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aus Heft 47/2016 Die Gewissensfrage

Bei dir stinkt es mir

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf man einer guten Freundin ehrlich sagen, dass ihre unordentliche und dreckige Wohnung einen stört?


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»Die Wohnung einer guten Freundin ist ein einziges Chaos und stellenweise recht ungepflegt und dreckig. Mich stört und ekelt es teilweise. Darf ich etwas sagen?« Elisabeth S., Berlin

Normalerweise betone ich, wenn es darum geht, zu kritisieren oder Negatives mitzuteilen, dass es vor allem darauf ankommt, wie man etwas sagt. Das ist hier sicherlich auch von Bedeutung, ein »Du bist wirklich ein Schwein!« etwa wäre nur in extremen Ausnahmefällen angebracht. An dieser Stelle aber scheint mir etwas anderes wichtiger: nicht so sehr wie, sondern warum Sie etwas sagen wollen.

Da der Hinweis für Ihre Freundin potenziell verletzend ist, braucht es einen guten Grund dafür, ihn zu geben. Das kann – außer Sie wohnen teilweise bei Ihrer Freundin oder fürchten, bei einem Besuch an einer Hausstauballergie oder einer Infektion zu versterben – kaum Ihr eigenes Wohlbefinden sein, sondern das Wohl Ihrer Freundin.

Vielleicht hat Ihre Freundin ihren Kopf gerade woanders, vielleicht macht sie gerade eine schwere Zeit durch oder ist aus anderen Gründen gerade betriebsblind im eigenen Leben. Dann ist ein Hinweis, speziell unter Freunden / Freundinnen, etwas sehr Wertvolles. Manchmal geht es ja auch nur um den Stups oder den Blick von außen, der helfen kann und der wertvoll und notwendig ist. Gute Freundschaft, aber auch sonstige werthaltige Beziehungen bestehen nicht darin, jegliche Form der Kritik aneinander zu vermeiden, sondern umgekehrt gerade auch darin, sinnvolle und notwendige Kritik zu üben. Das Vorhalten eines Spiegels ist eine wichtige Aufgabe und gehört zu den Kernpunkten einer Freundschaft.

Aber eben nur in dem Sinne, dass Sie der Freundin helfen und nicht lediglich Ihre Vorstellung, wie die Welt beschaffen sein soll, möglichst großflächig durchsetzen wollen. Wichtig ist, sich dabei klarzumachen, dass jeder sein Leben so leben darf, wie er oder sie will. Und dazu gehört in gewissen Grenzen auch das Ausmaß an Sauberkeit.

Literatur:

Eine auf der Freundschaft als Modell aufbauende, wie er es nennt, postkantianische Moralphilosophie hat Anton Leist in seinem Buch »Ethik der Beziehungen« (Akademie Verlag, Berlin 2005) entworfen. Darin nennt er verschiedene unmittelbare Wünsche, die man an Freunde richtet: dass sie gesellig sind, nicht nur in Notfällen helfen, einen in hilfreicher Weise kritisieren und vertrauensvolle Gesprächspartner sind. Damit würden Freundschaften zum Selbstwertgefühl beitragen, eine unverzichtbare Rolle in der Selbsterkenntnis spielen und ein Ansporn zur Charakterentwicklung sein.

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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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