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Familie 25. November 2016

Ach Mama, was hast du nur falsch gemacht?

Von Nataly Bleuel  Foto: Neirfy/Fotolia.de

Berufsbildungskurse in der Schule. Beim Sohn unserer Autorin kommt ein Berufswunsch heraus, der die Eltern schockt. Oder ist alles nur Provokation?

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Ich weiß, wir sollen hier keine Panik machen als Mütter und Väter, Großmütter und Großväter. Alles easy! Schön ruhig bleiben! Ich bin auch nicht Gerichtsmedizinerin geworden. Obwohl ich meine Eltern einst mit diesem Berufswunsch entgeistert habe – mhmm, schön Leichen auseinanderfieseln! Mein einwöchiges Schülerpraktikum habe ich daraufhin tatsächlich im Krankenhaus absolviert.

Ich sage mir also: 1. Der Berufswunsch meines Sohnes kann sich noch ändern. 2. Man kann ihm dafür noch Jahre Zeit geben, ich wurde auch erst mit Mitte 20 erleuchtet. 3. Während eines Schülerpraktikums, erst recht, wenn es zwei Wochen dauert und dann noch in den Ferien, kann sich die Zeit dehnen, so schauerlich dehnen wie zehn abgekaute Bubblegums. So dass man danach zum Beispiel nie wieder ein Krankenhaus betreten will, nicht freiwillig und sonst erst recht nicht.

Mein Großer soll sich für nächsten Herbst einen Schülerpraktikumsplatz suchen. Dafür hat er jetzt in der Schule mehrere Tage Berufsbildungskurse. Da sollte er 150 beruflich ausführbare Tätigkeiten auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten. Hier ein Auszug aus dem Fragebogen:

Ich habe Spaß daran:
- einzelne Rohre zu einem Rohrsystem zusammenzuschweißen
- eine Bodenprobe physikalisch-chemisch zu untersuchen
- in einem Industrieunternehmen technische und kaufmännische Fragen aufeinander abzustimmen
- in einem Archiv zu entscheiden, welche Dokumente aufgehoben werden und wie sie geordnet werden sollen.
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Würden Sie meinen Sohn kennen, wären Sie spätestens beim zweiten Punkt in schallendes Gelächter ausgebrochen, so wie ich. Das ist mir dann aber vergangen, als er berichtete, er sei der erste in seiner Klasse gewesen, der direkt bei seinem Lieblingspraktikumsplatz angerufen und sich beworben habe. Wir hatten ihm ein paar Vorschläge gemacht, mit unseren tollen Kontakten: Bundestag, Sportschau, Theaterkantine, Bahnhofsmission – die Welt steht dir offen, Junge, du kannst dir was aussuchen!

Und mein Sohn, 14, sagte, die Brust in einer gefährlichen Mischung aus Stolz und pubertärer Provokation nach vorne gedrückt: »Ich habe direkt beim Nike-Store angerufen!«
Mutter: »Was? Wo?«
Sohn, mit Ich-nehm's-mit-dir-auf-Runzeln auf der Stirn: »Ja! Beim Nike-Store!!«
Mutter, die Contenance verlierend: »Aber du willst mir nicht sagen, dass dein Berufswunsch Schuhe-Verkaufen ist und dass du das für diesen Abzockerladen auch noch umsonst tun willst, in deiner kostbaren Schülerpraktikumszeit, wo du mal ein bisschen in andere Welten reinschnuppern kannst?«
Sohn, selbstverständlich: »Doch, find ich cool!!«

Ich habe geschluckt und den von meinem Sohn ausgefüllten Fragebogen weiterstudiert. Immerhin zwei Mal hatte er 6 von 10 Punkten angekreuzt, er hat also Spaß daran:
- Menschen mit Problemen zuzuhören und emotional zu unterstützen
- über ein aktuelles Thema gründlich zu recherchieren und einen umfassenden Artikel zu verfassen.

Ich habe gefragt: »Und warum hast du bei all den beruflichen Tätigkeiten nicht ein einziges Mal 10 für ›Das will ich werden‹ angekreuzt?« »Weil«, sagte mein Sohn, »Spieleragent da nicht steht.« Spieleragent wie: Ich habe Spaß daran, mein Hobby zum Beruf machen und mit geringem Einsatz megareich zu werden.

Einige Abende später, in geselliger Runde mit dem Vater und dem kleinen Bruder, ich entspannt und nicht mehr auf 180. Sagt der Kleine: »Ich werde mal Fußballer. Studieren tu' ich nicht. Höchstens danach.«

Sagt der Große und blickt mir nett lächelnd tief in die Augen: »Ach Mama, was hast du nur falsch gemacht in deiner Erziehung?«

Vielleicht, habe ich da gedacht, vielleicht sollten wir uns lockerer machen. Denn vielleicht ist es mit 14 einfach noch zu früh, sich zu überlegen, was man, bei aller statistischen Wahrscheinlichkeit, die restlichen 60 Jahre seines Lebens tagein, tagaus tun will. Weil man gerade einfach mehr Spaß daran hat, seine Mama und all die anderen verkrampften Erwachsenen ein kleines bisschen auf die Palme zu bringen.
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