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Hit, Hit, Hurra: Chartskolumne 31. Dezember 2016

Das Hit-Orakel

Von Jan Stremmel  Foto: Tom Munro/Sony Music

Sagen die Hits eines Jahres etwas über dessen Ablauf aus? Unser Autor hat die Songs des Jahres nochmal angehört und bei Justin Timberlake und Adele prophetische Qualitäten entdeckt.

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1. Der Winter
Adele: »Hello«

Hello, Servus, neues Jahr, da bist du ja endlich! Der Song von Adele, die erste Nummer eins des Jahres, wirkt im Rückblick geradezu naiv: Noch lebten Prince, David Bowie und Muhammad Ali, und Adele sang vom Liebeskummer, als gäbe es nichts Schlimmeres. Zumindest auf den ersten Blick. Denn von heute aus betrachtet ist natürlich klar: Der Song war ein letzter Gruß aus dem unschuldigen 2015. Und Adele schwante bereits, was für ein Umbruch da bevorstand, deshalb sang sie nicht einfach »Hello«, sondern »Hello from the other side«.

Eff: »Stimme«


Wahlen in Baden-Württemberg, Wahlen in Rheinland-Pfalz, in Sachsen-Anhalt, Meck-Pomm und Berlin. Und dann natürlich das Brexit-Referendum, der Kampf um die US-Präsidentschaft und die österreichische Stimmzettel-Komödie: Gefühlt wurde 2016 jeden Abend irgendwo auf der Welt ein Haufen Stimmen ausgezählt und dann darüber gestritten. Felix Jaehn und Mark Forster, alias »Eff«, hatten freilich schon im Februar erkannt, dass es das Jahr der Stimme werden würde. Ein wahrlich visionärer Hit!

2. Der Frühling
Sia feat. Sean Paul: »Cheap Thrills«


Der »Cheap thrill«, also billige Nervenkitzel, den Sia und Sean Paul mit ihrem Hit im Frühling besingen? Nun, ganz offensichtlich wird hier das irrste Phänomen des Sommers 2016 vorweggenommen. Wenige Wochen nach Erscheinen des Songs luden Millionen Teenager weltweit ein Programm namens Pokémon Go auf ihr Smartphone - nicht nur »cheap«, sondern sogar kostenlos - und empfanden einen unerklärlichen Thrill dabei, durch ihre Nachbarschaft zu rennen und Baby-Monster zu fangen. Was dabei auf dem Kopfhörer lief? Natürlich nur diese Zeile: »No, I ain't got cash, I ain't got cash / but I got you baby«.

3. Der Sommer

Justin Timberlake: »Can't Stop the Feeling!«


Kein Zufall: Der fröhlichste Hit des Jahres stand ausgerechnet im Juni auf Platz eins. Also exakt zur Jahreshälfte, sozusagen als Halbzeit-Unterbrechung. Einiges war bereits schief gelaufen, im Wochentakt starb irgendein Superstar, der Brexit näherte sich seinem düsteren Finale, aber Justin Timberlake düdelte im Radio unbeirrt: »Ain't nobody leaving soon, so keep dancing«. Nun ja, beim »leaving« hat er sich verschätzt, wie man heute weiß. Aber, uff, man will gar nicht darüber nachdenken, wie das Jahr weitergegangen wäre ohne diesen Gute-Laune-Tankstopp!

David Guetta feat. Zara Larsson: »This One's for You«

2016 war ein Jahr der Heimzahlung. Alle möglichen Leute rächten sich an irgendwem, zeigten es irgendwem, lehnten sich gegen irgendwen auf. Die Briten gegen die EU, die Rust-Belt-Bewohner gegen Hillary Clinton, die Sioux-Indianer gegen den Bau einer Pipeline und so weiter. David Guetta, der zartfühlende französische Seismograf, lieferte zur allgemeinen Stimmung den passenden Hit: »This One's for You«, vulgo: »Hier, das hast du nun davon, schreib's dir hinter die Ohren, du Sau!« Ach ja, Frankreich kickte zu dem Song kurz darauf Deutschland aus der Europameisterschaft.

4. Der Herbst
Imany: »Don't Be So Shy (Filatov & Karas Remix)«


Hochbrisantes Thema, das dieser Song anspricht! »Take off your clothes / Blow out the fire / Don't be so shy« - in Sachen Erotik lässt einen so ein Befehlston ja nach allem, was man dieses Jahr sehen und hören musste, sofort zusammenzucken. Bezieht sich die Sängerin da etwa auf die Flirttechnik des künftigen US-Präsidenten? Zieht sie eine ironische Parallele zur No-means-no-Debatte? Ach, egal, jedenfalls toll, dass die Menschen im Herbst 2016 einen derart mutig-kontroversen Hit auf Platz eins der Charts hoben!

5. Der Winter
Rag'n'Bone Man: »Human«


Das kann nun wirklich kein Zufall sein. Am Ende eines Jahres, in dem ziemlich viele Menschen ziemlich historischen Mist gebaut haben (siehe oben, die Sache mit den Stimmzetteln), ausgerechnet jetzt steht also dieses Lied an der Spitze der Charts. Ein Song, dessen zentrale These lautet: "I'm only human after all / don't put the blame on me". Es ist, als hätten sich alle Musikkäufer des Landes nochmal zusammengetan und eine Jahresabschluss-Erklärung herausgegeben: "Joah, dieses Jahr ging mal richtig nach hinten los. Dumm gelaufen. Aber schiebt das bloß nicht uns in die Schuhe! Wir sind nämlich auch nur Menschen."

Was bleibt? Hoffnung natürlich! Darauf, dass ganz viele Popstars gerade an neuen Hits arbeiten. Und dass deren Arbeitstitel lauten: »Everything's awesome again«, »Hate & war (is so 2016)« und »Lots of Love (2017 Re-issue)«.

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Jan Stremmel

Auf welches Lied können sich gerade alle einigen? Warum? Und was ist das Besondere daran? In dieser Kolumne besprechen Jan Stremmel und Max Fellmann jede Woche die Hits der aktuellen Single-Charts. Jan Stremmel ist von Hitparaden fasziniert, seit er sie als Kind im Autoradio seiner Eltern hörte: immer Freitagabend auf der Heimfahrt vom Judo-Training. Für Platz drei bis eins blieb er häufig noch eine Viertelstunde im geparkten Auto sitzen.