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aus Heft 39/2016 Die Gewissensfrage

Abschied mit schwerem Herzen

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Wenn mir meine Freunde vor meiner Abreise ein riesiges Lebkuchenherz schenken: Muss ich es wirklich mitschleppen? Die Gewissensfrage.

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»Ich gehe für ein Jahr nach England. Meine Freunde haben mir zum Abschied als Erinnerung auf dem Oktoberfest ein einen halben Meter großes, schweres Lebkuchenherz mit persönlichem Gruß dekorieren lassen. Ich habe mich sehr gefreut, muss mich aber beim Gepäck beschränken. Muss ich das Herz mitnehmen, oder darf ich es zu Hause lassen oder sogar aufessen?« Antje R., München


Ihr Problem könnte man als das einer Elephantocuratur oder Elephantotinctur bezeichnen. Was Sie von Ihren Freunden bekommen haben, war nämlich ein - hoffentlich gut gemeinter, im Endeffekt aber zumindest fahrlässiger, trotzdem ziemlich eindeutiger - weißer Elefant.

Diese Einordnung geht zurück auf die realen weißen Elefanten, die in Thailand als heilig angesehen wurden. Der König von Siam hatte einen eigenen Stall für sie in seinem Palast, man durfte sie nicht zu Arbeit heranziehen, und es musste spezielles Futter in elefantösen Mengen bereitgestellt werden. Deshalb war es sehr teuer, diese Tiere zu halten. Wenn nun der König sich über einen seiner Höflinge ärgerte, schenkte er ihm kurzerhand ein solches Tier, der Beschenkte musste sich bedanken, hatte aber nur Kosten und stand bald vor dem Ruin.

Im Grunde ist Ihr Lebkuchenherz so ein weißer Elefant. Wegen des persönlichen, auf ihm angebrachten Grußes ist der sonst zum Essen gedachte Lebkuchen gewissermaßen heilig, man mag ihn nicht mehr zum Verzehr heranziehen. Und es entstehen Ihnen Verpackungsmühen und Kosten für Übergepäck, um das Geschenk in Ehren zu halten. Es sei denn, Sie geben den weißen Elefanten während Ihrer Abwesenheit zur Aufbewahrung, in Elefantenpflege, Elephantocuratur. Oder Sie essen ihn, wie man es mit gewöhnlichem Lebkuchen auch tut. Das würde bedeuten, Sie berauben ihn übertragen seiner weißen Farbe, färben ihn gewissermaßen um, eine Elefantenfärbung, Elephantotinctur.

Dürfen Sie das? Sie unterliegen nicht siamesischen Gesetzen, sondern nur den Regeln der Freundschaft, und die können nicht wollen, dass ein Geschenk Sie in erster Linie belastet. Deshalb lassen Sie es da oder essen Sie es, wie Sie wollen, und nehmen Sie nur die darin materialisierten Wünsche mit - leichten Herzens.
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Literatur:

Einen interessanten Überblick über die Geschichte des Idioms »White Elephants« im Englischen bietet diese Webseite.

Im Deutschen ist der Ausdruck vor allem durch die wiederholte Zeile »Und dann und wann ein weißer Elefant« in Rainer Maria Rilkes Gedicht »Das Karussell« bekannt, in welchem dem weißen Elefanten aber eine andere Bedeutung zugeschrieben wird:

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur daß er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.
Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, daß es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose Spiel ...
Dr. Dr. Rainer Erlinger

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