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Neue Fotografie 28. Dezember 2016

»Ich wurde ausgelacht, weil ich Reis aß«

Interview: Kim Lucia Ruoff  Fotos: AnRong Xu

Der Fotograf AnRong Xu erklärt, warum Nicht-Weiße es gerade schwer haben in Amerika – und warum viele ältere US-Chinesen dennoch für Trump gestimmt haben.

 

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Name:
AnRong Xu
Alter: 26.11.1989
Wohnort: New York
Website: www.anrongxu.com
Ausbildung: Fotografie an der School of Visual Arts in New York

SZ-Magazin: Sie sind in China auf die Welt gekommen, aber in New York aufgewachsen. Haben Sie damals zwischen zwei Kulturen gelebt?
AnRong Xu:
Später war ich definitiv zwischen den Kulturen gefangen, aber nicht in meiner frühen Kindheit. Wir lebten damals in Chinatown und das einzige, das ich in dieser Zeit von der amerikanischen Kultur mitbekommen habe, war das US-Fernsehen. Als ich 8 Jahre alt war, sind wir nach Queens gezogen. Das war ein Schock für mich. Davor wusste ich eigentlich gar nicht, dass ich Chinese bin. Aber auf der neuen Schule wurde ich dafür gehänselt. Viele verstanden die Umgangsformen nicht, die ich von Zuhause kannte und als völlig normal ansah.

Dabei gilt New York doch als Inbegriff einer liberalen und kosmopolitischen Stadt.
Eine Menge Leute in New York sagen »Wir sind ein großer Schmelztiegel«. Aber eigentlich sind wir das nicht. Ich sehe dieses Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und Ethnien dort mehr als einen großen Salat. Es gibt viel verschiedenes Gemüse, aber jeder bleibt doch irgendwie für sich. Ich wurde ausgelacht, weil ich Reis aß oder dafür, dass ich meine Schuhe ausgezogen habe, wenn ich bei jemandem zu Besuch war. In der Schule musste ich mich verhalten wie ein Amerikaner, daheim war alles chinesisch geprägt. Damals fing ich an zu hinterfragen, wer ich eigentlich bin.

Für Ihr Fotoprojekt »My Americans« sind Sie auch nach Kalifornien und San Francisco gereist. Welche Erkenntnisse haben Sie überrascht?

Überrascht hat mich, wie stark die chinesische Kultur in jedem von uns verankert ist, egal ob in Kalifornien oder New York. Die Art, wie wir essen, die Art, wie wir unsere Zuneigung zeigen und auch unser genereller Lebensansatz. Die amerikanische Seite sagt dir: »Du bist etwas Besonderes, du bist einzigartig«, die chinesische dagegen: »Sei nie zufrieden mit dem was du erreicht hast«. Ich habe selbst gemerkt, wie chinesisch ich wirklich bin. Auf der anderen Seite, habe ich aber auch gerade unter jungen Leuten gespürt, dass sie mehr betonen, zu Amerika zu gehören und einen wichtigen Teil zu diesem Land beizutragen.

Was unterscheidet die Generationen?
Bei der Generation meiner Eltern herrscht das Gefühl vor, nichts für selbstverständlich zu nehmen. Sie haben sich alles, was sie jetzt besitzen, hart erarbeitet. Ich würde sagen, sie sehen sich selbst nicht wirklich als Amerikaner, sondern leben in ihrer eigenen kleinen Blase in Chinatown. Es ging meinen Eltern darum sich einzurichten, in diesem für sie damals fremden Land. Nach all den Jahren, die sie jetzt schon hier leben, sehen sie New York mittlerweile aber als ihre Heimat.

Wie wählen Sie Ihre Motive aus?
Meinen Fotos geht oft eine lange Recherche voraus. Ich verbringe viel Zeit damit, herauszufinden, wer die interessanten Personen in einer Community sind – gibt es vielleicht einen spannenden Sportler oder einen insgeheimen Anführer? Ich versuche diese Menschen zu fotografieren, während sie einfach ihr Leben leben. Manchmal habe ich aber auch Glück und laufe in eine Situation, die für mich genau verkörpert, wie es ist chinesisch-amerikanisch zu sein.
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Donald Trump und seine Anhänger machen Stimmung gegen Immigranten. Spüren Sie etwas davon?

Ich weiß, dass ein großer Teil der älteren chinesischen-amerikanischen Community sogar für Trump gestimmt hat. Begründet haben das viele damit, dass Trump ein guter Geschäftsmann sei, obwohl das natürlich Blödsinn ist. Trumps Hexenjagd gegen Minderheiten trifft vor allem Mexikaner und Latinos. Ich glaube, es gibt sicher auch viele unregistrierte Chinesen im Land, aber zurzeit steht die nicht im Fokus. Ich habe aber ehrlich gesagt schon Angst um meine Freunde und meine Familie und das, obwohl ich in einer kosmopolitischen Stadt wie New York lebe. Es gibt immer Leute, die einen in der U-Bahn oder auf der Straße dumm anmachen könnten. Es ist zurzeit nicht einfach, als nicht-weiße Person in Amerika zu leben.
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