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Literatur 22. Dezember 2016

Der Herr der himmlischen Bücher

Foto: Dan Cermak

Zwölf Millionen Euro kostet das teuerste Buch im Besitz von Heribert Tenschert, Sammler mittelalterlicher Handschriften. Eigentlich zu billig, findet er.

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Sein teuerstes Buch kostet zwölf Millionen Euro. »Gemessen an der sternenfeuerhaften Schönheit und am kunsthistorischen Weltrang dieses Buches ist das nichts«, sagt Heribert Tenschert. »Ich könnte genauso gut 30 Millionen Euro verlangen.«

Was den Preis rechtfertigt?

»Es handelt sich um handgeschriebenes, unvollendetes Gebetbuch, das um 1400 von einem der Brüder von Limburg mit dreißig großen Zeichnungen von schier übermenschlicher Vollendung versehen worden ist«, sagt der Antiquar und Händler, der eine Viertelmillion Bücher besitzt. »Die Niederländer Paul, Johan und Herman von Limburg sind die berühmtesten Handschriftenmaler, die es je gegeben hat. Sie haben zuerst für Philipp den Kühnen von Burgund gemalt und dann für Herzog Johann von Berry. 1416 sind alle drei Brüder mit Anfang, Mitte 30 an der Pest gestorben. Mein Manuskript ist eins von vieren, das unzweifelhaft von einem von ihnen stammt. Sie sehen, in welchem Himmelskreis der Kunst wir uns da befinden.«

Verwahrt wird die Pretiose in Tenscherts Anwesen im Schweizer Kanton Schaffhausen in einem begehbaren, 20 Quadratmeter großen Panzerschrank, der mit einer 60 Zentimeter dicken Stahltür gesichert ist. Neben dem Gebetbuch steht die Erstausgabe von Goethes in Latein verfasster Dissertation aus dem Jahr 1771, Titel: Positiones Juris. Nur vier Originalexemplare der zwölf Seiten langen Schrift sind noch erhalten. Tenschert besitzt das einzige Exemplar, dessen Seiten noch nicht aufgeschnitten wurden.

Seine Passion für seltene Bücher entdeckte der 69-Jährige schon als Teenager. Zum Abitur wünschte er sich von seiner Mutter die Erstausgabe von Zettels Traum von Arno Schmidt. Von 1969 an studierte er in Freiburg Altphilologie, Romanistik und Germanistik, nach 16 Semestern verließ er die Universität ohne Abschluss. »Nach drei Semestern habe ich mich nur noch mit Mittelalter-Romanistik beschäftigt. Parallel baute ich eine kleine Bibliothek mit 5 000 bibliophilen Bänden auf. Mit diesem Grundstock gründete ich mit 29 Jahren eine Antiquariatsbuchhandlung in Rotthalmünster in Niederbayern. Nach einem Jahr bot mir ein Kölner Sammler, der seinem Ende entgegenging, 3 500 Bücher aus dem 17. bis 19. Jahrhundert für 500 000 Mark an. Ich erwarb die Sammlung mit einer Bankbürgschaft meines Großvaters. Von da an war ich im Geschäft.«

Im März nächsten Jahres wird der Buchhändler zum Verleger. »Da ich den Schriftsteller Martin Walser so liebe, wie ein Mann einen anderen lieben kann, ohne ihm körperlich nahe zu kommen, schenke ich ihm seine gesammelten Werke zum Geburtstag. Da ich überdies eine Abneigung gegen Thomas Bernhard kultiviere und seine gesammelten Werke bei Suhrkamp 22 Bände umfassen, bringe ich den gesammelten Walser in 26 Bänden plus einem Registerband heraus - und das in der denkbar würdigsten Art und Weise, also nicht möglichst klein mit fehlendem weißen Rand und schäbigem Einband.«

Was ihn das kostet?

»Weniger als eine halbe Million Euro. Wir werden 1 000 Exemplare zum Preis von circa 850 Euro drucken.«

Im Interview mit SZ-Magazin-Autor Sven Michaelsen verrät Tenschert außerdem, warum seine Gewinnspanne schon mal bei 2 000 Prozent liegen kann und warum die Restaurierung des Bildes einer biblischen Nackten in einem alten Stundenbuch für ihn zu den »größten Genugtuungen« seines Berufslebens gehört.

Lesen Sie das komplette Interview jetzt mit SZ Plus.



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