstens ist das, was ich da mache, alles andere als gern gesehen unter Rikschafahrern, zweitens ist es irgendwie erniedrigend. Als der Mann beim dritten Hutgeschäft nach einem Stopp verlangt, habe ich genug. Ich sollte dazu sagen, dass er keineswegs gehbehindert ist, im Gegenteil. Er hat einfach nur Lust, von mir geschoben zu werden. Als ich gehen will, holt er den nächsten Geldschein heraus. Ich bleibe dann doch.

In der zweiten Septemberhälfte ist es soweit: Das Oktoberfest beginnt. Ausnahmezustand, München verwandelt sich für drei Wochen vom größten Dorf der Welt in einen folkloristischen Sündenpfuhl. Im Rikscha-Geschäft ist das die Hochsaison. Die Fahrzeugmieten steigen um das zehnfache, mindestens. Und die Konkurrenz wächst immens. Da sich herumgesprochen hat, was für ein Geschäft beim Oktoberfest zu machen ist, kommen auch Rikschafahrer aus Berlin. Lastwagen spucken die ungebetenen Gäste zu Dutzenden aus.



Die Berliner bedienen nur die Landsbergerstraße zwischen Theresienwiese und Hauptbahnhof, weil sie sich in der Stadt nicht auskennen. Sie drücken die Preise und tragen durch ihre unerwünschte Anwesenheit zu einer ungeahnten Solidarität unter Münchner Verkehrsdienstleistern bei. Normalerweise gibt es ständig Streit – zwischen Taxifahrern und Rikschafahrern, zwischen Pedalhelden und Lederhosenexpress, zwischen Studenten und Hauptberuflern. Doch der Feind von außerhalb schweißt zusammen. Als mein schwäbischer Kollege mitbekommt, dass ein Berliner für die Hälfte des üblichen Preises fährt, stellt er ihn zur Rede. Ein anderer Berliner kommt hinzu und schubst den Schwaben leicht. Dann dauert es keine zehn Sekunden und eine Armada aus Taxifahrern, Pedalhelden und Lederhosen-Studenten umringt die bedauernswerten Eindringlinge. Wie ein gallisches Dorf, das sich gegen die Invasion der Römer stellt.

Wenn abends um 23 Uhr die Zelte schließen und die knutschende, weinende und kotzende Kundschaft zu Zehntausenden auf die Straße strömt, herrscht in der Landsbergerstraße die Straßenverkehrsordnung von Downtown Bangkok. Menschen defäkieren auf die Straße. Für mich als Mann ist die Oktoberfestzeit zwar hart und ich freue mich auch nicht gerade, wenn mir beispielsweise ein betrunkener Fahrgast beim Fahren auf den Rücken pinkelt. Doch zumindest kann ich mich durchsetzen und die rauswerfen, die sich daneben benehmen. Aber die wenigen Kolleginnen, die es gibt, sind ihren Gästen mehr oder weniger ausgeliefert. Leoni, eine andere Studentin, hat mir zum Beispiel erzählt, dass ein Gast ihr die gesamte Fahrt von der Theresienwiese bis zum Hauptbahnhof auf den Hintern gehauen und »Hüa! Hüa!« geschrien hat. Sie hat ihn und seinen Kumpel trotzdem weitergefahren, aus Angst vor Schlimmerem. Die Männer sind erst ausgestiegen, als ein anderer Rikschafahrer zu Hilfe gekommen ist. Ein Berliner, sagt sie.

Das Oktoberfest ist für Rikschafahrer extrem: Extrem lukrativ, aber auch extrem anstrengend. Es ist mein Höhepunkt eines lukrativen, aber anstrengenden Jahres. Die Saison ist jetzt vorbei. Im März geht es wieder los – allerdings ohne mich. Ich gehe über die Universität nach Istanbul. Da gibt es keine Rikschas.
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